Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 514. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. hat ani Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein Kind Namens Simon heiliggesprochen, welches angeblich im Jahre 1276 durch die Juden einen grausamen Märtyrertod erlitten hatte. Erst nach der Rückkehr der Päpste nach Rom, unter Enylis IV., Ealixtus III. und Nikolaus V. brach wieder eine bessere Zeit herein und der freiere Hauch der beginnenden Renaissance trug auch dazu bei, den Enkeln Abrahams etwas mehr Licht und Sonne zu verschaffen. Schon drohte ihnen jedoch eine tiefe Erniedrigung, von welcher sie sich in Rom niemals wieder — bis zum Ende der päpstlichen Herrschaft — völlig erholt haben. Sie kam unter Paul III., einem Venezianer Grand- Seigneur, der keineswegs bösartig, aber von Natur ein bischen leichtherzig und übermütig angelegt war, ein Freund rauschender Feste, schöner Statuen und Bilder, ein Förderer des Kunstgewerbes, kurz jenes blühenden Lebens, das sich in den Bildern der großen venezianischen Maler widerspiegelt. Seine größte Sorge war nicht der Türkenkrieg, nicht das italienische Gleichgewicht, nicht die Reform der Kirche, sondern — der Karneval. Rom hatte bisher die tollen Karnevals-Festlichkeiten nicht gekannt. Eist Paul III. führte sie nach venezianischem Muster ein. Von den Fenstern seines Palastes in Venedig hatte er oft den Spielen zugesehen und Goldstücke unter die Menge geworfen oder Preise für die Wettlänse der Hunde und Esel ausgesetzt. Hier in Rom führte er neben dem Wettlaufen von Eseln und Hunden noch etwas Neues ein; fast sträubt sich die Feder es niederzuschreiben — den Wettlaus von Juden aus dem Ghetto. Es war eine Erniedrigung der Inden sondergleichen. Eine menschliche Rasse, ein religiöses Gesetz, ein Volk armer Besiegter mußte zum Spielzeug und Zeitvertreib für eine grausame Volksmenge, für die vornehmen Prälaten dienen. Während sie liefen, schleuderte man ihnen Honig in das Gesicht, bewarf sie mit faulen Früchten und Eiern, ja mit Steinen. Erst im siebzehnten Jahrhn dort dekretierte ein Papst, daß sie nur mit Früchten bewnrsen werden dürfen Ein besonders scherzhafter Marchese lioß daher damals für den Wettlaus der Juden Pinienzapsen in Wagenladungen herbeischassen. Eine Stadt und eine Bevölkerung, welche an derartige Schauspiele gewohnt war, blieb selbstverstädlich sähihg zu viel unbarmherzigeren Roheiten. Tie römischen Fischhändler in der Nachbarschaft des Ghetto gehörten zu den mitleidslosen Peinigern der Juden. Sie veranstalteten einmal eine Parodie aus den Leichenzug eines Rabbi; der Erfolg der gotteslästerlichen Posse war derartig, daß man sie noch einmal wiederholte, um dem Sohne des Polenkönigs Johann Sobieski der eben in Rom weilte, ein neues Amüsement zu bieten. Im Jahre 1711 wurde eine ähnliche rohe Maskerade auSgeführt: Auf Eseln sah man eine Prozession von Inden reiten, an der Spitze einen Rabbiner, der verkehrt aus seinem Reittier saß, und in der rechten Hand den Schwanz des Esels hielt, während die linke ein Buch mit den Gesetzen Mosis geöffnet dem Pöbel hinhielt. Mit Paul III. waren die guten Stunden für das römische Ghetto vorüber und eine Zeit kam, geeignet die Juden in Rom an die Zeilen der babylonischen Gefangenschaft zu geinahnen. Von dieser Periode soll in einem nächsten Aussatze die Rede sein. P- L- Feuilleton. Entgleist! Nachdruck vcrbolon. Eine galizischc Erzählung von Wilhelm Feldman. (Fortsetzung.) Mit fieberhafter Hast las sie weiter. Die Juden verloren ihre staatliche Selbständigkeit, lebten aber als Kollektivkörper weiter. Sie lebten in eine Masse gedrängt oft feindselig und immer fremd der Lebensweise und der Kultur der sie umgebenden Völker, welche diese Lage selbst herbeiführten. Dort aber, wo die eisernen Grenzpsähle nicht existierten, dort beteilten sie mit den Früchten ihres schöpferischen Geistes das Land und das, wenn auch andersgläubige Volk. Die Liebe und Lehre vergalten sie immer mit Gegenseitigkeit. In Europa aber umnachtete die Dunkelheit allgemein die Geister. Klara las mit Schaudern, wie die Bekenner der Religion der Liebe mit dem Losungswort ihres Meisters auf den Lippen seine Brüder auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Wie groß, wie mächtig waren jene abgehärteten, seelensesten Männer in ihren Augen, die mit den glaubens- und hoffnungsvollen Worten auf den Lippen den Scheiterhaufen bestiegen. Und ganze Familien, ganze Scharen, ganze Gemeinden, sich die Hände reichend und ihr Auge aus ihr Ideal heftend, erlitten resigniert den grausamen Tod nach den noch grausameren Folterqualen. Und doch haben sich diese Leute in gewöhnlichen Zeitkäufen mit Geschäften, die man „Schwindel" nannte, befaßt. Und doch ging aus dem Schoße derselben Leute der dritte Meister der denkenden Menschheit — Spinoza hervor. Sie begann die dritte Periode, die Geschichte der Juden der 'Neuzeit, zu lesen. Das großartige Morgenrot der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts über Europa ausgehenden Sonne traf die Juden machend an. Aus Initiative und Beispiel der Mendelssohnisten, begannen sie, den Moder der letzten Jahrhunderte, der in ihren engen Quartieren ihre Herzen gefangen genomineir hatte, abzuschütteln. Durch Arbeit und Bildung bereiteten sie sich vor, das große Examen der bürgerlichen Reise abzulegen. Und als inan. sie zum Examen zuließ, als der Hammer der Zeit die Fesseln und Beschränkungen sprengte, ging auch die Rinde der sozialen und geistigen Exklusivität auseinander. Unter dem wohlthätigen Hauche der frischen Lust verschwanden sie als Kollektivkörper, als Nation, um als Menschen mit modernen! Geiste den Begriffen und den Bestrebungen der Neuzeit wiedergeboren zu werden. Und überall sind die guten Folgen dieser Metamorphose sichtbar. In der Litteratur, in der Kunst, in Handel und Industrie, aus allen Gebieten des bürgerlichen Lebens und des menschlichen Gedankens arbeiten sie mit Befähigung, ausdauernd und erfolgreich zum Nutzen und zur Ehre des Staates und des Landes, wo die Gebeine ihrer Vorfahren ruhen, wo die Wiege ihrer Lebensschule stand. Diese, mit dem Auge der aufgeregten Phantasie gesehenen historischen Bilder erschütterten sie tief. Das Buch war von einein Chauvinisten geschrieben, und deshalb figurierten auch aus seinen Blättern öfters die positiven Thaten und Charaktere und diese blendeten im ersten Moment das fieberhaft aufgeregte Mädchen, dem all diese Ereignisse bisher unbekannt waren. Und ihr Herz wurde von Bewunderung und Verehrung erfüllt für diese Geisteshelden, für den ganzen Stamm,