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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
Seite 500 (sequence 12)
Language
German
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Seite 500. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. Juden" auf einige Zeit zu leihen. „Sehr gern, sehr gern," erwiderte er, „nur sehen Sie, in"polnischer Sprache ist bis jetzt keine ordentliche jüdische Geschichte vorhanden. Ich habe nur deutsche Bücher und mit diesen werde ich Ihnen gern dienen. Im allgemeinen habe ich eine ziemlich starke Bibliothek und bitte Sie, von derselben recht oft Gebrauch zn machen." Klara begann also die Geschichte ihres großen und unglücklichen Stammes zn studieren. Dieselbe war ihr bisher nur aus dem kirchlichen Handbuche, dessen sich ihre Kolleginnen im Konvikte bedienten, bekannt, denn sür die Jüdinnen wurde dieser untergeordnete Schulgegenftand nicht vorgetragen. Jetzt machte sie sich mit der Geschichte der politischen und sozialen Existenz der Juden bekannt. In sehr kurzer Zeit verschlang sie die Geschichte des Altertums. Und sie lernte ein Volk kennen, welches blühte, sich in Glanz und Macht entwickelte, der Menschheit die Bahn der Zivilisation eröffnete, bis cs von seinem Piedestal stürzte, weil die geschichtliche Notwendigkeit dies erheischte. Es brachte aber ans die Welt die zwei größten Genien: in erster Reihe Moses und fünfzehnhundert Jahre nach ihm Jesus. (Fortsetzung folgt.) Mochen-Shronik. Bürgerliche Verhältnisse. *<S4n Interview. Der Dozent an der isr.-theologischen Lehranstalt in Wien, Dr Landau, hatte jüngst eilt Interview mit dein Abg. Bebel. Auf die Frage Dr. Landau's über das Verhältnis der „Judenfrage" zur sozialen Frage und ob durch letztere auch erstere gelöst werden würde, antwortete Bebel: „Die Judenfrage besteht; ihre Existenz leugnen, heißt so viel, wie die Existenz der sozialen Frage leugnen. Die Jndenfrage wird so lange bestehen, wie die soziale Frage; sie ist eine Krankheit der Bourgeoisgesellschaft, die jedoch noch geheilt werden kann. Das Heilmittel ist die Abschaffung der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung ... In meinen Reden mache ich die Bauern auftnerksam, daß, sobald die Juden Weggehen, meinetwegen alle ins Meer gestürzt werden, bald andere, sogenannte „christliche" Untcrnehnier kommen, die, minder reich, eher ein Interesse Hütten, sie kaput zu machen. Diese Erklärung leuchtet den Leuten ein. Also ist die Judeusrage eine wirtschaftliche Frage, eine Frage der Konkurrenz, des Neides und des Brothasses. Das sehen Sie am Besten bei Ahlwardt. Dieser beschränkte Mensch wurde ursprünglich als reiner Antiseinit gewühlt; doch als er mit den Interessen des kleinen Bauern sich zu beschäftigen ansing, sah er, daß nicht nicht nur dei Jude, sondern auch der Junker ansbeute. So wurde die Losung des Mannes, der das erstemal mit Hilse der Junker gewählt wurde: „Gegen Juden und Junker!" — Aus die Frage, warum nicht nur der kleine Bauer, sondern auch der reiche Junker Antisemit sei, antwortete Bebel: „Die Junker sehen ebenfalls in den Juden ihre Konkurrenten. Ihre Söhne verbummeln das väterliche Vermögen und müssen sich aus freie Berufe werfen. Da steht ihnen der fleißigere, strebsamere und durchschnittlich mehr begabte Jude im Wege. Der arme Junker heiratet die Tochter des reichen jüdischen Bankiers und mit tiefem Ingrimm muß der Alte in diese Mesalliance willigen, um auf Koileit des Wappens feine eigenen Finanzen zn reparieren. — Tr. L.: „Aber der Vater des Antisemitismus in Oesterreich ist der natientnle Antisemit Schönerer, bei Ihnen die Antisemiten Stöcker und Dühring." - - Bebel: „R Uionalität und Rasse sind nur Phrasen