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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · p. Seite 529

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
Seite 529 (sequence 9)
Language
German
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Nr. M. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile e»2!>. würden. Sie erwiderten: „Gnade können wir von dir nicht annehmen, denn wir lwden geschworen, dies nie nnd ninirnerinehr zu thun; dagegen bitten wir um Neien Abzug, um11110 mit Weid und .mindern in eine Einöde degedcn zu dürfen." Empört über solche Forderungen von Besiegten überließ Tituc. die Stadt der Plünderung seiner wütenden Soldaten; am folgenden Tage wurde alles eingeäschert; das Feuer verdreitete '• sich bald über die ganze untere Stadt; die mit den Leichnamen ' der Berlinngerten angefüllten (lassen boten ein entsetzliches , Flammenmeer dar. Nun warfen sich die in Verzweifln» gmvut geratenen Zeloten in den königlichen Palast der Oberstadt, vertrieben die Nömcr daraus und mordeten in ilmcm Wahnwitze die ganze dort versammelte wehrlose Volksmenge, gegen 8400 Menschen. Fm Hinblick auf die brennende Stadt erklärten sie, mit fröhlicher Miene den Tod erwarten zu wollen, da das Volk dahin, der Tempel verbrannt, bie Stadt in Flammen anfgegangen, und so den Feinden nichts mehr übrig geblieben fei. Da nun Titus fortwährend darauf bestand, daß sie sich ans Gnade ' und Ungnade ergeben müßten, so begann das Morden von neuem, Lange aber konnten die jüdischen, von stetem Kampfe ermatteten Krieger diese neue Belagerung in der Oberstadt nicht mehr aushaltcn; die Fdninäer, durch das Auffahren der Sturmböcke gegen die Burgmauer entmutigt, traten mit Titus in Unterhandlung; als dies Simon erfuhr, ließ er die Haupt. , rädelsführer hinrichten nnd die anderen einkerkern. Dies war jedoch der letzte Gebrauch seiner Waffen; bald hatten die Nömer auch die Oberstadt in ihrer Gewalt, woselbst sich die schrecklichen Brand- und Mordszenen wiederholten. So war bis zum andern Morgen auch dieser Stadtteil ei» Nanb der Flammen geworden, nnd nur rauchende Trümmerhaufen zeugten von der einstigen Größe und Herrlichkeit; nur drei Türme, Phasac-l, Mariamne nnd HippikoS hatte Titus als Zeichen seines ungeheuren Sieges nnverschont zu lasten besohlen. Ueber eine Million Menschen waren während der Belagerung dem Tode geweiht, an .Hunderttausend gefangen genommen worden; die meisten geborenen Juden, jedoch nicht aus Jerusalem. Tie Armen waren zur Zeit des „Berfchonnngsfestes" nach Jerusalem gewandert, um dort zu opfern, und wurden selbst schonungslos das Opfer des römischen Schwerte-:-, teils der Wut ihrer eigenen Brüder, teils des t Würgengels der Hungsrsnot! - „Da trauerten die Wege nach Zion, weil die Festbesncher dahin, alle ihre Thore verwüstet waren." . . . (.Ulagl. 1, 4.) So ward die heilige Gottesstadt znm zweiten Male er - obert und zerstört. Am kl. hatte Nebnkndnezar den ' elften Tempel vernichtet, «50 Fahre später stürzte der zweite; Tempel und zivar an ein und demselben Tage unter den Feuerbränden der Nömer, nnd mit ihm war der letzte Nest; des jüdischeil, Staates zu Grunde gegangen. Nach der Zerstörung Jerusalems hörten die Israeliten - auf ein Volk von politischer Bedeutung zu sein; in alle Welt j verschlagen, und durch die Nömer nach allen Himmelsgegenden als Sklaven verkauft, schienen ihre Onalen nie enden zu sollen. , In römischen Ländern wurden sie meistenteils, ivenn des Henkers Schwert sie nicht