Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 32 (9.8.1895)
- Date
- 1895-08-09
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 506. Allgemeine^Jsraelitische Wochenschrift. Nr. 32. und Ihre Leute, die nicht schwankender nationaler Gesinnung sind, brauchen Sie blos zu kommandieren. Mein Gesprächspartner lächelte. Jüdische Kandidaten aber hat er nicht ausstellen lassen, und die Polen haben die fraglichen Mandate bis auf diesen Tag inne. Heute würde die Unterhaltung vielleicht eine andere Wendung genommen haben, denn in der Zwischenzeit haben die - Konservativen das Tivoliprogramm angenommen und das Sprüchlein gelernt, daß die deutschen Juden wohl Staatsbürger, aber nicht Deutsche, nicht deutscher „Nationalität" seien. Auch habe ich keinen Augenblick geglaubt oder ernstlich glauben machen wollen — vor solchen Gedanken bewahrte mich schon das Bewußtsein, baß ich es mit einem klugen und kundigen Manne zu thun hatte — daß die deutschen Juden bei einer rein politischen Wahl in der Glanbensgenossenschaft des Kandidaten das alles überwiegende und entscheidende Moment sehen würden. Die lächelnde Ablehnung des Vorschlages aber bleibt ein Beweis dafür, daß die konservative Gesinnung schon in jener Zeit, da der Antisemitismus sich noch nicht offen und offiziell aggressiv bethütigte, das deutsch-nationale Interesse unbedingt hinter den Forderungen des praktischen Antisemitismus zurückstehen ließ. Mittlerweile hat der Antisemitismus große Fortschritte gemacht. Zwar theoretisch ragt er über die konservativen Parteien nicht hinaus, doch in der Praris werden ihm auch anderwärts die betrüblichsten und erschreckendsten Konzessionen gemacht. Oder ist es bloßer Zufall, daß es Abgeordnete jüdischen Glaubens außer bei den Sozialdemokraten nicht mehr giebt und daß Kandidaten jüdischen Glaubens regelmäßig nur noch auf verlorenen Posten ausgestellt werden? Schon vor achtzehn Jahren machte ein fortschrittliches, jetzt zur freisinnigen Bolkspartei sich bekennendes Blatt nach der Wahl Hasenelevers im sechsten Berliner Reichstagswahlkreise die Bemerkung, daß es ein Fehler gewesen sei, dem „populären Vorurteil" zuwider dem Sozialbemokraten einen Juden — Ludwig Löwe — als Kandidaten gegenüberzustellen. Wie wenig hier das „populäre Vorurteil" ausschlaggebeud gewesen, haben die späteren Wahlen in jenem Wahlkreise gezeigt, der mit stetig wachsender Mehrheit und schließlich ohne ernstliche Gegenwehr einen sozialdemokratischen Abgeordneten in den Reichstag schickte. Aber das Schlagwort von dem „populären Vorurteil", ckas geschont werden müsse, blieb in Geltung, so sehr in Geltung, daß Abgeordnete jüdischen Glaubens gar nicht mehr in Frage kommen — außer bei den Sozialdemokraten, die allem Anscheine nach gegen das „populäre Vorurteil" gefeit sind. Wäre ein solches Vorurteil wirklich vorhanden und von unüberwindlicher oder auch nur schwer überwindlicher Kraft, so müßte es sich bei der sozialdemokratischen Wählerschaft ebenso Geltung verschaffen, wie in der Wählerschaft anderer Parteien. Da diese Geltung sich nicht zeigt, so kann das Vorurteil nicht unüberwindlich sein. Dadurch freilich, daß man ihm nachgiebt und sonnt seine Berechtigung thatsächlich anerkennt, schafft man es nicht aus der Welt. Aus solche Weise kann man es nur großziehen und stärken, und das ist wirklich geschehen. Wohin das führt, zeigt das Beispiel der Wiener Gemeinderatswahlen. Dort wie anderwärts hat der Liberalismus, dem „populären Vorurteil" Rechnung tragend, sich mit einem akademischen Protest gegen den AntiseuulismnS begnügt, während er praktisch seinen