Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 82 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 507. der entweder der Sache selbst gleichgiltig gcgenübersteht, oder den nachhaltigen Eindruck des von der Tribüne der Volksvertretung gesprochenen Wortes zu unserem Schaden unterschätzt. Freilich bedeutet es nicht gerade einen Fortschritt, daß religiöse Rücksicht oder gar theologische Fachbildung bei einer Parlamentsmahl maßgebend sein soll. Aber man komme uns nicht nüt der Zumutung, daß mir auf solche Forderung wenigstens für ein Mandat verzichten sollen, nicht mit dem Vorwurf, daß wir den Rückschritt befürworteten! Gegen uns wird Religion und Abstammung — offen oder unter bedauerndem Hinweis auf ein „populäres Vorurteil" — geltend gemacht, mit erschreckendem Erfolge geltend gemacht, und so darf man es uns nicht verargen, wenn wir dieselbe Rücksicht auch einmal zu unseren Gunsten von denen anerkannt sehen wollen, die nach ihren Prinzipien unsere Sache führen müßten! Nicht wir verlangen den Rückschritt, sondern in schwerer Bedrängnis sehen wir uns zurückgeschoben, und wer uns hier hindern will, der nimmt uns das letzte Recht: das Recht der Notwehr! ökklmkr Wtlittliessem. Alphabetische Augenblicksbilder aus dem öffentlichen Leben der Reichs Hauptstadt. (Von einem Eingeweihten.) Ahlwardt. Das A. B. E. der „Berliner Weltverbesserer" weist eine große Zahl von Männern und Frauen auf, die entweder wirklich den besten Willen haben, die böse Welt nach ihrem Jdeengange umzugestalten, oder dies der Menschheit nur vorztlreden suchen, in Wahrheit aber oft recht eigennützige Zwecke unter dem Deckmantel der Uneigennützigkeit verbergen. Fangen wir mit dem bekanntesten aller „öffentlichen Männer", dem Rektor a. D. („aller Deutschen", sagen seine sentitischen Feinde boshaft) und Reichstagsabgeordneten für Friedebera- Arnswalde, Herrn Hermann Ahlwardt an. Er verdient es wahrhaftig, zuerst genannt zu werden, der gute Rektor a. D., M. d. R. und in der Einbildung bereits zukünftiger „Reichskanzler" des „reinen Deutschland", in dern „Junker, Judett und Pfaffen" einen Reiseschein mit dein Motto erhalten: Fahre wohl und komm nicht wieder Zu uns Deutschen tren und bieder!" Wird das ein „Eden des Glücks" werden! Kein „Junker" mehr wird dem souveränen Volke von Ahlwardts Gnaden den Grund und Bodeit des reinen Deutschland streitig machen. Frei ist jetzt der Wald und frei sind die Felder, Frei ist das Land von den „Juden" und „Junkern", Vom „Junker" die Flur, vom „Juden" die Gelder; Nicht schimpfen mehr wird der Pfaffe und flunkern! Holderio! Ahlwardtio, Ahlwardtinm! Bnmm! In diesem schönen Liede liegt im großen und ganzen die Weltanschauung der „neuen, deutschen Freiheit^partei". So firmierte nämlich der moderne, nach allen Seiten — auch nach der utoralischen — etwas abgeblaßte Thomas Münzer nach seiner Verabschiedung aus der deutsch-sozialen Reform- Partei.