Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 508. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 32 sterbender Idealist — Eharlatan kann und konnte man ihn nie nennen. Meteorgleich ist er aufgestiegen, langsam aber sicher wird er ans der Oessentlichkeil verschwinden, um dann über eine verfehlte Lebensbahn nachzudenken. —- („Deutschen Warte".) vie Pknßoiiatk in örrlin. Bon Bur Al in au. I. Seit etwa zehn Jahren bemerkt inan in Berlin eine unverhältnismäßige Ansammlung gwn Kultusbeamten a. D., die aus dem Osten hierher ziehen, um sich in erster Reihe durch Errichtung von Pensionaten zu ernähren. Dieser Zuzug nach den großen Städten, — auch nach Breslau und Posen, — hängt mit der unsicheren Stellung dieser Beamtenkategorie zusammen, die wir in unseren Artikeln über die „Privatgemeindeu in Berlin" beleuchtet haben. Diese Beamten, Religionslehrer, Kantoren, Schächter w. werden iil.fast allen Gemeinden des deutschen Reiches nur ans 1—3 Jahre angestellt. Die Regel ist, daß sie nach drei Jahren ihr Doinizil verändern, eine Ausnahme, daß der Kontrakt ein oder einige Male erneuert wird. Daher die nterkwürdige, aber nicht seltene Erscheinung, daß acht Kinder eines jüdischen Beamten in acht verschiedenen Provinzen bezw. Ländchen geboren und. Bei der Borstellung eines neuengagicrten Knltusbeamten bei denn Bürgermeister, bedauerte letzterer, daß zwar die jüdische Gemeinde eine recht gute sei, aber der Ort selbst sei ungesnitd. „Im Gegenteil, Herr Bürgermeister, ich finde, daß der Ort sehr gesund ist. Ich habe ' gestern den jüdischen Friedhof besucht und gesunden, daß seit dem 200 jährigen Bestände der Gemeinde hier kein — Kultusbeamter gestorben ist!" Der Bürgermeister verstand die Maliee und lachte, und henke, nach 25 Jahren, haben dort wohl 'zehn Lehrer gelebt, aber noch ist keinen gestorben, und so ist es in den meisten (Gemeinden in der Provinz.. Man kann bald die Regel aufstellen: Die Provinzialgemeinden nützen die lebendige Kraft der Kultusbeainten ans und die Berliner Gemeinde liefert die — Grabstätten! Bis zum 50., günstigsten Falles bis zum 55. Lebensjahre dauert die Wanderung, nachdem dieses Lebensalter erreicht, findet der Beantte keine Anstellung mehr, denn ein so vorgerückter Jahrgang wird selbst von der kleinsten (Gemeinde nicht berücksichtigt. Da diese Herren sich nun auch den Luxus erlauben, gelegentlich 70 Jahre alt zu werden, so bilden die genannten Städte, — in erster Reihe aber Berlin, — die Zufluchts- Asyle. Naturgemäß entsteht der Plan, hierher zu ziehen, nicht über Nacht. Schon bei der Kündigung in der letzten Gemeinde, wo der Wandrer kürzere oder längere Zeit gewirkt, hat er die Idee verschiedenen Gemeindemitgliedern uiitgeteilt und alle haben sie vorzüglich gefunden. Kein Wunder; sie fürchten, daß der alternde Beamte mit seiner Familie der Gemeinde zur Last fallen könnte. Sie haben kein Gefühl für das Unrecht, das sie begehen, wenn sie einen Familienvater in der Absicht ^bestärken, in detn großen Babel an der Spree seine kiinftige Existenz zu suchen. Auch der kleinste Kaufmann in der Provinz steht mit Grossisten hier in Verbindung und er nimmt keinen Anstand, den Beamten an ' verschiedene seiner Häuser zu empfehlen. Daß diese Einpfehlungen in den meisten Fällen zwecklos sind, das ahnen sie wohl