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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
Seite 524 (sequence 4)
Language
German
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Seile 524 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 33 pünktlich entrichtet werden, geht alles gnt. Wehe aber, wenn man einmal beginnt, nicht die ganze Rechnung zu ordnen! Im ersten Monat ist es nur ein Rest von 25 Mk., im nächsten sind es schon 50 Mk., und ehe sechs Monate vergehen, ist der Pensionsinhaber an sämtliche Lieserauteu einige tausend Mark schuldig. Was für Qualen aber erträgt die Hausfrau, bevor es zur gänzlichen Auflösung kommt. Der Fleischer, Bäcker, die Gemüsefrau, —lauter Menschen, mit denen nicht gut Kirschen zu essen ist, — werden unwillig; sie liefern unpünktlich, geben schlechte Ware für teures Geld, und diese geringeren Qualitäten wirken ebenfalls wieder aus die Güte deS Mittagessens und verscheuchen Kostgänger und Pensionäre. Manches Pensionat erhält sich allerdings künstlich so einige Jahre, aber das Ende ist doch fast immer trübe. Es ist und bleibt ein ungünstiges Verhältnis, wenn eine kleine Familie oder gar eine einzelne Frau einen solchen Riesenapparat in Bewegung setzen muß, um im glücklichsten Falle unter schwerer Arbeit und fortgesetzten Sorgen sich allein zu ernähren. Kein Geschäft erfordert so große Anstrengungen, wie ein Pensionat. Die Inhaber, Mann und Frau, gehören sich nicht an. Die Familienbande werden gelöst, die Kinder vernachlässigt. Roch im vorigen Jahre ist ein namhaftes jüd. Pensionat in der Rühe der Börse, das «mit einem Barkapital von 3000 Mk. errichtet resp. gekauft wurde, auf eine klägliche Weife verkracht. Die Schuldsumme betrug 5000 Mk. und die trauernden, kleinen Lieferanten waren mit ruiniert. — Was wir durch diese trübe Schilderung bezwecken, ist klar. Wir wollen vor leichtsinniger Errichtung solcher Unternehmungen warnen. Es giebt überhaupt kein Geschäft, das man ohne genügende Mittel gründen kann, und es ist eine alte Ersahrung, daß solche katilinarische Existenzen zum Ruin führen. Wer ein genügendes Anlagekapital besitzt, — das aber nicht zu klein fein darf — der mag ein Pensionat gründen und er ivird mit Geduld und Ausdauer, mit Hilfe einer sehr tüchtigen Hausfrau, sich im Laufe der Jahre eine bescheidene Eristenz schaffen. Bor allen Dingen darf die Ausstattung an Möbeln, Küchengeräten und Wäsche nicht auf Abzahlung augefchafft werden. Die Möbel halten zwei Umzüge kaum aus; die Wäsche ist nach einem halben Jahre ruiniert und alles ist 00 % teurer, als solide Ware, die mau gegen Kasse kauft. Die Abzahlungsgeschäfte haben den dauernden Ruin des Volkswohlstandes verursacht und nur einzelne Subjekte bereichert! Ein gut geleitetes, solides Pensionat hat auch eineu hohen ethischen Wert. Unseren jungen Leuten und Mädchen, die in der Provinz religiös erzogen, finden hier liebevolle Aufnahme und familiäre Behandlung. Sie werden der Vüterreligion nicht entfremdet und finden inmitten der Sabbatarbeit hier am Freitagabend einen festlich gedeckten Tisch, hören noch das liebgewordene Kiddusch uud das Tischgebet und werden vor mancher Verirrung bewahrt. Gar mancher Jüngling ist durch ein Pensionat vor Fehltritt und Abfall bewahrt worden. Soll aber ein solches Institut erziehlich wirken, so muß es auch auf festen Füßen stehen und nicht von der Gnade eines Lieferanten abhängen. vor siinßlg Zahlt«. Reminiszenzen von Mont; Scherbeb t Schlich). Kinder ganz armer Eltern wurden unentgeltlich unterrichtet, d. h. der Lehrer wurde hierfür von dem Verein „Talmud 4 § Thora" honoriert. Es war nicht zu