ereilte, den wilden Tieren in der Nennbahn zur Belustigung des röinischen Pöbels vorgeworfen, ' oder nach auswärts an barbarische Völker verkauft. Von den Fuden, die sich zur Zeit Neros und Vespasians auf dem z jüdischen Boden befanden, sind äußerst wenige am Leben 4 geblieben; das jüdische Volk, welches von nun an nur noch l als Neligionsgemeinschaft fortbestand, regenerierte sich wieder teils aus denjenigen seiner Angehörigen, ivelche schon früher in Babplon seit der ersten Wegführung zurückgeblieben waren nnd sich nach nnd nach über ganz Asien verbreitet hatten, teils ans denen, ivelche früher mit den Nöine.n nach Spanien und Deutschland ansgeivandert waren. "Aber auch dieser Ne>t Jakobs sollte ein Gegenstand fast beständiger Verfolgung sein und bleiben; von der Zerstörung Jerusalems an hatten die Fuden, als Glieder eines aufgelösten Staatskörpers, wohl nicht mehr von .Uriegesnöten zu leiden, wurden jedoch, besonders im Mittelalter, und da vorzüglich in unseren! Deutschland, durch ungerechte Beschuldigungen, kränkende Unbilden, Verjagung und Plünderung, Mord und Totschlag schwer Heimgesucht. Aber vertilgt konnte unser geistig starkes Volk nie werden; sein Glaube wird den Sieg über alle Verfolgung davon tragen, seine Lehren werden Gemeingut der Menschheit werden!- IW jur. Th. Stein. Feuilleton. Entgleist!!tüd;bi»if lu-ihon-ti. Eine galizische Erzählung von Wilhelm Feldman. (Fortsetzung.) V. „Ter junge Herr ist angekommen", rief Johann, das Speisezimmer, in welchem das Ehepaar Marmor seine Siesta hielt, betretend. Tie Eheleute eilten hinaus, um den ersehnten Gast zu begrüßen. — Nur .Ulara blieb im Zimmer zu rück. Ihr Herz begann plötzlich lebhafter zu schlazen und ihr Gesicht wurde von einer Nöte ttbergofsen. WarumV wußte sie selbst nicht. Sie hatte schon viel von Herrn Jakob, Toktor der Medizin, Bruder der Frau Marmor gehört, hatte früher einige seiner, von ungewöhnlichem Talente und großem Wissen zeugenden Aufsätze mit lebhaftem Interesse gelesen. Halb neugierig, halb ängstlich, sich unwillkürlich ihren Anzug ordnend, erwartete sie nun seine Ankunft, Nach einer Weile erschienen Wirt und Wirtin in Gesellschaft eines jungen Mannes von stattlichem Wüchse und iinponierender Haltung. „Mein Bruder, Toktor Jakob D.", stellte Frau Jeanette vor. „Fräulein Helene EpbulSka, unsere Hauslehrerin." Ter Gast, dein verlegenen Mädchen die Hand reichend, sprach mit eine»! Lächeln: „Es ist mir angenehm, eine Bekannte zu begrüßen; meine Schwester hat mir viel Gutes über Sie geschrieben." Und ihm fiel die ungewöhnliche Schönheit des Mädchens, zu welchen! er sich sogleich hingezogen fühlte, auf. Auch sie wurde von eine»! unbegreiflichen Gefühle beherrscht. Sie zitterte und glühte, ihn anschauend und seine Hand haltend. Er war ein dreißigjähriger Mann, schlank, dunkel, brünett, mit hoher Stirn und dunkelbraunem, von Zeit zu Zeit nervös zuckendein und von einem dichten schwarzen Barte umrahmten Gesicht, mit kohlenschwarzen funkelnden Augen, in denen sich Fntelligenz, Scharfsinn,'Begabung nnd Energie wiederspiegelten. Bon jetzt ab weilte Fakob täglich einige Stunden in .Ularas Gesellschaft, bald ihrem Unterricht beiwohnend, bald mit ihr Gespräche über verschiedene interessante Themata führend. Er suchte ihre Gest'llfchaft ans, denn der Herr Elias genügte ihm nicht, lind sie sah ihn sehr gern. Er war nämlich gar nicht ähnlich allen diesen, mit welchen sie bis jetzt in Berührung ge-

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