Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 528 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 528. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 88. lange darauf Mitglied des Instituts und versäumte seitdem selten eine Sitzung der gelehrten Körperschaft, an deren Arbeiten und Verhandlungen er sich lebhaft beteiligte. Sein Hauptgebiet war das der semitischen, speziell arabischen Philologie. Teils allein, teils in Gemeinschaft mit seinem gleichstrebenden Sohne Hartwig gab er arabische Texte heraus, erklärte und verbesserte die von anderen edierten Werke der orientalischen Litteratur, hielt Vorlesungen über biblische Bücher und über den Talmud und entfaltete bis zuletzt eine staunenswerte Arbeitskraft. Noch in seinen! hohen Alter unternahni er mit einer Anzahl Fachgenossen eine Ausgabe der Werke des „Saadia Goon", um die tausendste Wiederkehr des Geburtstages dieses großen Philosophen würdig zu feiern. Derenbourg war vollkommen Franzose geworden. Die Sprache seines Hauses, wie die seiner Arbeiter mar französisch. Auch in seinen Gesinnungen hatte sich eine eigentümliche Wandlung vollzogen: das Adoptiv-Vaterland, das ihm alles gegeben hatte, war an die Stelle der wirklichen Heimat getreten, die ihm alles versagt, ja ihn geradezu' von sich gestoßen halte Wenn man ihn in Deutschland sah und hörte — und er kam fast jeden Sommer nach Frankfurt, wo von ihm viele Freunde und Verwandte wohnten — denn sein älterer Sohn hatte sich mit einer Frankfurterin vermählt — so glaubte man wiederum, einen Deutschen zu vernehmen, denn er schrieb und sprach bis zuletzt das Deutsche nicht als ein Fremder, sondern mit der ganzen Gewandtheit eines Deutschen. Er war aber nicht blos ein Mann der Wissenschaft, sondern entfaltete in praktischen Dingen eine außerordentliche Thätigkeit. Er war derjenige, an den sich zahllose unbemittelte Deutsche wendeten, die nach Paris kamen; wenige gingen ohne Rat und Hilfe von ihm. Aber auch, wo es nicht zu raten und zu helfen, sondern blos durch Güte zu stärken und durch Freundschaft zu erquicken galt, war er der rechte Mann. In ihm herrschte ewige Heiterkeit, und diese Freude und Lust aut Leben, die ihn erfüllte, wußte er allem mitzuteilen, was ihn uingab. Diesem Alten gegenüber, der von der schweren Bürde der Jahre nicht gebeugt war und der bei allen trüben Erfahrungen und bei dem tiefen Ernst ununterbrochener wissenschaftlicher Arbeit sich die sonnige Heiterkeit des Kindes bewahrt hatte, schämte man sich zu klagen und mürrisch zu sein. Wer je den Zauber dieser Persönlichkeit genossen, der wird ihn als kostbares Lebensgut festhalten. Die Trstmiiig ImMcins. Skizze für unsere reife Jugend, i Schluß aus Ar. 31 dieses Blattes). Titus ließ zur Belagerung der Burg Antonia vier Dämme bauen; bald aber wurden diese durch die List des Johannes, der die Grundpfühle durch unterirdische Gänge zu Grunde richten ließ, vernichtet. Die Römer gerieten bei dem furchtbaren Getöse des plötzlichen Einsturzes ihrer Werke in den größten Schrecken, was die Juden zu einlm Ausfall ausmunterte, der dem Feinde viele Mannen kostete. Von neuen! ging Titus mit verdoppelter Kraft, durch das Hinzukonnnen des Antiochos von Komagene gestärkt, ans Werk. Wieder wurden feine Soldaten zurückgeschlagen; durch die größten Anstrengungen aber bemächtigten sie sich endlich der Antonia, welche Johannes bisher inne gehabt halte. Die Antonia wurde geschleift und nun Hand an die Ersteigung der Tempelmauern gelegt. Nochmals ließ Titus den Johannes aufsordern, sich zu ergeben, oder