Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608815--0660-9608824- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 32. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 513.; \ Triumph der Delire jener Tischer aus (Galiläa, des Christentums, mit an; sie sahen alle die Schrecken mit an, welche die Stürme des Mittelalters, hie Uardaren des Alarich, des Genwrich, des Odoaker, die Bnzantiuer uild die Longobarden üdcr die ewige Stadt hrachten. Sie sah die deutschen Kaiser einziehen, sah die Normannen in Nom wüten, erlebte all die Ausbrüche der Pest, die furchtbaren Feuersbrünste, die Perioden von Hungersnot, die Fehden der feudalen Geschlechter. Als Rom von.Robert Gniseard unb feinen Normannen neuerdings niedergebrannt und vernichtet, lvieder daran ging, sich neu aus jener Wüste zu erheben, zu der die normannische Wut die Stadt gemacht hatte, verließen auch die Juden ihre düsteren Behaufnngen in Trastevere, sie überfiedelten auf das linke Ufer des Tiber und richteten sich zuerst unter dem Schütten des Theaters des Marcellus ein. Früher wohl schon hatten einige reichere, die wohlhabend lind gewissenmafsen die ersten jüdischen Bankiers in Rom geworden waren, wie z. B. die Pierleonie, feste Häuser in jenem damals öden Teile in der Rühe der heutigen Borca della Berita erworben. Eine Synagoge wurde erbaut und der Friedhof gegründet unter dell 'Nesseln und dem Gestrüpp im Zirkus Maximus anl Fuße des Aventin. Alljährlich einmal warf über diese schon bessere Wohnstätte der Tiber, aus seinen Usern auStretend, Massen von ,S\ot und bedeckte alles mit Schlamm; auch in diesen Quartieren feierte die Pest Triumphe. Erst im Jahre 1551 ließ Papst Paul I V. das Ghetto ummauern; nur zwei Thore führten in dieses elende Viertel, das eine blutige Chronik besaß. Tie Inden, die in Rom zur Zeit des großen Pompejus erschienen waren, hatte man anfangs nicht hart behandelt. Das war ein Schlag von Leuten, die wenig genierten und keineswegs Unordnung und Unruhe liebten. Julius Cäsar hatte sie in die blasse der Libertinen eingereiht, sie lebten dairn geräuschlos von allerhand niederer gewerblicher Arbeit, vom Handel mit geringen Dingen und haben ihren Wohlkhäter Cäsar sehr beklagt. Tiberius schon, der sie magischer Künste verdächtigte, wollte sie nach Sardinien verbannen: Claudius, der sie mit den Christen in einen Tops warf, verfolgte und hetzte sie; Nero ließ sie beim Brande Roms massenhaft morden; Nerva begünstigte sie; unter Autoninus Pius und Marc Aurel litten sie nur geringeil Truck; Diocletian verfolgte sie wie die Christen und Konstantin desgleichen als dieStammeSgeuosieu Judas' des Verräters; Julianus Apostata überhäufte sie mit Gunst, um die Christen zu reizen. Auch die Karolingischen Kaiser standen ihnen wohlwollend gegenüber: Karl der Große ließ sich stets von seinem Leibarzt Jsaac begleiten. Sowohl das weltliche überhaupt der Christenheit, der Kaiser, als auch das geistliche, der Papst, hielten viel auf zweierlei Kenntnisse der Juden: aus ihre medizinische Kunst und aus ihre Exegese der Bibel. Von Rom, von Cordvva und von Toledo wurden jüdische Aerzte, Chirurgen und Alchymiften zu den Höfen der Großen und der Päpste berufen. Als der alte Innozenz VI11. im Sterben lag, versuchte sein jüdischer Leibarzt ein kühnes Heilverfahren: er führte in die Venen des sterbenden das Blilt dreier Jünglinge ein — wohl die aTto Bluttransfusion, die beglaubigt ist. „Tie Jünglinge starben," erzählt