Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 517 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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i:! f Nr. 32. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 517. geringen Erfahrung. Der einzige Stolz der Inden der (Gegenwart: dos berühmte jüdische Herz, bas uns Ehre macht, hat eine traurige Spezies geschaffen: das Lchnorrertnnr, das uns Schande macht. Wir sollen darum die Armen nach Kräften unterstützen, das Lchnorrertmn aber nach Kräften bekämpfen. Die Arinen, die sich am Tischä aus dem Friedhof, am Erew Jomkippur vor den Synagogen einfinden und ihre Armut öffentlich zur Schau stellen, gehören zur letzterer Kategorie, deren Zulassung zmn Friedbose ein größerer ChilliiJ hasclu-m wäre, als die Abführung derselben durch einen bestellten Gensdarm. — Der Militär- und Sanitätsverein „Deutsches Vaterland begeht das fünfundzmanzigjährige Jubiläum des französischen Krieges durch eine großartig angelegte Gedächtnisfeier aus dem jüdischen Friedhöfe an der Lchönhäuser Allee an den Gräbern der dort beerdigten Opfer des Krieges. Die Gedächtnisrede wird voraussichtlich der frühere Feldprediger der Armee des Prinzen Friedrich Karl, Rabbiner Dr. Blumenstein-Luremburg halten. — Ter Verein erläßt folgenden Aufruf: „Wir stehen vor der Wiederkehr jener siegreichen Tage des vor 25 Jahren begonnenen ruhluvollen Krieges. Jene bedeutungsvollste Zeit, die Deutschland erlebt hat, steht mit ehernem (drittel unauslöschlich in die Tafel der Weltgeschichte eingegraben. Anläßlich dieser (Gedenktage veranstaltet unser Verein am 18. August ec. ans dem Friedhofe der jüdischen Gemeinde, Schönhauser Allee, an den Gräbern der Hierselbst im Jahre 1870 an ihren Wunden erlegenen Kriegern eine Gedächtnisfeier. Gleichzeitig »vollen »vir aber auch der lebenden notleidenden Krieger gedenken! Eine Unterstützung ist bei einer großen Anzahl unserer Mitglieder um so nottvcndiger, als diese nnvcrschnldet sich in notleidender Lebenslage befinden. Da die Mittel 'unserer Kasse zu schtvach sind, wenden wir uns vertrauensvoll an die anerkannt bewährte Opferwilliqkeit unserer hochgeschätzten Mitbürger. Wir hoffen keine Fehlbitte zu thnn. Handelt cs sich doch darum, in Not und Sorge geratene Krieger, die dazu beigetragen haben, Deutschlands Einigkeit zu erringen, am Erinnernngstage von Gravelotte mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen. — Manche Thräne wird sicherlich getrocknet werden und manchem Krieger wird der schmerzliche Erinrernngstag freudiger gestimmt. 'Jede Gaste wird von den Vorstandsmitgliedern*) dankend angenommen; über den Eingang und Verwendung wird später Rechnung gelegt." . * 3. ■ Ltiftungsfeft. Am vorletzten Soimtckg beging das jndische Kurhospilal in Kolberg sein 21. Stiftungsfest. Die Feier nahm einen tvürdigen Verlaus. Nach einleitendem Gesänge bestieg der Leiter der Anstalt, Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt die Kanzel, um die Bedeutung des Tages zu feiern. Anknüpsend an das Wort des Propheten? Der Kleinste wirst zu Tausenden und der Geringste zu einem mächtigen Volke," schilderte Redner den Siegeszug der jüdischen Gottesidee durch die Reihe der Völker und betonte, daß der jüdische Stamm, seitdem er politisch untergegangen, einzig und allein die Lehre seiner Propheten und die Friedenssaaten der Menschenliebe ans Erden zu streuen und auch gestreut habe, daß also die Behauptung von der Weltherrschaft, nach der Israel angeblich strebe, eine durch nichts begründete Fabel seiner Feinde sei. Ein Zweig jener Menschenliebe, die auch am Sinai gelehrt worden, werde in der Kuranstalt nach Kraft und Gewisseil zur Blüte gefördert. Kränkliche Kinder, gebrechliche Männer und grauen, sieche Greise schöpften hier *) Namen und Wohnung des Vorstandsmitgliedes: H. Krolanker, Ehausseestr. 06 07, Herrn. Hirschfeld, Neue Königslr. 50, S. Kunz, Rochstr. 15, Max Samuel, Alexanderstr. 54, M. Karfunkel, Poststr. 