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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-16 · 33 (16.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ao. 33. Jahrgang iv. Ifaemerne Bern». i«. August i8s». snlMschk Herausgeber: A. Levin, Merlin. Jeschnrutt. Bezugspreis: Vierteljahrs. 2 Mk. Erscheint an jedem Areitag. ZSezngsprcis für das Anstand: Mli. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expeditionen und de» Buchhandel Wedalrtion und Vertag: chr Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 H'f«, nehmen alle Annoneen-Lrpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Die Geister werden wach. Von Austracius 'Berliner Weltverbesserer- Die Puisionate in Berlin- Von Bar Minan. Vor fünfzig Jahren. Von M. Scherbel. Die Juden in Sibirien. Die amerikanische Rabbinerkonferenz. Biographische Bausteine. Die Zerstörung Jerusalems. Von Di\ jur. £ teilt ■ Gutgleist! Von Wilhelm Feldman- Wochenchrouik. — üofe Blätter. — Literatur. Briesii- Frageknsten. .Kalender. — Anzeigen. „Pit Geister lurtiif« wach!" Vkonolog eines ungemütlichen Wieners. slliachdruck auch im Auszüge verboten). Die (Geister werden wach! Es ist eine Lust zu leben. Wie kurzsichtig und beschränkt waren doch unsere Väter. Da saßen sie, soweit es nur ihre freie Zeit gestattete, Tag und Nacht lind studierten, vergraben in Berge von Folianten, ob auch draußen im össentlichen Leben alles drum und drauf ging. Ihr ganzes Sinnen und Trachten, wenn sie einmal das „Geschäft" hinter sich hatten, war: lernen! — Und unpraktisch und einseitig, wie sie waren, erzogen sie auch ihre minder, unbrauchbar für die Welt, für die große Gesellschaft. Sie sollten nur lernen, nichts als lernen, fromm sein, sich bescheiden au die Wand drücken und das ganze menschliche Glück nur in der Familie, im Hause finden lernen! — Da sind wir, die Enkel, doch ganz aitdere Kerle. Unser Lebenselement ist die Polilck, das öffentliche Leben. All unser Lernen, all unser Sinnen und Trachten läuft auf die politischen Ziele hinaus. Hat doch alle Wissenschaft keinen Wert, wenn sie nicht praktischen Zwecken dient, wenn sie nicht das wahrhafte Glück fördert: Amt und Würden, Ehren und Auszeichnungen zu verschaffen, — das lernen heutzutage die Kinder schon in der Kinderstube — daher denn auch jene blöde Bescheidenheit vergangener Zeiten nur noch zu der Urväter Hausrat gehört, nur noch hie und da in antidckuvianifchen Versteinerungen, in von der Zeit ganz vergessenen alten jüdischen Familien angetrossen wird. Wie ganz anders als ehedem repräsentiert sich demgemäß unsere heutige Jugend! Vordem verheirateten die Großen Israels, sie mochten noch so reich, noch io angesehen, ihre Söhne und Töchter nur an den sogenannten geistigen Adel. Das Wiffen galt da als die schönste und begehrenswerteste Mitgift, als die einzige Gewähr für edle Gesinnung. Der gelehrte Adel, wie plebejisch nach unseren heutigen geläuterten Begriffen er auch immer sein mochte, er war der dominierende, die Wertschätzung der Wissenschaft tyrannisierte das ganze Denk- und Gefühlsleben im Judentum. Das haben wir nun, Gott sei Dank, alles glücklich überwunden. Das Judentum von heute hat sich nach langen und schweren Krisen aus die Höhe der Zeit, zur echteu Aristokratie emporgeschwungen; die Geldaristokratie hat die volle Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit mit dem ältesten Adel erlangt, und nicht mehr wird in die niedrige Gelehrtenstube hinunter-, sondern in die aristokratischen Paläste hinausgeheiratet. Und wie rapid es auch in dieser Richtung vorwärts geht, lehrt der Umstand, daß heute schon der jüdische Adel — ich meine den heiratsfähigen Nachwuchs — vollständig vergriffen ist, und gar mancher über heiratsfähige Töchter verfügende jüdische Geldaristokrat lugt vergebens nach einem adeligen Schwiegersöhne aus. Doch Israel ist nicht verwaist; auch der arische, die plebejische Arbeit verachtende Adel hat bereits die goldigen Eigenschaften unserer reich dotierten „jüdischen" Töchter würdigen gelernt. Und was unsere Söhne betrifft, so wagen sie kühn und mit Erfolg den Wettkampf mit den arischen Aristokraten um den Besitz der arischen Heldinnen des Geistes: den holdseligen und gemütstiesen Töchtern Terp sychorens, Thaliens und MelpomeneuS - und obsiegen ihren Rivalen! Ja, es ist eine Lust zu leben: die Geister werden wach! Aber auch mit der soviel gerühmten Gelehrsamkeit unserer Vorfahren war es nicht weit her, zum mindesteu war sie recht unpraktisch und unbrauchbar. Ich will das den laudatores temporis acti haarscharf beweisen: Man sollte es kaum glauben, daß ein Rabbiner von der Existenz eines „Zehngebotes" nichts wissen sollte. Und doch war dem so. Ich habe das schaudernd selbst erfahren. Vor etwa vierzig Jahren, ich war danrals in der Volksschule, wo uns das Mysterium der „zehn Gebote" enthüllt wurde. Schwankend in der Reihenfolge derselben geworden, wandte ich mich an den hochgelehrten Rabbiner. Der aber sah mich groß an: „Was V fuhr er mich an, „zehn Gebote? Wir haben Tarjag Mizwoth, das ist: sechs h u ndertunddre izehn Gebote!" — Diese Ignoranz eines so großen Gelehrten machte mich damals sprachlos vor Entsetzen. — Weckt man aber heute einen achtjährigen Knaben aus dem Schlafe und fragt ihn nach einem beliebigen der „zehn Gebote", er wird es sofort auswendig hersagen. — Und das bewirkt der nur zweistündige Religionsunterricht in der Woche. Ja wohl, die Geister werden wach! Ilnd wie weit haben wir es nicht in nuferem eigentlichen, unser ganzes Innere bewegenden Element, in derPolitik gebracht! Welch ein einflußreicher uud mächtiger Faktor siud

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