verkennen, daß diejenigen, die dieser Vergünstigung teilhaftig nmrden, eine gewisse Demütigung dabei empfanden, denn wie auch die ästhetischen Empfindungen bei der danialigen jüdischen Jugend beschaffen gewesen sein mögen, ihr Sinn für Ehre mar^'eirQausgeprägter. Außer dein genannten Verein für Förderung des talmudischen Wissens unter den Kindern armer oder unbemittelter Eltern, gab es noch nrehrere Legate, die einen gleichen Zweck zur Bestimmung hatten. Je nach der Höhe der ausgesetzten Summe wurden 4, 5 oder 6 Kinder, die indes eine ganz besondere Begabung besitzen mußten, von Lehrern unterrichtet, die schon höher im Range standen. Es galt daher als eine gewisse Auszeichnung, nenn Schüler zu den „Vierern", „Fünfern" oder „Sechsern" gelangten, sodaß deren Eltern, wenn sie Gelegenheit dazu hatten, mit einem gewissen Stolze es bekundeten, daß ihr Sohn zu den „Ausgezeichneten" gehöre. Je nrehr Sorgfalt indes dem Unterrichte im Talmud zugewendet wurde, desto geringer war das Interesse für die hebräische Grammatik. damals „Dikduk" genannt. Es galt schon als ein gewisser Luxus sich damit zu beschäftigen, und während sonst wenigstens 30 Lehrer durch den hebräischen Unterricht, wenn es die andern Zweige derselben betraf, ihre Eristenz fanden, gab es nur einen einzigen, sogar blinden Mann, bei dem man den Unterricht in der Grammatik aufsuchte. Und er reichte aus, denn zum Studium des Talmuds bedurfte es nach der damaligen Meinung keiner Grammatik. Als später die jüdischen Elenrentarschulen eingeführt wurden, da wurde auch in einigen wenigen Stunden in der Woche daselbst der Pentateuch übersetzt, auch etwas Grammatik ' gelehrt und die Glaubens- und Pflichtenlehre in Behandlung genommen. Allein es geschah dies mit so geringem Ernste von seiten der Lehrer und mangelnder Lust von seiten der Schüler, die darin ein ihnen bis jetzt ganz fremdes Element erblickten, daß die Erfolge sich auf Rull reduzierten. ■ Run aber wirft sich uns die Frage aus: Wie war es möglich, daß bei diesen erbärmlichen Schulverhältnissen, bei diesem Mangel an einem fpstematischen Unterricht im jüdischen Wissen und in der Religion dennoch eine Festigkeit in dem ererbten Glauben fortbestand, die, wenn wir sie mit dem heutigen allgenrein gelockerten religiösen Bewußtsein vergleichen, das Lob doch ganz gewiß auf ihrer Seite hatte? Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, die Verhältnisse nicht dieselben geblieben und die antireligiöse Strömung, wie sie sich überhaupt jetzt der Menschheit bemächtigt, hat die Juden in einer Weife in Mitleidenschaft gezogen, die uns die Zukunft unseres ^rdentums grau in grau zeichnet. Wohl wahr, wenn wir einen Blick zurückwerfen auf die damalige Handhabung des hebräischeit Unterrichts, auf die dumpfen Ehedarim, auf die Ungelenkigkeit der Lehrer, auf das Fehlen der nötigen Schuldisziplin — dann müssen wir uns, wollen wir aufrichtig sein, sagen, das alles war nicht schön und ist sicherlich nicht zurückzuwünschcn. Was aber sollen wir sagen, wenn wir unsere heutige Jugend schauen, mit ihrer Unwissenheit in der jüdischen Litteratur, mit ihrer Unkenntnis im Hebräischen, mit ihrem religiösen Leichtsinn, ihrer sittlichen Frivolität, wie sie uns leider nur zu oft sich darbietet und sich als die wurmstichigen Früchte des alten Stammes Israel unseren Augen offenbaret! Was sollen wir sagen zu einem Fortschritt der Zeit, der sich etwa nicht blos kundgiebt in einem geregelten Schulwesen, in einer fpstematischen Behandlung auch des hebräischen Unterrichts, in einer Herstellung würdiger Lehrstätten und in

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