20. Genesung aus den Quellen des Heils und schauten täglich die Bethätignng des obersten Gebotes der jüdischen Sittenlehre: „Du sollst lieben Deine Nebenmenschen wie Dich selbst!" Auch das Kurhospital sei ans kleinem groß geworden, ans niederen Anfängen zu kraftvoller Entfaltung geschritten. Das Hans ist klein, aber die Liebesthat groß; 170 Pfleglinge werden voraussichtlich in diesem Sommer in der Anstalt zu neuem Leben sich verjüngen. Gleichwohl wäre noch viel zu thnn und für die schaffende Menschenliebe sei noch, ein großer Raum gegeben. Deshalb sei es doppelt freudig zu begrüßen, daß auch in diesem Jahre von Korporationen und Einzelspendern namhafte Zuwendungen der Anstalt gemacht ivorden seien. Mit Worten des Dankes gegen Gott und die Wohlthüter der Anstalt schloß Herr Dr. Goldschmidt seine Festrede, die einen tiefen Eindruck aus die Festversainullung hinterließ. Mit Gebet für die Wohlthäter des Hauses, wie für die Pfleglinge der Anstalt, mit Fürbitte für König und Vaterland und mit einem Seelengedächtnisgebet für die verstorbenen Wohlthäter schloß die erhebende Feier. Kieri unö öortt. — Herr Preoiger Lion Wolfs in Aschersleben feiert am 25. d. Mseine silberne Hochzeit. Was Herr Wolff seinen Amtsgenossen während dieses Vierteljahrhunderts gewesen, daß die Hebung ihres Standes sein ganzes Denken, die Vertretung ihrer Interessen seine ganze Thatkraft absorbierte, — die Beteiligten wissen es, und darum wird ihnen diese unsre Nachricht angenehm sein, indem sic ihnen die Gelegenheit zeigt, einen verdienten Mann verdiente Aufmerksamkeit zu erweisen. — Kurz vor den Ferien hat sich an der Berliner Universität noch eine Vereinigung jüdischer Studierender gebildet, den Zweck verfolgt, „das jüdische Selbstgefühl in der Studentenschaft zu beleben durch Einführung in die Geschichte und Litteratur des Judentnms, sowie die körperliche Kraft und Geschicklichkeit der jüdischen Studenten zu pflegen." Der Vorstands ist aus Anhängern der zionistischen Idee gebildet. Rührig sind die Berliner Zionisten überaus, dieses Zugeständnis kann und darf man ihnen nicht versagen. — Die Zöglinge der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem best Hannover haben kürzlich unter Leitung ihres Lehrers bei der Löschung eines größeren Schadenfeuers in der benachbarten Ortschaft Limmer in erheblicher und mustergiltiger Weise mitgewirkt. Es ist der Anstalt daraufhin ein warmtöniges Anerkennungsschreiben des Gemeindevorstehers zugegangen. — In Hatten, Elsaß, wird üb.r einen sonderbaren Ausstand viel gelacht. Bekanntlich lassen sich die strenggläubigen Israeliten nicht rasieren, sondern werden mit dem Schcrmesser „gezwickt". Der mit dieser Manipulation beauftragte Barbier hat nun mit dem Preis aufgeschlagen. Wer aber nicht ans diese Preiserhöhung einging, das waren die Israeliten, dieselben lassen vielmehr die Bärte stehen. Man ist gespannt darauf, wer zuerst nachgebcn wird. --„Ich habe einmal", erzählt Konrad Heresbach in seiner Schrift: „Vs laudibus graecarum literarum“, einen Mönch in der Kirche gegen die Sprachen eifern gehört. „Da ist", sagte er, „eine neue Sprache erfunden woroen, sie heißt die griechische: Hütet euch vor derselben! Sic ist's, die all' die Ketzerei gebiert. In dieser Sprache giebt's ein Buch, das hin und wieder angetroffen wird, es heißt: Das neue Testament. Jetzt entsteht wieder eine andere Sprache, die hebräische, wer dieselbe lernt, wird ein Jude!" — Ist es nicht, als ob unsere Antisemiten sich dies wackere Mönchlein ans dem 16. Jahrhundert zum Muster genommen hättentz Denn ihre Kapuzinerpredigtcn sind aus demselben tiefen Borne geschöpft. — Hauser's humoristische Wochenschrift „Hallo" in New-iUork bietet in ihrer letzten Nummer ein Titelblatt, welches folgendes zur Darstellung bringt: Zwei Männer priiqelen einen alten Hilden, ein geistlicher Würdenträger flieht ob dieses Anblickes entrüstet^inweg und ruft: „Wenn ihr in dieser Weise fortfahrt, dem Ehrisientum Schande zu machen, dann trete ich aus und kehre zum Glauben meuicr Välcr zurück." Der Kirchcnfürst ist Erzbischof Tr. Kohn ans Olmntz. Dre, Aufschrift der Satire lautet: „'Mögliche Folge antiscliiitpchcr Auslchreitungen " : il 's!