Jnsessura, „der Papst gab seinen Geist aus und der Jude entfloh." Heber die Schicksale der Jndenschaft zu Rom, über ihre wechselnden Beziehungen zu den päpstlichen (Gebietern der ewigen Stadt, und ülur ihre Leiden ist vor kurzem ein verdienstvolles französisches Werk erschienen: ,.Le Saint Siege et les Juifs“ von Cm. Rodoeanachi. Ein Buch voll tiefer und gründlicher Arbeit und lobenswerter Offenheit. Im Folgenden sei einiges aus dein Inhalte in knapper Zusammenfassung wiedergegeben. Bis zum letzten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts gab es für die Juden in Rom verhältnismäßig mehr gute Jahre als in den späteren Jahren. Sie lebten meist in erträglichen Verhältnissen, zerstreut und unbeachtet von der christlichen Bevölkerung, osssziell anerkannt von Kaiser und Papst, nur gehalten zu gewissen feststehenden Ehrenbezeigungen, welche selbst durch ihre Existenz die Legalität des bürgerlichen Lebens der Juden in Rom bezeugten. Bei der Krönung des Papstes hatte auch die Synagoge ihre Glückwünsche darznbringen, gleichwie sie den Kaiser, wenn er nach Rom kam, begrüßen mußte. Entweder überreichten sie dann als Ehrengeschenk ein neues Exemplar des Pentateuch, oder ein Pfund Pfeffer und zwei Pfund Wachs, lauter Tinge, welche die Juden nicht an den Bettelstab brachten. Attßerdem übergaben sie dem Camerlengo noch zwanzig Saldi, eine sehr erträgliche Suinme. In ihrem loyalen Eifer versäumten die Juden niemals in Zeiten einer zwiespältigen Wahl Papst und Gegenpapst zu begrüßen und deckten sich so gewissermaßen . zugleich ä picxne et a earreau. Im Jahre 1130 zum Beispsel begrüßten sie gleichmäßig Innozenz 11. und den Gegenpapst Anaelet; der Letztere war ein Nachkomme des oben genannten reichen jüdischen Bankiers Pierleoni, dessen Familie aus Gründen der Klugheit unter Leo IX. und Gregor VII. zum Christentum übergetreten war. Ein Papst jüdischer Abstammung im zwölften Jahrhundert! Schien es nicht wie ein Glücksfall für das Ghetto, schien es nicht wie eine ironische Rückkehr zu den Uranfängen des Christentums? Das zwölfte und dreizehnte Jahrhundert brachten im allgemeinen glückliche Zeiten für die römischen Inden. Bedeutende Päpste wie Alexander 111. und Innozenz 111. ließen ihnen die Freiheit des Gewissens, hoben nur mäßige Abgaben ein und nahmen sogar oft ihren Rat und ihre Erfahrung in juristischen Dingen oder Finanzgeschäften in Anspruch. Tie Synagogenschule von Rom war damals ein Sitz hoher Intelligenz in Italien; aus den großen Rabbinerfamilien gingen bedeutende Gelehrte, Philologen, Juristen und Aerzte hervor. Bis zu Innozenz IV. dauerte diese glückliche Periode. Erst dann, in der Zeit, in welcher die Päpste die Kirche durch die sich an verschiedenen Orten erhebenden Häresien gefährdet glaubten, tauchte der Verdacht aus, daß die Juden aus der Verwirrung in der Christenheit 'Nutzen ziehen und Proselyten für ihren Glauben machen wollten. Das Ghetto wurde plötzlich verdächtig als ein Herd von Irrlehren mtd teuflischen Wissenschaften und es begannen sich die Ungerechtigkeiten und Quälereien zu häufen. Man entzog ihnen das Recht zu den Handmerkeir und industriellen Erwerbszweigen, und zwang sie dadurch wieder aus den Wucher znrückgreisen, der neuerlich den Haß gegen sie ansachte. In der furchtbaren Unordnung unter den wütenden Kämpfen und Fehden, die in 'Rom herrschten während die Päpste zu Avignon sie Hostien und heilige Altäre beschimpften. Sixtus IV. noch