zur Bemäutelung eigennütziger Zwecke und, wie Tugend, Moral und Patriotismus Säulen der kaputgehenden Gesellschaftsordnung." — Dieser Bericht ist einem sozialistischen Blatte, der „Volkspresse" in Wien entnommen, und kann darum als authentisch gelten. Daß aber die letzte Antwort so gelautet habe, wie hier wiedergegebeu, wollen wir doch nicht recht glauben. >n Frage der Feuerbestattung. Der Verein sür fakultative Feuerbestattung in Stuttgart, der eine große Anzahl von Israeliten unter seinen 770 Mitgliedern zählt, hat sich am 10. Nov. 1893 an die israel. Oberkirchenbehörde gewendet mit der Bitte, die israelitischen Geistlichen des ^Landes mit .Weisung darüber zu versehen, wie sie sich in fällen der Feuerbestattung israelitischer Leichen zu verhalten haben. Aus Grund des Gutachtens aller einheimischen Rabbiner ist nun nachstehende Weisung ergangen: „1. Da eine Verletzung der Leiche nach dem israelitischen Religionsgesetze aus Eirund einer biblischen Anordnung, abgesehen von gewissen Ausnahmesällen nicht gestattet ist, so ist grundsätzlich die Feuerverbrcnnung einer Leiche religiös unzulässig und eben darum eine geistliche Mitwirkung bei derselben ausgeschlossen. 2. Da aber die rituelle Beerdigung einer jeden Leiche, selbst auch des kleinsten Teiles einer solchen, von der h. Schrift gefordert wird, so ist auch die Beerdigung der Ascheureste einer verbrannten Leiche eine religiöse Pflicht. Die Bestattung der in einer Urne gesammelten Aschenreste ntuß in einem rituellen Sarge erfolgen; dabei sind dieselben Gebete, wie bei jeder anderen Beerdigung zu verrichten und dem Toten^gegenüber dieselben Trauerpflichten zu beachten, wie bei jedem anderen. Das Halten einer Leichenrede muß dagegen in das freie Ernrefsen des Rabbiners gestellt bleiben, der bei einer solchen Rede sowohl alles das zu vermeiden haben würde, was den Toten oder dessen Angehörige verletzen müßte, als auch alles das, was die Erinnerung erwecken könnte, als sei die Leichenverbrennung vom israelitischen Religionsgesetze gestattet. 3. Sollte vor der Abführung des rituell gereinigten und bekleideten Leichnams im Trauerhause von der Familie die Verrichtung eines Gebetes oder einer Ansprache gewünscht werden, so ist die Abhaltung einer solchen Feierlichkeit, welche von dem Religionsgesetze weder gefordert noch untersagt ist, ebenfalls in das freie Ermessen des Rabbiners gestellt und hat er dabei dieselbe Vorsicht wie bei der Rede am Grabe zu beachten." - Eine sehr vernünftige Entscheidung! * Argentinisches. Als erfreuliche Thatsache wirb aus den argentinischen Kolonieen gemeldet, daß die Kolonisten sich vollkommen in ihren neuen Stand hineingelebt haben und selbst die Administration der Kolonien, die sonst wie die ehemaligen Vögte unnachsichtlich ihres Aintes waltet, ihnen das Zeugnis tüchtiger und'fleißiger Arbeiter giebt. Es wäre nun sehr an der Zeit, den Kolonisten mehr Selbständigkeit zu gewähren, die ihnen ja eigentlich von allem Anfänge in Aussicht gestellt wurde, sobald ihre Eignung sür die Landwirtschaft erprobt sein werde. Trotzdem glauben einige der Lokal-Administratoren jedes Selbstgefühl der Kolonisten itoch länger Niederhalten zn müssen. In der Kolonie Elara kam es deswegen zu einem Konflikte zwischen den Kolonisten und ihrem Adlninistrator, zu dessen Beilegung die Zeutral-Verwaltuag in Buenos - Apres einschreiten uitd den übereifrigen Administrator desavouiren ntußte. Dieser Herr hatte nämlich den nach der Kolonie gekontinenen Getreidehändlern bedeutet, die Kolonisten Hütten kein Recht, Getreide zu verkaufen, da sie nur alsJTagelöhner zu betrachten seien, und berief sich dabei

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