Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 526 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 526. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 66. Kernt» nach den seligen Gefilden Sibiriens rufen, damit möglichst viele Glaubens- und Stammesgenossen sich aus der großen Krippe sättigen. Dabei weiß aber das russische Blatt sehr wohl, wie schwer es für die Juden Süd-Rußlands ist, Erlaubnis zur freiwilligen Auswanderung nach Sibirien zu erhalten. Der ehrliche Suvorim macht natürlich absichtlich diese mit Ueberlegung gefälschte Angabe, weil sie ihm den an den Haaren herbeigezogenen Grund liefert, die Regierung vor der grausigen Gefahr eines Auszuges der Juden nach Sibirien zu warnen; durch die sibirische Eisenbahn werden diese herrlichen Provinzen in kurzem dem Weltverkehr geöffnet werden und wenn dann die Juden in Scharen herbeiströmen, ist es mit der ganzen Herrlichkeit in Sibirien vorbei. Bei einer Besprechung der phantastischen und dunklen Andeutungen ihrer werten Kollegin, fragen die „Nowosti" ganz richtig, ob die „Row. Wrem." bei ihrer Schilderung der Bauern-Aus- Plünderung in den sibirischen Provinzen nicht etwa in der Geschwindigkeit jüdische Wucherer mit russischen Kulaks verwechselt hat. Die russischen Kulaks sind eine allgegenwärtige Horde gemeiner Wucherer und Schmarotzer, welche jeden ländlichen Bezirk Nord-Rußlands verheeren, und es steht fest, daß viele von ihnen mit den russischen Ansiedlern nach Sibirien ausgewandert sind. Es ist ferner bekannt, daß dort, wo die Kulaks ihre Zelte aufgeschlagen und ihre „Filialen" haben, jüdische Wucherer selbst der schlimmsten Sorte überhaupt nicht aufkommen können. Die ,/Rowosti" weisen schließlich darauf hin, daß seit dem Beginne der Auswanderung ländlicher Ansiedler nach Sibirien die Behörden vergeblich alle Anstrengungen gemacht haben, die schändliche Ausbeutung seitens der Kulaks zu unterdrücken; man hat aber nie davon gehört, daß auch gegen jüdische Wucherer vorgegangen werden mußte. Aber selbst solch' unanfechtbare Beweise, wie sie die „Nowosti" ansührt, werden Blätter vom Schlage der „Now. Wrem." nicht von der Ungerechtigkeit der gegen die sibirischen Juden gerichteten pöbelhaften Angriffe überzeugen. Haß und Bosheit sind einer ehrlichen Belehrung unzugänglich. Sibirien wäre allerdings ein gutes Feld für jüdische Industrie, Sparsamkeit und gedeihliche Ausdauer, wenn die Negierung das Land einer reichlichen Einwanderung aus den überfüllten Gebieten Rußlands öffnen und den jüdischen Ansiedlern, ebenso wie sie es den russischen Einwanderern gegenüber thut, Landlehen und andere Privilegien gewähren wollte. Aber das wird wohl leider ein frommer Wunsch bleiben! — Die amrikimische Mbiiierlioiiferfti}. St. Ncw-Uork, 22. Juli. Wenn auch der Präsident des Rabbinerverbandes, der sonst um das Judentum in Amerika hochverdiente Dr. Jsaae M. Wisc, den Mund sehr voll nahm in seiner Begrüßung der versammelten Rabbiner, die sich zur Jahresversammlung der Zentral-Konserenz amerikanischer Rabbiner in Rochester einsanden, so war doch die Konferenz schwach besucht. Rur fünfzehn Teilnehmer waren anwesend nnd das gelehrte R'abbinertum glänzte durch Abwesenheit. Es waren weder Dr. Köhler, noch Tr. Jastrow, noch Dr. Szold zugegen, und loch hielt es der greise ehrwürdige Präsident nicht für übertrieben, die Versammlung als das größte Sanherin zu bezeichnen, das je in der Geschichte Israels zusaminengetreten war. Wenn