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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
Seite 530 (sequence 10)
Language
German
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Seite 580. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. kommen war. Er war Doktor der Medizin mw der Rechte, befaßte sich dabei eifrig und mit einer Gewissenhaftigkeit, die von mehr als gewöhnlichem Dilettantismus zeugte, mit philosophischen Problemen und insbesondere mit dem Studinm der sozialen Frage. Jakob vereinte in sich (Gelehrsamkeit und Energie mit einem ungewöhnlichen Rednertalent und sprach insbesondere mit Klara gern und lange. Klara blendete er. Sie hatte sich bisher als ein gebildetes Frauenzimmer betrachtet, und mit Recht, denn auf galizifche Weife war sie gebildet. In dem besten Konvikte, welches sie in Lemberg besuchte, hatte sie einen Vorrat von Wissen ausgestapelt, welches einer rationellen Kritik nicht Stand hielt. Von dem Vorhandensein sozialer Wissenschaften hatte sie aber keine Vorstellung; jegliche philosophische Weltansicht war ihr fremd, trotzdem sie seit der Zeit, als die Erfahrung das Gebäude ihrer früheren religiösen Träume untergrub, kämpfte; von einer Rolle der Wissenschaft tm Leben und ihrem Zusammenhänge mit der Existenz der Menschheit hatte sie "nie gehört. Von der geistigen Bewegung im Auslande konnte sie weder in den deutschen Familienblättern noch in den Lemberger Zeitungen etwas erfahren. Allein sie befaß eine ästhetische Bildung, war in der Belletristik sehr belesen uno streifte oberflächlich viele ernstere Dinge, über welche sie übrigens gern und mit Anmut sprach/ Und jetzt näherte sich ihr plötzlich ein Mann, der bei jeder Diskussion sagte: „Betrachten wir näher diese Angelegenheit", sich mit 'den Worten „ich glaube" „es scheint mir" u. s. w. nicht begnügt, eine, wenn auch die allerschönste, aber leere Phraseologie und Gemeinplätze nicht litt, ihren glatten Redestrom mit dem Ruse: „Das sind Worte" nichts als Worte, unterbrach und sich schließlich nicht als ein solcher Mensch erwies, an den sie früher ohne Abscheu einfach nicht denken konnte, und den sie jetzt demütig bewundern und mit herzlichem Interesse und mit dem Aufgebot all ihrer geistiger Kräfte hören mußte. Klara begann so zu sagen eine neue Erziehung und es vollzog sich in ihrem Kopse eine geistige Gährung, eine vollständige Umwandlung. Ihren Augen zeigte sich eine neue Welt. Im ersten Momente blendete dieselbe sie mit ihren: Glanze, betäubte sie mit dem Andrange der srischen Gedanken und erdrückte sie mit der imponierenden Ueberlegenheit ihrer Ideen aus jedem Gebiete des Geistes und des Lebens. Durch einige Monate arbeitete sie unaufhörlich und unermüdlich bei den Büchern, deren Titel sie früher abschreckte. Jakob bewunderte ihre scharfsinnige Fassungskraft, die reiche Phantasie ihrer Begeisterung, ihren Eifer bei der Arbeit, im allgemeinen die höhere Intelligenz, wie bei einem Durchschnitts- Mädchen mit „offenem Kopse", ihre ernste Lebensanschanung, den Edelmut ihrer Bestrebungen und ihre Vorliebe öffentliche Angelegenheit und soziale Frage zu erörtern und zu prüfen, was beiden Galizianerinnen noch seltener der Fall ist. Und jener unbeschreibliche, ein junges und schönes Mädchen schmückende Liebreiz, das was Goethe das Ewig-Weibliche nannte und was von Klara mit elekrischer Strömung ins Herz des jungen heißblütigen Mannes wehte, unterjochte ihn vollends. Klara profitierte viel und anfänglich interessierten sie hanptsüchlich die Ansichten, welche der junge Gelehrte über Judentum und Ehristentum, über das Verhältnis dieser beiden Konfessionen zu einander iwihrem gemeinschaftlichen Ursprünge