Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 525 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nl. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite der Anstellung tüchtiger, für ihren Berns vorbereiteter Lehrer — bafiir*auf der andern Seite eine religiöse Verflachung und ein jüdisches Unwissen uns zeigt, dessen letzte Konsegucnzen kann: abzusehen und in Erwägung gezogen werden könnend Ist er zu greisen, dieser Fortschritt? — Und aus unsere Frage von oben zurückkommend: was hat 'n jener Zeit vor. fünfzig Jahren den religiösen Geist und das religiöse Wissen in Kraft erhalten, trotzdem die Art der Pflege von beiden so unansreichend, ja so herzlich schlecht gewesen ist? Wir antworten hieraus: daß lediglich der Wille der Eltern es war, der Wille der Eltern, ihre Kinder zu wahren Inden heranbilden zu lassen, der mit einem gewißen Hochdruck über die vorhandenen Mißstände hinweg seine Forderung zur Geltung brachte. Sie hatten zum Wahlspruch; c'nvü cv’ttjr w:;. Unsere Jugend, sie besteht aus Lprößlingen des alten Stammes Israel und muß unter dieser Bestimmung groß gezogen werden. Und der Wille der Eltern ist es auch heute, dem unter allen Umständen das Fehlen des jüdischen Bewußtseins und der Mangel an Pflichtgefühl der Religion gegenüber zugeschrieben werden kann. ' Nimmt man noch hinzu, daß in jener Zeit vor fünfzig Jahren die nachbiblische Geschichte ganz und gar ignoriert, daß also das anregende, begeisternde Moment, das diese für die Jugend in sich birgt, derselben ganz fern geblieben, so muß die nichtsdestoweniger vorhanden gewesene Liebe und Anhänglichkeit für das Judentum umsomehr überraschen. Keine Ahnung hatten die damaligen Kinder von den Makkabäerkümpfen und dem bewiesenen Heldenmut in denselben, den Episoden, welche ein so ruhmreiches Blatt in der Geschichte des jüdischen Volkes bilden. Nichts Näheres wußten sie von einem Hillel, einem Rabbi Jochanan ben Sakkai und den sonstigen Größen jener Zeit. Kamen diese Namen im Talmudnnterricht vor, so wurde trocken darüber hinweggegangen. Die erschütternde Tragödie vom llntergang des jüdischen Staates lernten sie aus der sagendurchwobenen Erzählung ans dem Talmud kennen, die mit Kamza und bar Kamza beginnt und von den Leiden des Titus durch die Mücke mit dem kupfernen Schnabel berichtet. Was in den späteren 1800 Jahren mit den Inden vorging, hatten sie keine Ahnung, und selbst einen Mendelssohn kannten sie nicht einmal dem Namen nach. Wie ganz anders heute. Welche Mühe giebt man sich nicht, um den jüdischen Schüler mit der Oieschichte seines Volkes bekannt zu machen! In hundertfältiger Weise wird ihm zur Kenntuis und zum Bewußtsein gebracht, daß in und an dem jüdischen Stannue sich nichts befinde, das den Wunsch erwecken könnte, in ihin nicht geboren zu sein. Er vernimmt von Heldenthaten ans der Vergangenheit seiner Station r die von denen anderer Völker nicht überstrahlt; lernt Männer, die im Judentum gelebt, kennen, deren wissenschaftliche Bedeutung und moralische Stärke beispielgebend für ganze Generationen wirken mußte. Und dennoch : i nun er blasser und blasser wird der Wert der Zugehörigkeit zum Judentum in den Augen unserer jetzigen Jugend, immer unbeguemer fühlt sie sich in dein Bereich des Glaubensbekenntnisses, in dem sie geboren — von Resignation und Selbstverleugnung keine Spur. Demnach ist der Fortschritt, den Israel in dieser Beziehung