Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mo. 34. Jahrgang iv. llgem eine Berlln, 23. August 1895. Herausgeber: Ä. Levin, ZLerlin. Bezugspreis: viertekjäyrk. 2 Mli. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland: MK. 2,5V. ,Hu beziehen durch die Post lnifcre^^^ebitionenuji^^J^Li^iüiiiLÜi^L. Inhalt: I Bcschcidenheit. ^iach 2i, Jahren. koscher- Bon Bar Minan. . Ter „Angebliche" ans dem „Deutschen Volksrecht." Lehrerelcnd. - Tie ^'inwanderuttgsfrage in England. Noch einmal das Grostrabbinat von Bulgarien. Von 1>r. N. Bicrcr. : Die Juden in Nom. ik 1-' Entgleist! Von Wilhelm Feldman, r. Wochenchronik. . Briefn. Fragekasten. - Kalender. — Anzeigen. Keschtidtnhkit. Nicht über den Mangel an Bescheidenheit unsrer Gegner sondern über den non diesen gegen die Inden erhobenen Vorwurs der Unbescheidenheit wollen wir sprechen, und wir können dies uni so eher, als wir nicht fürchten müssen, mißverstanden zu werden, wenn wir die Grenzen der Bescheidenheit statuiren wollen, da wir häufig und eindringlich diese Tugend ebenso sehr als eine moralische Forderung wie als ein Postulat der Klugheit hingestellt und unserer rückhaltlosen Entrüstung Ausdruck gegeben haben, so oft gegen diese Forderung gefehlt wurde. Freilich die Antisemiten sollten uns nicht über Bescheidenheit belehren wollen, eS sei denn, daß sie sich diese Tugend im Laufe der Zeiten selbst eignen wollen; wir können ohnehin von den Kanzeln der Synagogen die nötige Belehrung empfangen. Aber wenn wir Bescheidenheit üben wollen, so müssen wir doch auch wissen, was Bescheidenheit ist. „Müyigung in Ansprüchen überhaudt," meint der alte Kant, „d. i. freiwillige Einschränkung der Selbstliebe eines Menschen durch die Selbstliebe Anderer heißt Bescheidenheit." Ist dies richtig, so folgt zunächst, daß die Bescheidenheit ^als eine freiw illi ge Einschränkung eine rein persönliche Tugend, d. h nur eine solche sein könne, durch welche die Selbstliebe der betreffenden Person eingeschränkt wird. Der Bescheidene kann für sich, aber nicht für andere bescheiden sein. Was würde man z. B. von dem Patriotismus eines Mannes denken, der im Auslande sein Vaterland, dessen Bürger, dessen Regierung und Einrichtungen geflissentlich herabsetzt, oder auch nur gegen Angriffe nicht in Schutz nimmt, um die Tugend der Bescheidenheit zu üben? Hat er ein Recht für sein Vaterland bescheiden zu sein?- In ähnlicher Weise befinden sich die Juden den Antisemiten gegenüber, welche ihnen wohlwollend Bescheidenheit anempsthlen, so oft sie ihren Glauben und dessen Reinheit gegen Angriffe verteidigen, ihre bürgerliche Stellung sich er- Htedaktion und Verlag: chr I»amburgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Sf,, nehmen alle Annoneen-Lrpeditione» sowie unser Bureau entgegen. obern, die Gleichberechtigung vor dem Gesetze wahren wollen. Hat derjenige Jude, welcher es unternimmt, seinen Glauben und seine Glaubensgenossen zu verteidigen, und dadurch eine moralische Verpflichtung aus sich uimmt, das Recht, für seine Religion und leine Religionsgenossen bescheiden zu sein? Er kann seine eigene Person so gering, als es die Selbstachtung zuläßt, hinstelleu, aber ist es noch Bescheidenheit, wenn er gegen sein Gewissen die Inferiorität der jüdischen Religion zugiebt, oder wäre dies Verrat an seiner lleberzeugung und den übernommenen Pflichten? Man wird es von seiner Bescheidenheit erwarten, daß er nicht sein eigenes Lob singt, selbst wenn es verdient wäre, aber hat er das Recht, einer Gesammtheit, wenn er auch selbst derselben augehört, das ihr gebührende Lob vorzuenthalten? Eine solche Bescheidenheit märe willkürliche Einschränkung der Selbstliebe anderer und nicht freiwillige Einschränkung der eigenen Selbstliebe. Wenn uns also die Antisemiten durchaus belehren wollen, so mögen sie jeden einzelnen. Juden, der einen Akt der Unbescheidenheit begeht, rückhaltslos öffentlich beschämen, aber sie haben kein Recht, die Juden der Unbescheidenheit zu zeihen, wenn sie ihren Glauben oder die jüdische Gesamtheit verteidigen, gerade so wie z. B. ein Deutscher wohl für seine Person unbescheiden sein kann, niemals aber, wenn und insofern er das Deutschtum in Schutz nimmt! Wenn der Vorwurs der Unbescheidenheit in diesem Sinne dennoch von Antisemiten erhoben wurde, so beweist dies nur, daß die Antisemiten das Wesen der Bescheidenheit verkennen, was wir freilich auch ohne diesen Beweis p bemerken Gelegenheit hatten. Aber es beweist noch mehr. Es beweist, düß die Juden die richtige Taktik gewählt haben, wann und wo sie bei aller persönlichen Bescheidenheit diese energische Verteidigung, welche von den Antisemiten unbescheiden genant wird, angewendet haben. Die Juden verlangen den Schutz der Gesetze, die Menschenrechte, für sich und man antwortet ihnen: „Das ist unbescheiden". Sie verteidigen ihre Religion gegen eine infernalische Verläumdung: — „unbescheiden". Sie wollen Nachweisen, daß ihre GlanbeuSgeuoffeu nicht aus jener tiefen Stufe der Moral stehen, wie die Antisemiten glauben machen wollen: — „unbescheiden." Ist da nicht die Frage erlaubt, ob die Herren Antisemiten nicht die bloße Existenz der Juden als eine Unbescheidenheit ansehen und es für ein Postulat der Bescheidenheit halten, daß sich sämtliche Juden eines schönen Morgens die Hälse durchschnitten? Die Juden, werden sich eine solche Kampsesweise zur Warnung dienen lassen und die Grenzen der gebotenen Bescheidenheit genau iunehalten müssen, wollen sie nicht aus Bescheidenheit auf alle ihre nach tausendjährigen Leiden erkämpften