Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
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Dir. 82. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 511. Juden verherrlichenden «h'ovelle „Eliser und?laphtali", Lamartine wegen mehrerer judensreuudlicher Aeußerungen, Mirabeau wegen seiner Verteidigung der Juden ausgeschlossen. Von Engländern wurden Milton wegen seines ganz im jüdischen Geiste gedichteten „Verlorenen Paradieses", Byron wegen seinen „Hebräischen Melodie««," Walter ^eott wegen seines „Jvanhoe", Macauley wegen seiner Rede für die Jndenemanzipation, PreSeott, weil er die Vertreibung der Juden aus Spanien getadelt, Shakespeare, weil er dem Juden Shylock die Christen beleidigende Worte in den Mund gelegt hat, verdammt. Ans der polnischen Litteratur wurde ihr größter Meister, Mickiewicz, ansgemerzt wegen der Verherrlichung des Inden Jankiel im „Pan Tadeusz" und verschiedener judensreundlicher Aeußerungen. Tasso'S „Befreites Jerusalem" wurde schon seines Titels wegen für ein ganz verjudetes Werk erklärt, ebenso Boeeaeeio's „Tecamerone" wegen der Novelle von den drei Ringen. Am schlimmsten aber erging es der „Göttlichen Komödie" Dantes, die allgemein als erzjüdisches Bnch erklärt wurde. „Ich habe selbst in Knigge's Konversationslexikon gelesen, daß Dante einen Juden Mandl, der sich Emanuel nannte, znnr Freunde hatte," sagte Profeffor Ahl«vardt. „Cr will uns ja im vierten Gesänge seiner Hölle weißmachen, daß Jesus den Abraham und Moses, den Jakob und Isaak und noch andere Inden ans der Hölle befreit und ins Paradies geführt habe. Ja selbst den König David, von denn Pfarrer Deekert so schöne Geschichten zu erzählen weiß, läßt er einen der vornehmsten Plätze im Paradiese zwischen den frömmsten christlichen Fürsten einnehmen und nennt ihn den Sänger des höchsten Gottes!" rief ein anderer. — ,FRoch zwei Judenkönige läßt er die Freuden des Paradieses genießen, den Chiskia und den Salomon und von dem letzteren sagt er gar, es habe kein Sterblicher so tiefe Weisheit besessen, wie er," fügte ein Dritter hinzu. - „Das ist noch gar nichts", meinte eine wackere Aniifemitin, „aber im vornehmsten Rang des Paradieses, unmittelbar neben der heiligen Jungfrau, weist er der Sarah, der Rebekka, der Judith und Ruth und einer Menge anderer Judeuweiber die besten Plätze an. Ganz wie bei Kroll dränge«: sich die Jüdinnen hier vor und eine ordentliche Arierin müßte sich schämen, in einem solchen Paradiese «ich auch nur eine Viertelstunde aufzuhalten. Da sitze ich schon lieber neben der Frau Potlphar, obivohl der Jude Dante sie in den tiefsten Abgrund der Hölle verdammt, «veil sie den Judenjungen Joses verleumdete." — „Was? Wegen ein Bischen Viujc und Verleumdung eines Juden zur ewigen Hölle verdammt!" schrie der Redakteur einer antisemitischen Zeitung und schlug verzweifelt die Hände zusammen. — ,,^ir ist es ganz gleich, ob diese Juden und Jüdinnen in« Paradiese oder in der Hölle sitzen/' meinte ein Händler «nit Herrenartikeln, „ivenn sie nur uicht hier aus Crdeir Manschetten ui«d Kragen verkaufen." — Viel lebhafter gestaltete «ich die Debatte, als au die Reinigung der deutschen Litteratur gegangen «vurde. Die strammsten Nationalen erklärten, sie für durch und durch verjlldet und wollten als rein germanisch nur Wagners Nibelungen,^die Schriften Dührings, Dreitschkeü und sämtliche Werke/ ^chönerers, AhlwardtS und PaafchenS gelten lassen. Gemäßigte wollten auch die Schriften Luthers gestatten, wogegen sich aber heftige Opposition erhob. Man rvars Luther vor, daß er durch seine Bibelübersetzung ganz Deutschland verjudet