selbst nicht und im Q.rütclluni) ganzen kümmern sie sich nicht um den Erfolg. Welchen Einfluß besitzt denn in der That irgend ein Grossist in der Textilbranche oder in Stiefeln in Berlin' Die meisten Berliner Kaufleute haben weder eine Ahnung, was in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde vorgeht, noch kennen ne die Namen der hiesigen Rabbiner. Ihre Thätigkeit für die Gemeinde besteht in der Entrichtung der Steuern, die hier sehr mäßig berechnet werden, und das religiöse Interesse wird an den drei Tagen Rösch haschana und Jomkippur, oder auch nur blos an dent letzten vollauf befriedigt. Und alt einen oder mehrere Indifferente wird der entlassene Beantte empfohlen, der mm meint, schon einen kleinen Nebenposten, zum mindesten aber zwanzig Pensionäre sicher zu haben. Will der Betreffende ganz sicher gehen, so erkundigt er sich gelegentlich auch bei einem der vielen Berliner Reisenden nach den Verhältnissen hier ulid er erhält in allen Fülleil eine begeisterte Schilderung von dem glänzenden Bestand der hiesigen Pensioilate. Genug, der Halbinvalide zieht hierher, und welche Aussichten sich ihm als Beamten eröffnen, das haben wir bereits dargelegt. Nach dreimonatlichem Warten beschließt die Familie nunmehr den ursprünglichen Plan, die Errichtung eines Pensionates mit aller Energie zu betreiben. Der Manu glaubt ganz bescheiden und überaus vorsichtig vorzugehen, indem er sich nur aus acht Pensionäre einrichtet; eine Anzahl Tischgäste würden sich dann auch finden. Es wird nun eine Wohnung in C. von mindestens 5 Stuben gemietet, die bekanntlich 12—1500 Mark kostet. Für zwei Stuben sind noch die früheren Möbel vorrätig, es muß nur noch die Einrichtung von vier Schlafzimmern beschafft werden, und zu seinem Unglück erhält er diese überaus leicht. Er braucht nur in das erste „beste" Abzahlungsgeschäft zu gehen nitd eine Anzahlung vo>t 100 Mark zu leisten, nnb er hat für 1500 Alk. Möbel — die einen reellen Wert von 500 RU. repräsentieren — und den ersten Schritt zum wirtschaftlichen Ruin getban. Welches Genie die Abzahlungsgeschäfte erfunden, wer mit diesen: Geschäftszweig mehr gesündigt, ob der Jude oder Ehrist — das wissen wir nicht; heute rekrutieren sich die Inhaber dieser Geschäfte aus allen Konfessionen und sind alle gleich unbarmherzig Der meist unpraktische Beamte, welcher bis zur Stunde nur in kleinen Städten gelebt hat, ist ganz erstaunt, daß man ihm aus sein ehrliches Gesicht kreditiert, und er ist ordentlich stolz darauf, wie rasch der Wagen mit glänzenden Möbeln vor seiner Wohnung erscheint und wie bald er hochelegant eingerichtet ist. Er hat anfangs keine Ahnung davon, welche schwere Bürde er sich mit dieser Abladung arstgeladen hat. (Schluß folgt.) vor fiinhig Jahre». Reminiszenzen von Moritz Scherbel- Ein halbes Jahrhundert, was vermag es nicht an Veränderungen und Umgestaltungen auf allen Gebieten^ menschlicher Thätigkeit herbeizusühren! Auch das verflossene hat seine Fruchtbarkeit in dieser Beziehung gezeigt und neben vielem andern auch auf dem Gebiete des hebräischen UnterrichtS einen Wandel m Form und Einrichtung betreffs desselben geschaffen, wie es kaurn in der Ahnung jener Zeit gelegeil hat. Wir selbst haben sie noch durchlebt und durchkostet, jene Schulzustünde, wie sie sich einzig und allein nur