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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 32. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 516. Frankreich seit 2o Jahren, der von Unrichtigkeiten wimmelte. Er suchte zu beweisen, daß der Protestantismus eine englischdeutsche Religion und eine dein französischen Geiste feindliche sei, deren Anhänger, die keine Patrioten sein können, es trotzdem erreicht hätten, in der Republik eine unglaubliche Anzahl von wichtigen Posten und Stellungen zu besetzen, so daß eine Millioil Protestairten die Gesetze für 36 Millionen Katholiken machte. Rach Austischung der gröbsten Jrrtümer und Unrichtigkeiten, schloß der Vortrag mit Annahme einer Resolution, in welcher verlangt wurde, daß der politische Einfluß der P r o t e st a n t e n u n b d e r Israelit e n gemindert werden solle, so daß er dem Zahlenverhältnis seiner Anhänger entspräche." * r Aus Rußland. Der Warschauer Korrespondent der „MoSkowskie Wjcdomosti" behandelt in einem seiner letzten Briese die Frage von der Russisizierung Polens. Hierbei thut er einer Erscheinung Erwähnung, die, wie er tagt, zu denen gehört, welche unwichtig erschienen, in der Folge sich aber als sehr bedeutsam erwiesen: — die Uebersiedelung russischer Juden nach Polen. Er thut dies in der Weise fast aller russischen Blätter, die ein den Inder, gespendetes Lob mit hämischen Bemerkungen verbrämen. Das ist hierzulande nun einmal so der Brauch, der Ihre Leser nicht irritieren wird. Der Korrespondent schreibt: „In der jetzigen Zeit beginnen die Juderr infolge ihrer großen Zahl und ihres verhältnismäßigen Reichtums im industriellen Leben des Weichsel-Gebiets eine hervorragende Rolle zu spielen. Natürlicherweise zu allein Russischen gravierend, bilden sie sofort ein den Polen, besonders aber den „Polen mosaischer Konfession", feindliches Lager. Die Letzteren müssen die ganze Unbequemlichkeit der Konkurrenz mit den russischen Juden erproben, von welchen viele schon so russifiziert sind, daß es aus den ersten Blick schwer ist, ihren nicht russischen Ursprung zu erkennen; die russischen Juden haben viele russische Gebräuche und die russische Sprache mit sich gebracht und das alles zusammengenommen, hat ihnen eine solche Sonderstellung verliehen, daß ihre Polonisierung meiner Ansicht nach hier unmöglich erscheint. Aus diese Weise leisten die Juden in diesem vielleicht einzigen (!) Falle uns einen Dienst, indem sie die Russisizierung des Weichselgebietes fördern; über bedeutende Kapitalien verfügend, haben sie eine Menge kommerzieller und industieller Unternehmungen ins Leben gerufen, unwillkürlich sucht die örtliche Bevölkerung bei ihnen Arbeit und das Resultat ist, daß sie trotz ihrer Sonderstellung einen bedeutenden russifizircnden Einfluß aus die Polen und ihre polnischen Stammesgenossen austtben." Run kommt der hinkende Bote nach und tritt die ganze Heuchelei unsrer (Gegner-zu Tage: „Andererseits darf man sich nicht von dieser jetzt vielleicht nützlichen Dhätigkeit der russischen Juden Hinreißen lassen, rechtzeitig muß man Sorge dafür tragen, daß nicht das ganze Gewerbe des Landes — natürlich nur zum Nutzen der Herren Hirschowitz u Eo. — in ihre Hände geraten." — In der großen Synagoge in Riga wurde am 23. Juli zur Erinnerung an das vor dreißig Jahren durch den hochseligen Kaiser Alcrander 11. den jüdischen Handwerkern gewährte Recht der Freizügigkeit ein Fest gefeiert. Es wurden feierliche Gebete für den regierenden Kaiser und sein Haus und Seelenmessen für seine beiden letzten entschlafenen Vorgänger verrichtet. In einer in russischer Sprache gehaltenen Rede entwickelte Herr Rabbiner Pucher die Bedeutung und