^ Jetzt ist das Ahlwardtsche Unternehtnen wieder in „Antisemitische Volkspartei" umgetauft worden. Das wollte sich aber die Mehrzahl der engeren Berliner Parteigenossen nicht gefallen lassen und diese führt, 24 Mann stark, die alte „freiheitliche" Firma weiter. Ein genaueres Eharakterbild des Herrn Rektor a. D. kann ich mir füglich schenken — die Blätter aller Parteien — selbst die der verwandten Antisemiten — haben cs mit seltener Einmütigkeit genugsain gezeichnet. Von Ahlwardt wird es sicher einst nicht heißen: Von den Parteien Haff und Gunst verwirrt, Schwankt sein Eharakterbild in der Geschichte. Nur eines möchte ich richtigstellen: Es heißt immer, Herr Ahlwardt sammelt bei seinen Vorträgen ein Vermögen. Das ist nicht wahr. Was der Herr Gemahl einnimmt, das giebt die Frau Rektor a. D., von der übrigens selbst die Mitstreiter behaupten, daß sie es überhaupt ist, welche die Zügel der Parteigeschäfte in der Hand hat, reichlich aus. Sicher ist es, daß die Strategie des Feld- und Geldzuges von ihr besorgt wird — Frau Rektor kommandiert und der Herr Rektor fährt gehorsam nach Schilda oder Krebsjauche und ladet, nachdem das neu- und wißbegierige Publikmn gleichfalls „abgeladen" hat, seine Weisheit aus, um dann dem nächsten „Angriffsorte" entgegenzusteuern. Natürlich nicht, ohne vorher Rapport erstattet und die Einnahmen zur Kriegskasse abgeführt zu haben. Dr. Böckel. Auf A folgt B und auf Ahlwardt füglich Böckel. Als ich Dr. Böckel zum ersten Male sah und hörte, war es mir begreiflich, daß dieser Mann das hessische Bauernvolk sich unterthan zu machen verstanden hatte. Der arme „Bauernkönig" von Hessen! Eine stolze/ deutsche Reckengestalt mit leuchtenden Stahlaugen und wallendem Blondbart, stand or vor 10 Jahren auf dem Podium und die hinreißende Kraft feiner Rede entfesselte tosende Beifallsstürme. Man hob ihn auf die Schultern und trug ihn durch den Saal. Wie ein neuer Messias zog er von Ort zu Ort, und zu den antisemitischen Volksfesten wurde er von weißgekleideten Jungfrauen mit Musik und Sangesgruß empfangen. Und heute? Greisenhaft, gebückt, das Auge matt, die Kraft gebrochen, ein Schatten von ehedem, ist Dr. Böckel der Trabant Ahlwardts geworden, geknechtet und getreten von den teilweise recht anrüchigen dunklen Existenzen, oder besser gesagt: Existenzlosigkeiten, die in des deutschen Reiches Hauptstadt die „Antisemitische Volkspartei" repräsentieren. Arm, verlassen, das ansehnliche Vermögen verloren, zog Dr. Böckel von Hessen fort. In Berlin glaubte er ein neues Heim zu finden, und mehr der Rot gehorchend als dein eigenen Triebe, aber auch krankhaft angeekelt von den Verhältnissen in seiner Fraktion, erregt über die hessischen Freunde, die ihn stürzten, nachdem sie ihm das Emporsteigen zum Reichstagsabgeordneten in erster Reihe zu verdanken hatten, ging er zum Ahlwardtismus über und überlieferte sich der Gnade des „deutschen" Gastwirts Bodek, der Böckels Buchdruckerei vor dem Konkurse rettete. Bodek machte Dr. Böckel zum Redakteur des „Deutschen Volksrechts", dem man übrigens auch nur eine kurze Lebensdauer nachsagt, — geht doch der Gerichtsvollzieher fast täglich in den Geschäftsräumen des Blattes ein und aus! Das Geschick Dr. Böckels ist tragisch genug, um lebhaftes Mitgefühl zu erwecken. Der hochbegabte Mann hat sich nunmehr gänzlich verrannt — der Glaube an seine Ideale ist ihm abhanden gekommen, körperlich und finanziell zerrüttet, geistig stark angegriffen, giebt es für ihn nichts weiter als mit Ahlwardt „fortwursteln", mag es kommen wie es will. Dr. Böckel mag selbst noch nicht dieser Meinung sein — einen anderen Eindruck als den geschilderten kann ich von ihm und seiner jetzigen Thätigkeit nicht erlangen. Dr. Böckel ist ein ab-