Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · p. Seite 510

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608815--0657-9608821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 510. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. eigentlich nicht dulden sollte. Der Mann war aus Schönlanke gekommen und wurde zur Erleichterung der Aussprache mit Weglassung des ö und n kurzweg „Schlanker" genannt, wiewohl er untersetzt von Gestalt und nichts weiter „schlank" an ihm war, als die Nase. Ihretwegen, das heißt der Nase halber, hatte der gute Mann viel des Spottes vonseiten der Schüler und deren Eltern zu ertragen. Die dritte Kategorie der Lehrer beschäftigte sich mit dem Unterrichte im Talmud. Das Schullokal glich so ziemlich dem oben gezeichneten, die Einrichtung war die primitivste. Aber der höhere Rang dieser Klasse gab sich bereits darin kund, daß die Schulbänke auch höhere waren. Statt der Tischabeaw-Sitze aus Brettern mit untergelegten Ziegeln, wie wir sie bei den jüngsten Besuchern der Schule wahrgenommen, waren hier schon lange Bänke, wie man sie in den Wirtshäusern sieht, vor langen Tischen stehend, anzutreffen. Oben an der Spitze des Tisches der Lehrer, rechts und links zu seinen beiden Seiten die angehenden Talmudgelehrten. Diese bestanden zumeist aus Knaben, die, den Flegeljahren bereits nahe gekommen, es dem Manne recht schwer machten, die Disziplin in seiner Schule ausrecht zu erhalten. Und dabei die Unzulänglichkeit der Zuchtmittel! Denn nur in sehr seltenen Fällen kam ein Stock dabei zur Auwendung; dasür hatte die Vorsicht der Eltern bei Anmeldung ihrer Kinder gesorgt. Sie pflegten gewöhnlich den Lehrer daraus ausmerksam zu machen, daß er in keinem Falle die Schriststelle „llnd diesen Stab nimm in deine Hand" zur Anwendung bringen dürfe. Und der drohende Hinweis hals. Was nun aber sollte so ein Lehrer, so ein jüdischer Lehrer, so ein jüdischer Lehrer jener Zeit thun, um seine Schüler einigermaßen in Respekt ^u halten? Nur derjenige, von welchem mir erzählen, hals sich damit, daß er sich seines Käppleins als Wurfgeschoß bediente. Dieses Käppchen wurde mit einer Geschicklichkeit, die der Treffkunst eines jeden Schützen Ehre gemacht haben würde, nach dem Kopse des Schülers, der sich unausrnerksam oder sonst unqualifizierbar zeigte, mit der möglichsten Kraft geschleudert, und verfehlte fast niemals den beabsichtigten Zweck. Der Talmud wurde in folgender Weise hier gelehrt: Sonntag: Vortrag des Lehrers, Montag: Wiederholung des Abschnittes wieder durch den Lehrer, Dienstag: Aussage der Schüler, Mittwoch desgleichen, und Donnerstag ging es zum „Verhören", d. h. zur Ablegung einer Prüfung vor einem bestimmten Talmudgelehrten, zur Darlegung dessen, was man in der vergangenen Woche gelernt. So ging es jahrein, jahraus. Im Winter wurde auch abends bei Licht unterrichtet. Zeder Schüler hatte ein Licht für jede Woche mitzubringen. Diese Lichter sielen wiederum, wie oben die Holzstücke, ganz nach den Vermögensverhältnissen der Eltern aus. Hier eins hell und weiß, es bekundet seine Herkunft von dem reichen Reb Anschel, dort eins schon in's gelbliche schillernd und schon stark verkürzt, es wurde gebracht von einem Lohne Reb Nachmanns, der schon zu den „bekoweden" gehört, und drittens endlich eins, das kaum den 'Namen Licht verdient, so dünn, dunkelfarbig ist es, der Docht ist das längste an ihm — es kommt aus dem Hause von Reb Jocke Nebbich, einem „Medinegeier". (Schluß folgt). Das graft Rtiarmachr». Sie hatten endlich gesiegt! Der Antisemitismus