die Folgen dieses Gnadenaktes und legte den Handwerkern warm ans Herz, durch redliche Arbeit, gründliches Erlernen des Handwerks treue Erfüllung aller Pflichten gegen den Staat und die Gesellschaft, Hingebung für Thron und Vaterland dem Danke für die Kaiserliche Gnade Ausdruck zu geben. — Ten „Me.lamdim" im Gouvernement Mohilew wurde dieser Tage die ihre Dhätigkeit betreffende Instruktion kundgegeben. Es wurde ihnen verboten: 1. in einer Wohnung zwei Ehedarim (Schulen) zu unterhalten; 2. ihre Schüler im Talmud, in hebräischer Grammatik und Elementarlehre zu unterrichten, sowie mit den Schülern die hebräischen Schriften moderner Schriftsteller zu lesen; 3. die Chedariur mit Bildern der Großen Israels zu schmücken, 4. Pensionen zu unterhalten. Gestattet ist ihnen zu lehren: 1. die Gebetord nung; 2. die ersten beiden Bücher Mosis mit dem Kommentar von Raschi; 3. die fünf Bücher Mosis, die Bücher „Josua", „Richter", „Samuel", „Jesaja", „Jeremias", „Psalmen", „Sprüche" und „Esther" ohne Kommentar; 1. von der Mischnah die Traktate „Berachot", „Moed", „Resikin" und „Kadasch-im"; 5. vom Schulchan Aruch den Teil „Orach Ehaim" und 7. von jeder Woche den Bibelabschnitt mit der dazu gehörigen „Haptharah" (Prophetenabschnitt.) Innere Angelegenheiten. * Berliner Nachrichten. In einem an die 'Neuzeit gerichteten Reisebries teilt ein Oesterreicher seine in Berlin gemachten Beobachtungen mit. „ . . . Auch die Kirchen Berlins habe ich ausgesucht, und was ich in der Christuskirche dortselbst gehört habe, dürfte Pater Deckert wohl beherzigen: „Daß das Heil von den Juden komme," sprach dort der Nachfolger von Paulus Cassel, „sagt das neue Testament, icb füge hinzu, daß viel mehr Unheil von einer Bewegung wie die antijüdische als Heil von den Juden kommt-" Bewegt von diesen Worten ging ich am folgenden Freitagabend in die Oranienburger Synagoge. ' Welch' eine erhabene Andacht! Bei wunderbarem elektrischen Lichte vernahm ich die Dreiwochenmelodie von Lechö dodi. die mir schier die Thräneu aus den Augen preßte. Vorsänger und Chor leisteten Vortreffliches- Das Gotteshaus war trotz der tropischen Hitze zum Erdrücken voll. Leider war an diesem Sabbat, an welchem ich nach einer guten Predigt lechzte, kein Prediger da und um in die Lindenstraße zu kommen, wo unser Landsmann Tr. Stier sprach, dazu war mir das Gotteshaus zu entlegen. Das Eine aber erfuhr ich, daß die vier großen Synagogen Berlins an jedem Sabbate überfüllt seien l,??Rcd.), und daß man jetzt daran gehe, noch ein großes Bethaus zu errichten und nach Abdankung des mir persönlich bekannt:!, Seniors der Rabbincn Tr. Ungerleider noch zwei Rabbineu anzustellen " -- Hier ist manches zu berichtigen. In der Synagoge Oranienburgerstraße wird ein „Drei- Wochen-Meosio dodi" nicht gesungen. Der Herr hat vermutlich den netten Leclio dodi, der in der Neuen Synagoge gesungen wird, gehört. Diese Piece ist all.rdings recht traurig, hat aber mit den drei Trauerwochen nichts gemein. Daß dem Wiener Herrn hier Thränen in die Augen gekommen sind, könne,ff wir trotzdem begreifen. Jedem Fremden, der einen Einblick in die hiesigen Gemeindeverhältnisse gewinnt, gehen leicht die Augen über. - — Man schreibt uns: In der vorigen Nr. Ihres geschätzten Blattes verlangt ein Gemeindemitglied, der Vorstand solle' den Almosen-Empfängern an bestimmten Tagen einen Platz innerhalb der Friedhofsmauer anweisen, damit sie dort die Ausinerksaiukeit mildthätiger Passanten aus sich lenken können, ohne der Gefahr a,lsgesetzt zu sein, durch Gensdarmen abgesaßt und abgeführt zu werden. Der Wunsch des Herrn zeugt von einein guten Herzen aber von einer

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