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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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Oi'r. 32. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 50!) in dem Bereiche und in den Räumen der sogenannten Ehedarirn gestalten konnten, und ein Stück so häßlicher Unkultur in sich trugen, daß wir sie heute kaum in unseren Begriffen ausnehmen können. Lust nnd Frische, Licht und Helle,Diente so unzertrennbar von dem Begriffe eines verwendbaren Lchulzimmers, waren in den meist nach den Hosen gelegenen Unterrichtsränmen so spärlich vorhanden, daß eS Wunder nehmen muß, wie da die jungen Leben noch ihr Gedeihen finden nno zur Ausnahme — man möchte säst sagen — überreicher geistiger Bost recht gemacht werden konnten. Wir erzählen aus der Gemeinde L., wie es da vor fünfzig Jahren mit Bezug auf den hebräischen Unterricht ausgesehen. Bon einer Religionsschule in der heutigen Bedeutung des Wortes hatte man keine Ahnung. Da gab es nur höchst primitive Vorrichtungen für das „Jüdisch lernen", wobei diese Disziplin in einer Begriffserweiterung genommen ward, daß man dabei von den ersten Anfängen des hebr. Lesens ansging, Ebumefch und Raschi darin aufnahm, bis zum Talmud sich verstieg und sogar Exkursionen in Tossafot, Maharscha und Mahrschal für selbstverständlich betrachtete. Wir begreifen heute noch nicht die Zumutung, die man damals an die jüdische Schuljugend gestellt, die Anforderungen, mit welchen man an sieben- und achtjährigen Knaben herangetreten. Mit dem 4. Lebensjahre wurde in der Regel der Knabe dem Unterrichte zugesührt. Fünf Jahr alt „fing man Ehumesch mit ihm an", und bei einigermaßen begabten Schülern scheute man sich nicht das junge Menschenkind von 6 Jahren im Talmud zu unterrichten, wobei man doch einsichtsvoll« genug die leichteren Stellen in demselben zu diesem Behufe aussuchte. Welche Regellosigkeit aber sonst auch diesen Unterricht beherrschte, so war doch eine Art Stufenordnung dabei innegehalten, eine Art Klasseneinteilung eingesührt, .von welcher jede die dafür bestimmten Lehrer besaß, —Lehrer, von welchen wohl der geringste Teil für seinen Beruf vorbereitet, — Lehrer, welche sich selbst und die Vertrauensseligkeit der (fitem zu diesem verantwortungsvollen Posten ansersehen und bestimmt. Die Lehrer der unteren Klassen besaßen gewöhnlich auch Gehilfen, den Unterbelser (Behelfer), auch Belserchen genannt, und den Dberbelser. Die Aufgabe des ersteren bestand darin, daß er jeden Morgen in das Haus des jungen Schülers kam, ihn weckte und ankleidete und „Zizis mit ihm benschte." Dem Dberbelfer war es ausgegeben, dem Lehrer beim Unterrichten behilflich zu sein und die Kinder in der Spnagoge, wo sie auf dazu bestimutten Bänken ihren Stand hatten, zu übertvacheu und zu dem Amensagen anzuhalten. Und nun das Schulzimmer! Ein niedriger, enger Raum mit so wenigem Licht und so unreiner Lust, daß es kaum diesen Namen verdient. Auf dem Boden drei aufeinander liegende Ziegel, fünf Schritte davon eine gleiche Niederlage des bekannten Mauermaterials, beide künstlich angelegte Erhöhungen durch ein gewöhnliches Brett mit einander verbunden — und wir haben die Schulbank für die unterste Klasse vor tins, wie sie damals existierte. Hinter ihr eine zweite und dritte gleich einfach nnt> kunstlos konstruiert. Hier faßen ffe nun, die Kleinen, mit eingezogenen Beinchen, plaudernd, miteinander spielend, bis sie einzeln zu dem an einem Tische sitzenden Lehrer gerufen wurden. Ja dieser Lehrer, er trug nicht immer die Freundlichkeit in den Mienen, die das Kind