Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 515. |U der zuerst auf der Welt eine Zivilisation besaß, der mit seinen Geistesschätzen die ganze Welt beteilte und solch eine Undankbarkeit erlebte. Bon der Höhe seines Thrones stürzte er in den Abgrund des Elends und der Gefangenschaft, unter den Drangsalen und in der Verbannung, im Feuer und im Gefängnis, unter der Wucht des Hasses und der Verachtung, ergab er sich nicht, sank nicht, sondern harrte aus seinem Posten aus, um erst in der neuen geschichtlichen Phase seine Stelle als „Priestervolk" beim Altar des Fortschrittes und des allgemeinen Wohles einzunehmen. Hat man sick solcher Traditionen zu schämen? Braucht man sich von solch einer Vergangenheit loszusagen? . . Sie hatte es aber doch gethan! Der erste Eindruck des gelesenen Werkes betäubte sie ganz, sie konnte in ihrer Seele nicht genug Reue, Tadel und Verdammung für sich finden. Bald aber machte sich die Stimme der Reaktion vernehmbar, ihre erste Begeisterung abkühlend. Sie siel von einem Extrem ins andere und begann so zu raisonnieren: Zweifelsohne ist die Geschichte der Juden ein großes, herrliches Buch tragischer Poesie und die Juden kein alltägliches Volk von nicht kleinem Verdienste. Ohne Zweifel hat die katholische Welt ein großes Unrecht begangen, indeni sie Menschen verfolgte und ausrottete, denen sie soviel Geist schuldig war. Wenn man aber den Standpunkt der Katholiken jener Epoche einnimmt; wer weiß ob sie ganz unbillig handelten? Waren die Juden ganz unschuldig? Vielleicht gaben und geben sie wirklich Veranlassung zu Verfolgungen, Haß und Verachtung? . . Vielleicht? . . . Und all die Schlangen der gelesenen antijüdischen Werke erhoben ihr Haupt. Die längst eingewurzelten Gedanken begannen mit den neu erworbenen einen Streit und es entstand eine Dissonanz, eine Begriffsverwirrung. Aus diesem Chaos kamen bald zwei feurige Säulen an den Tag, welche sie wiederum in die Religion der Zweifelsucht und des Dunkels geleiteten. Es kam ihr in den Sinn der „Talmud" und die „Nation in der Nation", welche daraus ausgeht, die Welt zu bcherr- ,' scheu. Diesig zwei in ihrer Seele schon längst eingewurzelten Anklagen riefen wieder eine ganze Kombination verschiedener . Vorwürfe gegen das Judeutuni hervor: Sie observierten den Talmud, „diese Quelle, aus welcher sie jenes das Leben der verhaßten Nichtjuden verpestende Gift schöpfen." Was v Wunder also, daß die letzteren zur Selbstverteidigung ihre > materielle Macht gegen ihre gefährlichen Todfeinde gebrauchten : und mißbrauchten? Und als sie all die gelesenen Schilde-; rungen der sozialen Schädlichkeit unserer Juden resummiert . [ und anderseits sich an ihre ungeheure Reichtümer, „mittelst welcher sie die ganze Welt sich und ihren: Stamme unterzu- S ordnen liub zu unterwerfen beabsichtigten", erinnerte, fragte - sie sich im Geiste: Was nützt der Hinweis aufs Ausland, : wenn uns die Wunden brennen? Was nützt der momentane Nutzen der Juden, wenn die Endziele ihrer Arbeit so em- P pörend sind? ■ Aus der gelesenen Geschichte hatte sie einen großen Vor- ' teil davongetragen; sie hatte die Schöpfer und die Ursachen; der gegenwärtigen Verhältnisse kennen gelernt. Sie hatte daraus entnommen, daß man die Juden zwang, sich mit : Wucher zu befassen, daß man vor ihnen alle Wege einer ehrsamen, produktiven Lebensweise absperrte, infolgedessen die - materiell elenden