gemacht, kein glücklicher. Und in der Thal, je mehr sich die Geschichte des jüdischen Volkes verlängert, desto mehr schwinden die Lichtpunkte derselben aus dem Bewußtsein seiner Angehörigen; ein, ach gar sehr trauriges Faktum, das man sieh vergebens abmüht, mit dem Flitter zu bedecken, den man äußerlich den Kultuseinrichtungen zuwendet! Wenn ein Volk nach dem Alter, das es besitzt, geschätzt würde — und es geschieht dies ja sonst bei Beurteilung des Wertes einer Nation — so müßte Israel mit zu denen gezählt werden, die den ersten Rang einnehmen. Allein es geschieht dies nicht, und Israel selbst will davon nichts wissen. Sollten hier vielleicht nicht die Worte der Schrift angewendet werden können: ntoP »ö ipio na; daß die Augen Israels altersschwach geworden, weshalb es den Wert, der in seiner "Nation liegt, nicht zu schaueu, nicht zu erkennen vermag? Dir Zildkn in Sibiririi. Sdessa, tut August. Die brave „Nowoje Wremja" ist weit ins Feld gegangen, um den iteuesten fürchterlichen Angriff der Inden gegen das Gemeinwohl des russischen Landvolks zu suche«. Die Entdeckung, die das ehrenwerte. Blatt gemacht hat, ist nach allem, was wir von ihm schon erlebt haben, durchaus nicht sehr aufregend, aber sie genügt, um eilte jener haltlosen Grundlagen zu bilden, von welchen aus Herr Suvorin seine herzergreifenden Jereutiaden ob der Verderben der jüdischen Unterthanen des Zaren in gewohnter Weise losläßt. Jede öffentliche Aeußerung der „R'ow. Wrem." wird, so oft dieses dünkelhafte politische.Srgan eilte Frage der einen Stofs behandelt, der sich direkt oder indirekt auf die Juden bezieht, durch unauslöschlichen Haß, durch boshafte Bigotterie uitd schamlose Lügenhaftigkeit bezeichnet. Nicht im heiligett Reußenlande selbst ist der „neue Beweis" jüdischer AuSbeutungSsucht von den weitsichtigen Argusaugen der „Now. Wremja" entdeckt worden, sondern in den unwirtlichen Einöden Sibiriens. Nach Sibirien geht inan bekanntlich nicht des Vergnügens wegen,, aber die Juden scheinen es doch gethan zu haben. In den Gouvernements Ienifieisk, Irkutsk u. a. leben nach oberflächlicher Schätzuttg mehr als 20 000 Juden. Es find hauptsächlich vor Jahren hierhergebrachte Deportierte nebst ihre Familien, denen das Recht verliehen wurde, beständig in diesen Provinzen zu wohnen; dazu kommt dann itoch ein Häuflein freiwilliger jüdischer Ansiedler. Mit ihrer unanfechtbaren Intelligenz und Geichästskenntnis haben diese jüdischen Ansiedler nun einige kleine, aber nützliche nitd nutzbrittgende Industrien eingesührt, die bis jetzt von den hilflosen und unwissenden russischen Bauern, welche aus dem europäischen Rußland nordostwärts ausgewandert sind, schwer entbehrt worden waren. Die Anwesenheit dieser bemittelten jüdischen Elemente in bcn oben genannten Gouvernements ist also für die russischen Einwanderer ein wahrer Segen. Die vage Behauptung der „Row. Wrem.", daß die Juden in diesen Provinzen die schändlichste Bewucherung und Ausbeutung der russischen Bauernkolonien als ihren Lebenszweck betrachten, ist nichts als grundloses und falsches Geschreibsel. Der größte Teil der dort lebenden Juden sind fleißige und glückliche Landwirte, wie erst letzthin durch eine wohlverbürgte Mitteilung an die „Petersburger Zeitung" festgetzellt wurde. Tie „New. Wr." glattbt konstatieren zu können, daß die sibirischen Juden mit fieberhafter Eile I Verwandte und Freunde aus dem europäischen Ruß-