Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 522 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608832--0670-9608834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3H. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 522 wir nicht auf diesem, das ganze moderne Leben beherrschenden Felde geworden! Das zeigt sich am klarsten an dem riesigen Anwachsen des Antisemitismus: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Unser übermächtiger politischer Einfluß hat die Frucht deS Antisemitismus gezeitigt, und an dem breiten, sehr breiten Schatten, den dieser Neidhard wirst, ist leicht die Macht des Judentums zu messen. — Wie schüchtern nnd bescheiden arbeiteten doch auch aus diesem Gebiete unsere Vorgänger. Sie schufen israelitische Allianzen, welche zumeist nach Innen wirken sollten und kaum einmal im Jahre erfuhr man etwas von ihrer Thätigkeit. Wir dagegen rufen politische Vereine ins Leben, in denen laut gedounert, und wenn es Rot thnt, auch die Faust geballt wird, daß es eine Art hat. Und wenn die Antisemiten es wagen, von „Hängen oder Köpfen der Juden" oder von „Schußgeld" zu faseln, so schicken wir unseren Kultusvorstand mit einem tadellos ausgearbeiteten Memorandutu zum Ministerpräsidenten uud — — unsere braven Wühler reiben sich vergnügt die Hände. Und wenn ein Pfarrer sich erdreistet, in der Kirche irgend einer obskuren Vorstadt Brandpredigten gegen die Juden zu halten, dann wehe ihm! Wir berufen eine Wählerversammlung ein, fassen himmelschreiende Resolution und entsenden eine Deputation bis hinaus zum Erzbischof, und — — die Zeitungen reden davon. Aber auch nach Innen hat sich unser modernes Judentum gar prächtig entfaltet und verjüngt nnd hat das triste Kleid gänzlich abgestreist. Mau erinnere sich doch nur, wie die ehemaligen Synagogen, deren jede Gemeinde eine Legion hatte, aussahen. Welch' düstere Betstuben waren das, und wie bis zum Erdrücken vollgestopft waren sie täglich am Morgen und ani Astend. Und wenn ein Arier im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick in dieselben warf, seine verachtungsvolle Bemerkung war: „Judenschnle!" Wie ganz anders jetzt. Jede größere jüdische Genteiude hat ihren monumentalen Tempel, durch dessen gemalte Fensterscheiben die Sonne ihre ganze Fülle wirst, daß aus allen Winkeln architektonische Schönheiten und kirchliche Ornamente hervorlugen. Und beim Gottesdienst, wie beguem sind doch die Bänke! Man wäre versucht — so verlockend ist die Bequemlichkeit — die Beine der ganzen Länge nach auszustrecken; den Nachbar würde man nicht genieren, man hört ihn nicht, mau s ieht ihn nicht. Uild was beruhigend wirkt, ist, daß selbst der allerchristlichste Besucher nichts Fremdartiges mehr darin findet, es märe denn noch der einzige Rest mittelalterlicher Beschränktheit: daß die Beter „bedeckten" Hauptes sind. — Doch, „warte nur, balde ruh'n auch die". Und der heutige Rabbiner, — um Verzeihung, — Seelsorger, Prediger .... was unterscheidet ihn, zumal aus der Kanzel, von dem protestantischen Pastor? Was waren es doch für mumifizierte Gestalten, diese ehemaligen Rabbiner! Das Dümmste uud Unglaublichste an der Sache aber war, daß in früheren Zeiten der erste beste Geschäftsmann Rabbiner sein konnte, so unmenschlich viel wurde „gelernt"; während wir heute in einem glücklichen Zeitalter leben, wo nmgekebrt säst jeder Rabbiner Geschäftsmann-sein kann. Und wie unbeholfen und täppisch waren unsere Vorfahren in der Bethätigung der Nächstenliebe! Von den antiquierten Stiftungen, welche die auch nur einigermaßen Begüterten testamentarisch hinterließen, will ich gar nicht sprechen. Aber die Art, Wohlthaten zu üben, war eine höchst priniitive und von ganz tinglaublicher Naivität. Acan lies nämlich den Bedürftigen, weil sie unverschämt genug waren, nicht zu betteln, förmlich nach, drückte ihnen verstohlen reiche Gaben in die Hand uud suchte unbemerkt zu verschwinden, als ob man ein Verbrechen begangen hätte, um beileibe nicht ertappt zu werden. Ist das nicht der Gipfel heiligster Einsalt? Alan schämte sich und errötete, wie ein Mädchen, beim Wohlthun belauscht zu werden! Diese kindische Tölpelei haben wir längst abgethan. Wir betreiben die Nächstenliebe, der großen Zeit, in der wir leben, entsprechend, im großen Styl. Wenn wir am Abend spenden, so lesen wir es schon am anderen Morgen beim Kaffee in den Zeitungen gewiffenhaft verzeichnet. Das regt auch andere zum Wohlthun au. Das ist die Frucht der guten That. — Wer jetzt spendet, weiß alle Welt; wer es aber bekommt, darüber brauchen mir uns keine Sorgen zu machen, damit haben sich andere zu befassen, welche nicht in der glücklichen Lage sind, öffentlich spenden zu können. -- Und wenn mir in dieser antisemitischen Zeit Anstalten stiften, so sorgen wir schon dafür, daß mir nicht düpiert werden. Wir erklären von vornherein klipp und klar öffentlich: „Ohne Unterschied der Konfession!" O, wir sind klug und weise, und uns betrügt man nicht, denn . die Geister werden wach! Austracius. ßerliiitr Wklt»ttl>kfftttt. 31 und B. Unter der etwas weitläufigen Ueberschrist: „Die Herren Ahlwardt, Böckel und Bodeck aus dem Kriegspsade nach Gratismanuskripten und 10 Pfennig-Marken", brachte das „Volk" am letzteir Donnerstag einen Artikel, der einiges Aussehen erregt hat. Durch die Wiedergabe desselben erweisen wir der Mehrzahl unserer Leser keinen Dienst, indem sie ihn, bald im Auszuge, bald wörtlich, in den politischen Tageszeitungen gelesen haben dürsten, allein wir möchten doch dieses Genrebildchen in dem nen angelegten antisemitischen Familien- Album nicht missen, und lassen darum den Artikel unverkürzt folgen: „Es giebt Antisentiten, die das Geldverdienen genau so gut verstehen, wie die Juden. Beweis: Das Organ der Herren Ahlwardt, Bodeck und Böckel und sonstiger „freiheitlicher" Antisenlitetr, das „Deutsche Volksrecht." Dies io ziemlich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinende Blatt bringt an der Spitze seiner Nummer vom 7. August folgendes Preisausschreiben: „Air unsere Leserinnen und Leser. Ermutigt durch die ständigen Erfolge, die das „Deutsche Volksrecht" zu verzeichnen hat, soll hiermit ein Preisausschreiben eröffnet werden. Wir setzen 3 Preise aus für Original-Novellen, -Erzäh langen, -Reisebriese, -Plaudereien und -Skizzen aller Art usw. Dieselben müsset: bis spätestens 20. August in unseren Händen seit: und aus dem Kouvert den Vermerk „Preisausschreiben" und ein Motto tragen. Das Preisrichteramt übernehmen zwei Herren aus der Redaktion. Folgende Bestiiumungen bitten wir zu beachten: 1. Sänttliche Bogen sind einseitig zu beschreiben und nlüssen links oben oder am Ende der Arbeit Namen, Straße oder Wohnort des Einsenders tragen.