Schankwirte und Makler auch moralisch ver-; kommen wußten. Aber jetzt, jetz.t, da gar keine rechtliche - Beschränkung mehr existiert, warum verläßt noch immer nicht ein großer Teil unserer Juden sein geistiges und Berufsghetto? Da zogen vor ihren Augen die selbst beobachteten Gestalten aus der nichtjüdischen Welt vorüber. Und was sagte sic sich? Das sind nur Individuen, aber da ists das ganze Volk. Die schlechten polnischen Individuen schwächen nicht die Wirksamkeit der ganzen Gesellschaft, während die guten jüdischen Individuen, die vom großen Reste verursachten Schäden nicht gutmachen können. Hinsichtlich der jüdischen Frage herrschte wiederum in ihrem Geiste eine quälende Ungewißheit, welche die sie aufs neue plagende Nervenzerrüttung steigerte. Und sie schwebte wieder zwischen Himmel und Erde. (Fortsetzung folgt.) Wochen-Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * t Aus ^Oesterreich - Ungarn. Bei unfern AntP semiten ist ein Schritt zur Besserung zu verzeichnen: sie fan' gen an sich zu schämen. Oder sollte es nur ein Akt politischer Klugheit sein, daß die Führer der „Wiener Bewegung" in einem Ausrufe ihre Genossen zur Vorsicht mahnen? Fast scheint es so. Denn in dem Ausrufe schieben sie in erster Reihe die Schuld, die in Wien vorgekonnnenen blutigen Exzesse angestiftet (!) und ausgebauscht zu haben, ihren politischen Gegnern zu; andererseits aber fordern sie ihre Anhänger auf, eine exzessive Beihätigung ihrer Parteizugehörigkeit zu vermeiden, damit der Wunsch der Liberalen nach Verhängung des Ausnahmezustandes über Wien nicht in Erfüllung gehe. — Die Grazer befolgen das edle Beispiel des Kaisers Franz Joses nicht. Er hat, wie erinnerlich, im Frühjahr die Grazer Synagoge besucht und ermahnt, es nicht zu machen, wie die Antisemiten im Wiener Gemeinderat. Die Antisemiten in Graz schlagen trotzdem Alarm. Es geschah aber in der That etwas ganz furchtbares. Man lese und staune: Im Gebäude der Steiermärkischen Sparkasse wurde ein Geschäftslokal an eine jüdische Firma aus Wien vermietet, — sollten da die Antisemiten schweigen, konnten sie schweigen?! Und sie schwiegen nicht. Aus Anregung der Gemeinderäte Stärket und Feuchtinger wurde aus diesen: Anlasse eine „Protestversammlung" abgehalten, die nach erregter Debatte eine Resolution faßte, in welcher gegen die Sparkasse und gegen jene Kaufleute, die sich der von den genannten Agitatoren eingeleiteten Bewegung nicht angeschlossen haben, die schärfste Mißbilligung ausgesprochen wird. * Die Juden- und Protestantenhetze in Frankreich. Wir haben schon oft darauf hingewiesen, daß die Antisemiten nicht bei dem Kampfe gegen die Juden stehen bleiben und daß speziell in Frankreich mit der Judenverfolgung auch eine frische, fröhliche Protestantenhetze verbunden ist. Run bringt die wohl kaum „philosemitisch" zu nennende „Deutsch-Evangelische Kirchenzeitung" des Herrn Hofpredigers a. D. Stöcker folgenden Bericht über eine antisemitische Versammlung in Paris: „Trotz aller Aufklärung und Freiheit herrschen in Frankreich noch merkwürdige Unklarheiten und Unfreiheiten in religiöser Beziehung vor. So hielt kürzlich ein früherer Boulangist, Thiebaud, der sich mit Ed. Drumont, dem Redakteur des „Freien Wortes" („Libre Parole“) zur Bekämpfung des Protestantismus verbunden hat, um den antisemitischen Kamps zu verstärken, einen Vortrag in Paris über die Fortschritte der Reformation in I