und demoralisiert habe. Ein Redner «vies auf den blühenden Zustand des mächtigen Spanien hii«, «vo das Lesen der Bibel stets verboten war und erst vor einigen Jahren'eine ganze Ladung von Bibelübersetzungen konfisziert und verbrannt «vurde; dagegen feien die Engländer, die so fleißig die Bibel und besonders das alte Destaineirt lesen, ein ganz herabgekommenes, armes unterdrücktes Volk. „Daruin lasset uns ein Hoch ansbringen auf uuferen stets überzeugungstreuen Dr. Lueger", rief ein Sesterreicher, „denn nur sein und seiner Parteigenossen unerinüdliches Wirken kann Sesterreich vor einem Herabsinken zu dem Range Großbritanniens bewahre««, es zu der Macht «nid dem Wohlstand Spaniens erheben, aus Ungarn ein ziveiteS Kuba machen." Ein anderer, «vegen feines Martyriums allgemein^ verehrter, unverfälschter Arier — er hat alle Reden des Herrn von Lieberrnann angehört und ist davon taub ge«vorden — «vies den entnationalisierenden Einfluß der Bibel an de««« Beispiel des kleinen David nach, der «nit der ganzen Frechheit eines „jüdischen JüngelS" auf Goliath losgeht und ihn von vorn angriff, «vährend der «««ackere Gerruane Hagen de««« Siegfried, dem er Freundschaft heuchelte, das Schwert von hinten in den Rücken stößt. „Und «vas für ein un- «noralisches Buch sind erst die Psalmen dieses Inden David! Ich wundere «««ich, daß «««an gestattet hat, sie in den Kirchen zu singen." — „Ist es nicht offene Aufiviegelung, wenn es darin (82) heißt: „Wie lange wollt ihr unrecht richten und die Person der Gottlosen vorziehen? Schaffet Recht dein Armen und de«« Waisen u««d helfet dem Elenden und Dürftigen zum Recht!" — „Mir scheint", sagte Professor Ahl- «vardt, „das ganze Buch erst von beit modernen Juden zur Schinähung der Antife«i«iten erfunden zu sein. Aus «ven sonst können denn Verse passen wie: „Verstulninen müssen falsche Mäuler, die da reden wider den Gerechte««", oder: „Die Versan«mlung der Bösen, welche ihre Zunge schärfen wie ein Schwert, die mit ihren giftigen Worten zielen «vie «nit Pfeile««", u««d vollends der ganze fünfzeh««te und der 101. Psalm und . . . ." Der Redner hätte noch weiter über die Psalmen und die ganze Bibel gesprochen, wenn ihn der Präsident ««icht «nit der Beinerknng unterbrochei« hätte, daß die Bibel ja ohnehin abgeschafft sei und jetzt nur über die deutsche Litteratur verhandelt «verde. Das Resultat der «««««« folgenden Debatte, bei der die bedeutendsten Redner zu Worte kamen und die bekannte gründliche und geschmackvolle Litteraturkenntnis der Antiseiniten dokumentierten, war, daß der größte Teil der deutschen Klassiker auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt «vurde. Klopstock «vegen seines „Messias," Gellert, «veil er in seiner „Schwedischen Gräfin" einen edlen, großinütigen polnischen Jlldcn« gesästldert hatte, Herder «vegen seines „Geistes der hebräischen Poesie" und seiner „Briese zur Beförderung der Huinanität," Lessing, der „Judenstämmling und Freimaurer" ohne weitere Motivierung, Hebbel «vegen „Judith", „Herodes u««d Mariamne" und seiner vielen jüdischen Freunde; Otto Ludwig, wegen seiner „Makkabäer"; Rückert «vegen seines „Herodes" und seiner orientalischen Poesien; Gustav Freytag, «veil er eine Jüdin geheiratet und in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" gesagt hatte: „Die Juden, die Enkel der asiatischen Wanderstümme, sind unsere Landsleute und brüderliche Mitstreiter geworden." — Goethe und Schiller konnte zivar nichts eigentlich Semitisches nachgeiviesen werden, aber sie wurden nach einer sehr wirksamen Rede des hochwürdigen Doktor Sebastian Brunner ebenfalls verdammt.