wenigstens in einer offenen Feldschlacht sich mit ihm zu messen, um des ehrwürgigcn Tempels zu schonen. Keine Vorstellung hals - auch der Tempel Gottes zu Jerusalem sollte sein Schicksal erfüllen. Den Römern war durch das Niederreißen der Burg Ramn zum Vordringen aus die Tempelhallen bereitet; da steckten die Juden selbst die äußersten Hallen in Brand, um die Römer irre zu leiten, als hätten sie die Flucht ergriffen und den Tempel den Flammen preisgegeben. Viele Römer erkletterten die Tempelmauer, fanden jedoch durch das Feuer uud Schwert der Juden ihren Tod. — Immer noch war Titus von dem Wunsche beseelt, des Tempels zu schauen. Allein die Zeloten brachten ihn zum Aeußersten, und so nahm auch er seine Zuflucht zuin Feuer. — Schon hatten die Soldaten brennende Fackeln an die Thore gelegt, überall schmolzen die Silberbelege von den Pforten und diese selbst gingen bald in Flammen aus. Als hier die Verteidiger ringsum die Flammen aufschlagen sahen, da sank ihnen endlich mit dem Mute die Kraft. Aul folgenden Tage ließ Titus durch einen Teil feines Heeres löschen, damit die Legionen bequemer hinauf marschieren könnten; die Juden verhielten sich ruhig. Als sich aber des folgenden Morgens die Legionen dem Tempel näherten, machten sie einen wütenden Ausfall, wurden jedoch, entkräftet und entmutigt, zurückgeworsen und in den inneren Tempel eingeschlossen. — Den anderen Tag sollte der Sturm aus den Tempel selbst beginnen; Titus hatte dessen ausschließliche Erhaltung angeordnet als ein ewiges Zeichen seines Sieges. Allein ein römischer Soldat schleuderte, diesem Befehl entgegen einen lodernden Feuerbrand durch das sogenannte goldene Fenster des Tempels; das Feuer griff um sich; die Juden stürzten wie Rasende, tobend und schreiend, massenhaft heraus aus die ohne alle Anführung anrückenden Römer; die ganze Armee, durch dieses Getöse aufgeregt, stürzte ihren vorrückenden Brüdern in wilder Unordnung und in Hoffnung aus ungeheure Beute zu Hilfe — ein furchtbares Gemetzel begann. Sofort eilte Titus mit seinem ganzen Feldherrnstab herbei, um die Ordnung wieder herzustellen und den Flammen Einhalt zu thun, allein seine Befehle wurden nicht gehört; denn das Weinen, Jammern und Schluchzen der Juden über den Fall ihres Heiligtums und das Geklirre und Getöse der Waffen übertönte seine mächtige Feldberrnstimmc. Er gab Zeichen mit der Hand, er schickte seine Unterseldherrn zu den einzelnen Truppen — nichts hals; die Wut der Soldaten, welche Kinder, Weiber und Greise unerbittlich hinmordeten, ließ sich nicht stillen. Titus mußte die Verwilderten geivähren lassen, welche die armen, mir Todesmut fechtenden Besiegten grimmig zerfleischten. Unterdessen benutzte Titus die Gelegenheit, während vor dem Tempel gekämpft wurde, das Allerheiligste zu betreten, ehe auch dieser Teil von den Flammen überwältigt werden würde; kaum hatte er voll Bewunderung über die Tempelschütze die Schwelle dieser hohen Räume wieder verlassen, als einer der ihn begleitenden Soldaten heimlich hinter die Pforte, durch welche Titus hinausgegangen war, Feuer legte, und auch das Allerheiligste ging in Helle Flammen aus. — Während der Tempel brannte, raubten die Soldaten, was ihnen unter die Hände kam. Die besiegten Juden schlugen sich mit Mühe durch die Römer in den äußersten Vorhos uud von da ans auf den Zionsberg hindurch, woselbst sie sich noch eine Zeitlang zu halten gedachten; dort hatten die Führer Johannes und Simon eine Nnterredung mit TituS, der ihnen Schonung ihres Lebens versprochen hatte, wenn sie sich ruhig ergeben