zutraulich ihm hätte zutuhren können. Nein, vorausgegangene ärgerliche häusliche Szenen hatten zuweilen einen so unheimlichen Schleier tiefer Verdrießlichkeit über sein Gesicht gebreitet, daß der herraunahende Schüler bei ihm alles mögliche, nur keine sattste, milde Behandlung voraussetzen kontite. Der Lehrer nm Tische, der aus guten Gründen am Fenster seinen Platz hatte — weil sonst im Zimmer wenig zu sehen war — der Lehrer am Tische, vor sich einen aufgeschlageneu Siddur — Fibeln gab es damals nod)_ nicht — in der Hand das „Deutholz" — wir wollen des besseren Verständnisses wegen nicht sagen „Tatholz", wie nutn damals sich ausdrückte — eine Art zugespitzten Federhalters. Nun wurde das Aleph Beth, einzeln aus der Mitte der Gebetstücke hervorgeholt und dem Kinde gezeigt. Hatte dieses nun schon zu thnn, den Namen des gezeigten Buchstabens in feinem Gedächtnisse aufznuehmen, so mußte erst sein ^onlaut, seine Formt ihm recht schwer werden. Der Lehrer kam ihm dabei zu Hilfe, indem er ihm Dinge und Bilder aus seiner Umgebung, die dem Buchstaben glichen, anführte; so z. B. hatte das Aleph die Form eines Sabbatstriezels, das Beth glich einem Haufe mit offener Thür, das Sammech oder Schlnßmem einem Hanfe mit geschlossener Thür u. s. w. Auf diesem schwierigen Wege lernte das Kind das erste Lesen. Was wir noch zu den damaligen Schnlverhältniffen bemerken möchtet!, ist, daß das Heizmaterial während des Winters von den Kindern eigenhändig nach der Schule geschafft wurde. Jedes derselben brachte ein Stück Holz mit, das eben nach deut Bermögensstand' der Eltern, bald groß, bald klein, bald Birken-, bald Eichen-, Tannen- oder Espenholz war. In jedem Falle gewährte es einen traurigen Anblick, wenn die armen Kleinen mit dem Stücke Holz in den erstarrten Händchen ans dem Wege zur Schule sich befanden. Der zweiten Kategorie der Lehrer war es aufgegebeit, die Kinder in der Uebersetzung des Pentateuchs, mitunter auch in Raschi zu unterrichten. Lehrer mit zuweilen recht zweifelhaftem Wissen, die niemals von einem pädagogischen Grundsatz geträumt oder von einer Methode eine Ahnung gehabt, ganz und gar des richtigen Ausdrucks bar, war es noch nicht das schlimmste, wenn sie sich dabei der Mendelssohn'schen. Uebersetzung bei arger Verstümmelung der Aussprache bedienten. Fürchterlich wurde eS erst / wenn sie, frei dem eigenen „Können und Wissen" folgend, dem Schüler die Uebersetzung beibringen wollten. Da gab es z. B. einen Rcb Leib P., der die Stelle: e'dn'ts npy — darum, weil er die Raschierklärung, daß cee wirkliche Engel waren — zur Geltung kommen lassen wollte, also den Schülerit vortrug: „Und es hat gestreckt Jakob Engelbotten" — statt Engelbote". War es ein Wunder, daß das Kind bei der Undeutlichkeit der Aussprache seines Lehrers statt Engelbotten Semmelbrocken, als das ihm Bekanntere und Annehmbarere anffaßte und gewissenhaft wiedergab! Wir wissen nicht, ob wir uns nicht dadurch vergehen, daß wir hier immer nur vom „Lehrer" sprechen, während man damals nur dafür die Bezeichnung „Rebbe" gebrauchte. Roch immer sträubte mau sich gegen den Fortschritt auf diesem (Gebiete. Wir entsinnen uns heute noch der großen Entrüstung, die sich darüber kundgab, als einst ein Lehrer von auswärts zuzog, der das kühne Verlangen an feine Schüler stellte, ihn nicht „Rebbe", sondern „Lehrer" zu neunen. Während seine Kollegen nur ein verächtliches Lächeln ihm dafür bewahrten, witterten die Eltern dahinter schon ein Stück unjüdisches Wesen, was man, wie einige meinten, recht *') „Und Jakob sandte Boten".

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