herrschte in ganz Europa; die Juden waren nach Asien^zurückgejagt ,_... « worden, nachdem man ihnen ihr Vermögen abgcnommen und unter die Antisemitenführer verteilt hatte, die dafür ihren armen Anhängern die schönsten, von Uneigennützigkeit triefenden Reden hielten und aus die „Ausbeuter" schimpften. Aber eines betrübte die Herzen der edlen, reinen Arier — die Juden waren sie los, aber den jüdischen Geist konnten sie aus Litteratur, Wissenschalt und Kunst nicht verbannen. Man hatte zwar die Lektüre der Bibel in allen Schulen verboten, die Buchhandlungen der Bibelgesellschaften geschlossen, alle Exemplare des Alten Testaments, deren man habhaft werden konnte, verbrannt, aber auf Schritt und Tritt wurden Augen und Ohren der reinen Arier von jüdischen Reminiszenzen beleidigt. In den Kirchen hörte man noch, trotz Pfarrer Deckert, die Psalmen des Juden David singen, sah man noch die Bilder und Statuen von Juden und Judenstümmlingen. „Bei Wotan, denn Gott meiner Ahnen, das muß anders werden!" sprach der eine und die andern klatschten Beifall. So wurde deun ein Antisemitenkongreß einbernfen, um Maßregeln behufs Reinigung der europäischen Kunst und Litteratnr vom jüdischen Geiste zu beschließen. Düsseldorf hatte um die Ehre gebeten, zum Sitze des Kongresses gewählt zu werden, aber man konnte cs der sonst gut arischen Stadt nicht verzeihen, daß sie dein Juden Heine geboren zn werden gestattet hatte, und zog ihr das stets judenreine Sapbnsch vor. Am ersten Erehtage des Weinmonats im 3465. Jahre nach Baldur's Geburt wurde der Kongreß eröffnet,, zu dessen Ehrenpräsidenten die (Geister von Pfefferkorn, Hoogcstraten und Eisenmenger gewählt wurden. Die Referate waren den bewährtesten Gelehrten — Ablwardt, Paasch, Drumont, Fritsch, Deckert u. s. w. — anvertraut. Nachdem eine Huldigungsadresse an den Fürsten Bismarck jun. abgesendet worden war, auf die aber keine Antwort eintraf, begannen die Verhandlungen, über die wir in Kürze berichten wollen. Von allen Anwesenden wurde der Grundsatz acceptiert, daß aus Litteratur und Kunst alles von Juden und Judenstämnilingen Herrührende, sowie alles zum Lobe oder zur Verherrlichung von Inden und Judenstämmlingen Geschriebene, Gedruckte, Gemalte, Geformte und Gesungene entfernt werden müsse. Meinungsverschiedenheiten zeigten sich nur in Detailsragen, wie z. B. ob Bücher, die nur einige den Juden günstige Stellen enthalten, ganz vernichtet oder nach Entfernung der mißliebigen Stellen wieder zugelassen werden sollten, ob der Nachkomme eines Inden in der fünften Generation noch als Judenstämmling zu gelten habe u. s. w. Eine lebhafte Diskussion über die Verteilung des eingenommenen Eintrittsgeldes entspann sich auch zwischen Professor Ahlwardt, der es ganz für sich beanspruchte, und Freiherrn von Hammerstein, der damit die Küsten für die bei ihm im Jahre 1335 vorgenommene Pfändung decken wollte. Erst nachdem milgeteilt wurde, daß das eingenommene Geld Herrn Pickenbach in Verwahrung gegeben worden fei, wurde die Debatte abgebrochen. Daß die Vernichtung sämtlicher Werke von Mendelssohn, Heine, Börne Anerbach, Ebers, der Gemälde und Statuen von Meierheim, Antokolski, Bernstamm n. s. w., der Musikalien von Meyerbeer, Rubinstein, Felix Mendelssohn, Halevi u. s. w. beschlossen wurde, ist selbstverständlich. Ebenso wuri e die Ausführung aller von Juden verfaßten Opern und Theaterstücke verboten. Aus der französischen Litteratur wurden Raeine wegen seiner „Athalie" und „Esther," Florian wegen seiner die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.