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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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- - Seite 512. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Nachdem fo die ganze europäische und am gründlichsten die deutsche Litteratur gereinigt worden war, schritt man zur Lrerhandlung über die Kunst. Hündel's „Ncessias", Haydn'S „Schöpfung," Bach's „Passionen" wurden natürlich wegen ihrer biblischen Stoffe, Mozart's „Zauberslöte" als freimaurerisch verurteilt, ebenso alle Oratorien und in Musik gesetzte Psalmen. In der bildenden Kunst ging man mit einer Rigorosität vor, die dem bilderstürmenden Kaiser Eonstantin EopronymoS reinlichen Angedenkens grenzenlose Freude gemacht hätte. Mit großer Schärfe wurde gegen den verjudeten Michel Angela losgezogen, der es gewagt hatte, in einer christlichen Kirche das Bildwerk des Juden Moses und daneben die Statuen der Judenweiber Rahel und Lea auszustellen. Ucber letztere machte Pfarrer Deckert einige geistvolle Bemerkungen in seiner Manier, die große Heiterkeit erregten. Außer der Zerstörung des „Moses" wurde auch der heilige Petrus in der Peterskirche, des heiligen Paulus aus der Antonienssäule, der Loggien Raphaels im Batiean mit den Darstellungen aus dem Alten Testament von Lionardo da Vinei's Abendmahl und die Entfernung sämtlicher Madonnenbilder aus allen arischen Kirchen und Gemäldegallerien beschlossen. Speziell aus dem Wiener knnsihifforischen Museum sollten außerdem weggcschasft werden: Andrea bei Sarto's „Tobias", Tiztoretto's „Findung Mosis," Giorgione's „Drei Weisen aus dem Morgenlande", Murillo's „Johannes der Täufer," Ruben's „Magdalena," Lueas „Cranach's Paradies" u. s. w. Ein kunstgelehrter Redner erklärte, er könne es gar nicht begreifen, wie ein arischer Maler solche Werke zur Verherrlichung von Semiten malen konnte, das passe für einen Juden wie Raphael, dessen Familienname absichtlich verschwiegen werde; er habe gewiß Beilchenrot oder Rosengrün geheißen. MechanikuS Schneider meinte, sülche Gemälde könne ein Jude gar nicht malen, sie seien gewiß von einem Arier gemalt und der Jude Raphael habe nur seinen salschen Stempel daraus gedrückt. Rauschender Beifall lohnte die geistreiche Rede, worauf der Präsident u.il einem kurzen Resume der gefaßten Beschlüsse den Kongreß schloß. „Wir haben", sagte er, „die Litteratur und Kunst Europas von allem Semitischen gründlich gereinigt. Wir haben mehr als die Hälfte unserer Litteraturen, mehr als drei Viertel der Kunst ans dem Altar des reinen Ariertnms geopfert. Mögen Böswillige sagen, daß es die besten und schönsten Teile von Kunst und Litteratur waren, wir gehen stolz und zusrieden auseinander, mit dem Bewußtsein, die echten Nachkommen der reinsten Arier: — der Vandalen zu sein." O. W. Dif Mm in Dom. I. Das Ghetto in Rom ist beute nichts anderes mehr, als eine historische Reminiszenz. Der merkwürdige Schauplatz so vieler trauriger Vorgänge, welche die Anteilnahme nicht blos empfindsamer Gemüter zu erwecken befähigt sind, i)t von der römischen Erde verschwunden, wie denn überhaupt die alten historischen Städte ihre Originalität mehr und mehr in dieser eisernen Zeit einbüßen. Es giebt noch Juden in Rom, aber keine Jndenschaft mehr. In jener Gegend der ewigen Stadt, in welcher so viele Jahrhunderte bindurch die Enkel Abrahams ein leidvolles Dasein geführt haben, erhebt sich heute ein neues bürgerliches Stadtviertel, gesund znm Bewohnen