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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-09 · 32 (9.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Io. 32. Jalirgang iv. llgemerne Herausgeber: A. Levin, ZZerkin. Berlin, 9. August 1895. Jefchurttn. Bezugspreis: viertekjährk. 2 Wir. für das Erscheint an jedem Kreitag. Wezugspreis Ausland: MK. 2,50. Zu beziehen durch die Post ^unsere^^e^oneil^uud^de^Bu^hailde^^^^^^ Hiedalitwn nnd Derlag: Hr Kambnrgcrftr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Af,, nehmen alle Annoncen-Lrpeditionen sowie unser Lurean entgegen. Jitlmlt: Das Recht der Notwehr. Von Nt. A- Klausner. Berliner Weltverbesserer. Die Plnsionate in Berlin. Bon Bar Minan. Bor fünfzig fahren. Bon M. Tcherbel. Das grosse Neineiiiacheii- Die Inden in Nom. 1. Entgleist! Bon Wilhelm Feldman. Wochcnchronik. — Kalender. — Briefit- Iragekastcn. Anzeigen. Das Lkcht der Datnichr. Bon M. A. Klausner. Zu den meistgebörten Vorwürfen gegen die Juden gehört der, das; sie zum Radikalismus neigen, zum Mindesten mit Vorliebe in der Opposition sich bewegen. Es ist schon das Zeichen einer gewissen Vorurteilslosigkeit, wenn man Marx nnd Vassalle als Ausnahme- und deshalb als Zufalls- Erscheinungen gelten läßt, die dem Judentum nicht ans Rechnung gesetzt werden dürsten. Aber Singer, Wurm, Stadtbagen und Tr. Schönlank werden sicher als Belege für die starke Vertretung der Juden in der Sozialdemokratie angeführt, wobei das spätere freiwillige Bekenntnis des Tr. Schönlank zur evangelischen Konfession unbeachtet bleibt. Ludwig Löwe als ein Führer weiland der Fortschrittspartei wird genannt, selbst aus Laster nnd Bamberger wird zurückgegriffen, die einer sanfteren Färbung des Liberalismus angehört haben. Weiter nach rechts, bei den Freikonservativen und Konservativen, sin kein Jude zu finden, und das müsse, da es eine dauernde Erscheinung sei, wenigstens als ein schweres Indizium zur Unterstützung jenes Vorwurfs anfgefaßt werden, der die Juden nach dem mißverstandenen und mißbrauchten Wort Theodor Mommsens als ein „Element der nationalen Dekomposition" erscheinen lasse. Bei dieser Argumentation ist nur eine Kleinigkeit übersehen: daß nämlich vor den Gewühlten die Wähler da sein müssen. Wird ein Jude in den Reichstag gewählt, so können nicht die Juden, die in keinem einzigen Wahlkreis auch nur über eine ansehnliche Minderheit verfügen, als seine Wähler angesehen werden; er bat sein Mandat als Vertrauensmann seiner politisch gleichgesinnten christlichen Mitbürger erhalten. Tie Konservativen beider Schattierungen aber wählen keinen Juden, sie schließen nach ausgesprochenem oder stillschweigend befolgtem Grundsatz auch den konservativen Juden von der passiven Wahl aus. Einzig im konstituierenden norddeutschen Reichstag hat es. einen konservativen jüdischen Abgeordneten gegeben: den Baron von Rothschild. Doch den hatte Frankfurt - geschickt, das eben erst preußisch geworden war und noch nicht Zeit gehabt hatte, sich in Parteien nach preußischem Muster zu scheiden. Frankfurt hat nachmals wiederholt jüdische Abgeordnete gewählt, doch nie wieder einen konservativen. Baron Rothschild ist 8vii generis geblieben. Wenn also die Konservativen keinen Juden zum Abgeordneten wählen und Juden in keinem Wahlkreise die Mehrheit bilden, woher sollen die konservativen Abgeordneten kommen? Tenn daß es konservative Juden nicht giebt, kann ernstlich gar nicht behauptet werden. Schlesinger-Stahl, dem die preußischen Konservativen ihr ganzes bischen politische Philosophie verdanken, ist doch nicht erst durch die Taufe konservativ geworden. Auch Strousberg hat konservative Gesinnung nicht erst durch die Taufe, auch nicht durch den intimen Umgang mit dem Herzog von Ujest und dem Grafen Lehndorf gewonnen. Bleibt der Sozialdemokrat Schönlank trotz Taufe gegen uns ein Jude, so bleiben es trotz Taufe auch Schlesinger-Stahl und Strousberg, — was übrigens nicht gar so eifrig reklamiert sein soll. Daß der Grundsatz, einen Juden nicht zu wählen, den Konservativen als unverletzlich gilt, selbst wo es sich um den sonst mit so großem Eifer geführten Kampf gegen den Polonismus handelt, dafür habe ich den Beweis vor etwa zehn Jahren von damals sehr «maßgebender Stelle erhalten. Die Massenausweisung der Russischbürtigen aus Preußen war eben durch StaatSminifterialbeschluß verfügt worden. Gelegentlich einer Unterredung, die diese in Friedenszeiten ohne Vorgang dastehende Maßregel betraf, machte ich daraus aufmerksam, daß man die aus dem Osten einwandernden Juden weit eher als ein germanisierendes denn als ein repolonisierendeS Element ansehen müsse, was im großen und ganzen auch zugestanden wurde. Von dem eigentlichen Thema ablenkend, bemerkte der Herr, mit dem ich die Unterredung hatte, eine Persönlichkeit in leitender Stellung: — Ich meine doch, daß Ihre Glaubensgenossen in den östlichen Provinzen in nationaler Hinsicht von einer, ich möchte sagen: schwankenden Gesinnung sind. Wenn das nicht so wäre, würden die Polen von den achtzehn Mandaten, die sie haben, sechs nicht behaupten können. — Ohne jeden Auftrag von meinen Glaubensgenossen, cntgegnete ich, mache ich mich stark, den Polen diese sechs Mandate abzunehmen, vorausgesetzt, daß meine Glaubensgenossen ihrer Zahl nach wirklich dazu imstande sind, und daß Sie die erforderliche, sehr einfache Hilfe leisten. — Und das wäre? — Stellen Sie in den sechs Wahlkreisen sechs jüdische Kandidaten aus! Ganz Israel ftinnnt für sie wie Ein Mann,

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