und ihrer späteren Trennung, verkündete u. s. w. Diese Anschauungen machten die im Gemüte des jungen Mädchens groß gezogenen, durch und durch negativen Vorstellungen von dem Glauben ihres Stammes, welche sie vorwiegend zu dem falschen Schritt, dem Konsessionswechsel trieb, zu Schanden' Obwohl dem Berufe uach den theologischen Fragen fremde hatte der Doktor die jüdischen Angelegenheit in von ihrer historisch-sozialen Seite mit Vorliebe studiert, und einige Jahre in Wien weilend, hatte er Gelegenheit, sich mit dieser Angelegenheit in den besseren jüdischen Kreisen, wo er gerne verkehrte, gründlich bekannt zu machen. Die allgemeinen, philosophischen und Landesangelegenheiten boten beiden eine unerschöpfliche Quelle der Unter- . Haltung, aus welcher sie selbst den „schrecklichen" Talmud in! seinem wahren Lichte näher kennen lernte. Jakob ahnte augenscheinlich, daß das neben ihm sitzende Mädchen, welches ihn flammenden Auges anstarrte, jedes seiner Worte verschlang, jeden seiner Gedanken mit empfand und in das Gewand der Poesie kleidete, auf sein Leben einen entscheidenden Einfluß ausüben werde. Vorläufig ging er in Karotka nicht müßig. Ein Feind jeglichen Doktrinarismus und aller Phrasen, arbeitete er nicht nur mit dem Munde. Der reiche Miteigentümer Karotkas beschloß vielmehr, sich in der nahen Kreisstadt niederzulassen, eine ärztliche Praxis 511 beginnen, sich in den weitesten und insbesondere in den Bürger- und Arbeiterkreisen der ungeheueren Naphtagruben der Umgegend bekannt zu machen, ihr Vertrauen zu erwecken, sich mit der Lage des Landes gründlich vertraut zu machen, und nach einer gewissen Zeitperiode, nach Beendigung aller Vorarbeiten, die Bühne der öffentlichen Wirksamkeit zu betreten, vor allem ein eigenes publizistisches Organ behufs Propagierung seiner Grundsätze und Organisierung der Partei zu gründen und dann . . - Und dann? Darüber sprach er mit Klara lange, viel und vertraut, so daß es ihn gar im Gespräche genierte, sich fortwährend des Wortes „Fräulein" bedienen zu müssen, weshalb er es ausgab und das traute „Du" anwendete, woran sich Klara nur schwer gewöhnen konnte.*) — Das Ehepaar Marmor schaute mit Befriedigung ans das nahe Verhältnis der jungen Leute, sich' aber an den Diskussionen nicht beteiligend, infolge ihrer „Langweiligkeit und träumerischen Natur", wußte aber nicht, wie iveit die Sachen gediehen sind. Und Klara fürchtete daran zu denken, und Jakob wollte nicht daran denken. Gleich nach seiner Ankunft ans dem Lande, begann er seine Praxis unter den Bauern. Die Zeit war eine schwere. Man war vor der Ernte und nach einer Ueberschwemmnng, und entsetzliches Elend und Hungertyphus herrschten. Der Herr Elias schüttelte das Haupt, und schaute mit einen: zweideutigen Lächeln, wie Jakob in hohen Stieseln täglich ins Dorf ging und an seiner Seite Klara mit einen: Körbchen Medikamente, in welchen: sich nicht selten auch ein Tops nahrhafter Suppe, Fleisch und Wein befanden. Und beide jung, schön und edel, betraten sie zusammen die verfallenen Hütten, wo Schmutz und Elend, Krankheit und Sittenverivilderung herrschten, wo der Kern der sozialen Frage und das Los der R'ation sich befanden, und brachten Trost und Hilfe. Und wenn sie nach Hause kamen, gingen oft einige Häusler mit leeren Säcken, die der Scheunenausseher dann mit Getreide füllte, hinter ihnen (icr; mehr als ein arruer Mensch wurde in den Stand gesetzt, die ihn bedrückenden Steuern zu zahlen, und mehrere — ihre Söhne in den städtischen Schulen unterhalten zu können. (Fortsetzung folgt.) Im Polnischen existiert das Wort „Sie" nicht, sondern „Tn" oder „Herr" re.

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