und gewöhnlich für den Anblick. Selbst der Tiber, der einst so oft für das Ghetto schrecklich war, ist dort kaum wiederzuerkennen: er fließt sanft dahin, eingezwängt zwischen hohe granitene Mauern^ Wenn heute jene alten, blassen Inden, die einst im römischen Ghetto den Fluch des Erils zu tragen hatten, wieder dieses Viertel beträten, sie würden sich nicht mehr zurechtfinden. Sie könnten nicht mehr in den Sand, den die gelben Wellen des Tiber bespülen, herabsteigen, um dort träumend und traurig zu sitzen, wie ein Bild jenes melancholischen Israel, von welchem geschrieben stcht: „An den Wässern Babylons saßen wir und weinten." Das Ghetto am linken Ufer des Flusses war indessen nicht der erste Wohnsitz der Juden in Rom, sein Alter reicht kaum bis zum elften Jahrhundert zurück. Das erste ältere Ghetto lag am rechten Ufer zwischen dem Janicnlus und der Porta Portese, im späteren Trastevere, von dem heute kein Stein mehr' aus dem anderen steht. Dort in der Vorstadt, welche von der vornehmen römischen Welt kaum gekannt wurde, verbarg sich in merkwürdigem Gemisch eine Menge armer, manchmal lichtscheuer, niederer Bevölkerung. Unter dieser hatten die ersten Juden, die aus dem fernen Palästina in diese Stadt der Wunder gekommen waren, ihren Unterschlupf gesunden. Sie waren meist sehr arm und kamen mit geringer Habe; dadurch wurde es ihnen leicht, ihre Behausungen zu wechseln, was sich ab und zu als vorteilhaft erwies. Sie wohnten weit zerstreut, oft in den ödesten Gegenden, ja sogar in der Kampagna, und lebten von gewerblichen Arbeiten niederer Sorte meistens in großer Armut. Sie hatten indessen bald ihre Schule, und unweit von Santa Eäcilia in Trastevere eine kleine Synagoge. Erst zu Theodorich's Zeit, zerstörte ein Volksausstand diesen bescheidenen Tempel, der die Gläubigen zur Andacht versammelte. Sie hatten sogar ihren eigenen Friedhof in einem unterirdischen Gewölbe in der Nähe der Porta Portese. Furchtsam und bescheiden wohnten sie dort und träumten den alten Traum von der Wiedererstehung ihrer heiligen Stadt. Eines Tages mögen sie dann in' den dumpfigen Sträßlein von Trastevere Leuten ihres Stammes begegnet sein, die eben erst in Rom angelangt waren und sagten, sie seien Fischer aus Galiläa; aber diese Stammesgenossen hielten sich zu einem anderen Glauben, zu anderen Gesetzen, von denen nichts im alten Testament zu lesen stand, und machten, wenn sie sich zum Gebete versammelten, ein neues mysteriöses Zeichen über Stirn, Lippen und Brust. Die altansässigen Juden mögen wohl anfangs mit Freuden die Ankömmlinge begrüßt haben, die ans dem heiligen Jordan getrunken hatten, sie mögen den Fremden die Wunder Roms gezeigt haben und die Synagoge mag sie mütterlich ausgenommen haben. Aber bald zeigten sich die Unterschiede zivischen den alten und den neuen, sie hatten nicht mehr einen gemeinsanien Gott, nicht mehr gemeinsame Riten und Hoffnungen. Währe, d die alten in Trastevere Ansässigen klug und vorsichtig jedes Aufsehen vermieden und den Cäsar ängstlich fürchteten, traten die Ankömmlinge, Schwärmer und Enthusiasten, mit ihrer neuen 2ehre offen und kühn unter die Menge, und in ihren Versammlungen hörte man eine Lehre häufig kommentieren, die den alten unverständlich ivar, und welche von dem Satze ausging: „Beati pauperes“ Selig' die Armen! In diesem ersten ältesten Ghetto sah dann die römische Judenschaft den langsam reifenden geistigen und politischen

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