Wünschen nachkam. DaS dauerte so lange, bis die Juden müde wurden, einem Bundesgenossen Heeressolge zu leisten und zum Siege zu verhelfen, der nach errungenem Siege in Bezug auf die Juden so verfuhr, wie es der erfolgreiche Gegner auch nicht anders gethan Hütte. Lange genug hat es gewährt, ehe es so weit kam, lange genug, bis die Juden dort einsahen, das Helotentum werde nicht süßer, wenn der Zmingherr sie dadurch abgesundeu glaubt, daß er in genressenen Zwischenräumen von dem „gleichen Recht für Alle" mit dem allmählich komödiantisches Gemeingut gewordenen „Brustton der Ueberzeugung" — redet. Es klingt ungemein charaktervoll, wenn gesagt wird: im politischen Leben solle das religiöse Bekenntnis überhaupt keine Rolle spielen. Gewiß: das soll es nicht. Aber nicht minder gewiß: es geschieht doch, und am Ende aller Enden kann es uns keinen Unterschied machen, ob es Charakterstärke oder ob es Charakterlosigkeit ist, was uns aus dem öffentlichen Leben und der nach Maßgabe unserer Kräfte uns darin Ankommenden Bethätigung verdrängt. Dabei sind wir noch ferne von dem Verdacht, daß die Rücksicht auf das „populäre Vorurteil" ein schamhaftes Kompromittieren verberge. Wir nehmen vielmehr an, daß die aufrichtige Besorgnis maßgebend ist, es möchten im anderen Falle einige Stimmen oder gar ein Mandat für die Partei oder Fraktion verloren gehen. Doch selbst in dieser Voraussetzung, die wir gern sesthalten, müssen wir sagen: es geht nicht an, da zu komvromittieren, — wäre es auch nur durch stillschweigendes Zugestehen — wo ein Prinzip in Frage komutt. Das gleiche Recht für alle ist aber nicht e i n liberales Prinzip, sondern das liberale Prinzip. Dieser Spruch steht aus dem liberalen Banner, und wer aus Opportunitätsrücksichten die Fahne in die Tasche steckt, um die Devise zu verbergen, der macht die Fahne zum Taschentuch, dem ist auch die Fahne nicht mehr als ein Taschentuch! Es wäre unrecht, wollte man sagen, die Schuld an dieser tief bedauerlichen Entwickelung liege allein bei den politischen, besonders b'ei den liberalen Parteien. Ein nicht geringer Teil des Verschuldens füllt auf die früheren Abgeordneten jüdischen Glaubens selbst. Die Sozialdemokraten kommen dabei nicht in Betracht, denn ihre Stellung jeder Religion gegenüber ist im besten Falle die einer ablehnenden Neutralität. Auch fühlen sie für den Antisemitismus als den „Sozialismus der dummen Kerle" eine Art verächtlichen Mitleids, in der sicheren Erwartung, daß sie ernten werden, wo dieser gesät hat. Die zu anderen Parteien gehörigen Juden unter den Abgeordneten aber sind in der weit überwiegenden Zahl, wenn nicht alle, Juden gewesen, wie Mommsen sie wünschte: Ge nossen jener konfessionslosen Religionsgemeinschaft, die keine Kirche kennt und Fein1 Synagoge. Ich sage nichts gegen diese Gemeinschaft und möchte niemandem den E'.ntritt verwehren, niemanden wegen des Eintritts gering achten. Abel diese Juden ivären kaum gualisiziert, im Parlament den vielfachen und schamlosen Angriffen des Antisemitismus gegenüber die Sache der Juden vom Standpunkte der Juden ans zu führen, selbst wenn sie die hierfür erforderlichen Kenntnstse, die hierfür notwendige Schulung besäßen^ Daß in unseren Parlamenten Herr Stöcker Stelleil aus den Evangelienbücheril in einer den Sinn verfälschenden Weise zitieren konnte, ohne sofort der Irreleitung überführt zu werden, daß Herr von Wackerbarth, Herr von Langen llild andere voll ihren Talumdsorschungen sprecheil konnten, ohne daß die unverzügliche Antwmt sie unter Beweisen der Unwahrheit zieh, kann nur der für uicht beklagenswert halten,