Esra und Rehemia diese Botschaft vernahmen, so haben sie wahrscheinlich herzlich gelacht, — wenn in den elpseischen Gefilden überhaupt gelacht werden darf. Aber die wußten auch nichts von Amerika und haben auch keine Ahnung, was so ein Seminar-Präsident alles verüben kann, wenn er sich auf den „Spread Eagle" setzt und da alles für sich und seine Leute in Anspruch nimmt, das nur in Anspruch genommen werden kann. Der Vizepräses der Konferenz, Dr. Gustav Gottheil von hier, mar denn anch viel anspruchsloser in seinen Ausführungen, indem er sich über die Aufgaben der Konferenz wie folgt äußerte: „Wir begehren keine ungehörige Autorität, wir wollen Ihnen kein lästiges Joch auferlegen. Wir wünschen die Hände Ihrer Führer zu stärken nicht durch dogmatische Autorität, sondern einfach durch die Macht der Ueberzeugung, die Stärke der Union, die Bande der Organisation. Unser Losungswort ist die Union. Unsere Vereinigung ist noch jung, und fragt man uns: „Was ist ihr Name?" so antworten wir mit den Worten des Midrasch, der uns erzählt, daß auf die Frage Mosis: „Was ist Dein Name?" Gott erwiderte: „Bin ich zu Deinen unterdrückten Brüdern herabgekommen, um nach meinem Namen gefragt zu werden? Durch meine T h a t e n sollst Du mich erkennen." So antworten auch wir: „Lernet uns durch unsere Thaten kennen, durch das, was wir ausgeführt haben. Wir haben einen großen Schritt vorwärts gethan, indem wir uns zu einem Rituale vereinigten, das allen Suchenden Trost und Vertrauen gewähren wird. Wer die Schwierigkeiten kennt, gegen welche wir zn kämpfen hatten, weiß welcher Akut zu diesem kühnen Unternehmen gehörte. Gute Werke sind die Kundgebungen einer höheren Idee! „Vieles habe ich von meinem ehrwürdigen Lehrer, mehr von meinen Gefährten, am meisten aber von meinen Schülern gelernt," sagte ein Rabbiner des Altertums. Wir sind hierhergekommen, um von Ihnen zu lernen, ..denn alle leisten wir im Dunkeln." — War auch die talmudische Gelehrsamkeit in Rochester nichtsehr stark vertreten, so war doch ein Stern erster Größe anwesend, und zwar Dr. Emil G. Hirsch von Chicago, der unermüdliche Arbeiter, der geistvolle Redner, der Mann, der vor allein den Mut der lleberzeugung hat. Und seine Abhandlung, die er mitbrachte, war wohl der Mühe wert, daß die Rabbiner zusammen kamen und die Botschaft vernahmen. Sie war ein Meisterwerk und verdient in Millionen von Eremplarcn in allen Kreisen verbreitet zu werden. Sein Thema war: „Die Philosophie der Resorm-Be wegung in Amerika", und einige wenige Auszüge zeigen den tiefen Inhalt und den kühnen Ausflug, den er in dieser merkwürdigen Abhandlung nimmt. „Der jüdische Gott ist mehr als eine bloße Behauptung des einen in allem und des Alls in einem. Der jüdische Gott, nach den Lehren der jüdischen Weisen, hat ein Heiligtum niecht aus Stein gemeißelt, einen Tempel, der nicht einmal aus den in der "Rächt blinkenden Sternen besteht, noch aus Blumen, die in jedem Frühling frisch empor blühen, noch ist dieser Tempel von den silbernen "Wellen benetzt, die im plätschernden Strom durch die Runischen Gefilde fließen und Gott in Feld und Wald, in Wiese und Berg verkünden. Gott schuf alles, aber die Schöpfung erreichte ihren Höhepunkt im Menschen, uno er, iin Ebenbilde Gottes geschaffen, er ist die Basis des jüdischen Monotheismus. Ter Mensch, nicht blos in allem Anfang im Ebenbilde Gottes geschaffen, sondern in aller Ewigkeit das Ebenbild Gottes. Vergleicht mit diesem fundamentalen