Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 499 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608798--0645-9608809- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 4!M). ihr gemeinschaftlich die Einteilung und den Arbeitsplan. Bei dieser (Gelegenheit zeigte sie eine grobe Intelligenz und Bildung, so daß Klara beschlos;, vor solch einer Kontroleurin aus ihrer Hut zu sein. Und sie begann die Arbeit. Sie führte ihr Werk langsam, methodisch und gewissenhaft,. ohne Eraltation und ohne Widerwillen aus. Tie minder faßten leicht aus, waren gut erzogen und lieb. Nicht mit viel Arbeit überbürdet, erfüllten sie mit Hilfe der geliebten Mutter alle ihnen auserlegten Pflichten. Im Laufe einiger Wochen krankten sie sie kein einziges Mal durch Hartnäckigkeit, Trägheit oder „Kindereien". Das sorgsame Mutterauge wachte nämlich über sie. Ihre freien Stunden, — und sie hatte deren genug, - brachte Klara bei sich einsam zu. Ter Herbst nahte heran, die ganze Natur in ein trauriges Sterbegewand hüllend. Klara konnte mm nicht mehr im Freien weilen und obwohl von dem Ehepaar Marmor öfter und herzlich eingeladen, nahm sie anfänglich an deren Gesellschaft nicht teil. Es war dabei viel Stolz und Mißtrauen zu den „die großen Herren spielenden Juden", aber auch das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung, deren ihre abgeguälte Seele bedurfte. Und sie war physisch und moralisch müde. Ten atls den früheren Lebensepochen davongetragenen lebhaften Eindrücken und Einflüssen folgte aus jedem Punkte eine natürliche Reaktion. Sie veränderte sich innerlich unter dem Drucke der Verhältnisse, von der glühenden Romantik ging sie in ein Stadium des Skeptizismus über. Vorderhand herrschte in ihrem Geiste eine vollständige Zerrüttung und eine Stagnation. Sie schloß sich in sich ab, zufrieden daß sie eine träge Ruhe genießen durfte. Ter früheren Heißblütigkeit war jetzt eine halbe Leblosigkeit gefolgt. Sie las wenig, manchmal irgend ein Zeitungsblatt; sie dachte wenig — manchmal an materiell ihr nahestehende Personen; sie arbeitete auch wenig, den Kreis ihrer pädagogischen Arbeit nicht überschreitend. An sich, an ihre Vergangenheit dachte sie ebenfalls nicht viel. Aber die im Haufe ihrer Brotgeber herrschenden Verhältnisse erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie begann sie ttäher zu beobachten. Vor allen interessierte sie der ihr bekannte Greis, welcher der Vater des Herrn Elias war. Eine charakteristische lind Achtung gebietende Persönlichkeit. Er sah wie einige sechszig ans, zählte aber beinahe achtzig Jahre. Groß, hager, vlit einem langen weißen Barte und in; langen Kaftan, unterschied er sich äußerlich dllrch nichts von den übrigen Klara verhaßten Chassidim. Er war aber immer sauber, ja beinahe elegant gekleidet. Aus seinem mageren und geröteten Gesichte leuchtete oft ein Lächeln der Ruhe' und Nachsicht, das Lächeln eines Menschen, der das gewöhnliche Blaß überragt und das Leben von einem höheren Gesichtspunkte betrachtet. Sanft, gut und voll Würde machte er auf Klara einen überaus sympathischen Eindruck. Seine Stellung im Hanse des Sohnes war eine eigenartige. Ter Greis hatte anr rechten Flügel ein separates Zimmer, welches er fast während des ganzen Tages nicht verließ. Klara wußte noch nicht, daß er auch eilte separate Bedieimng und eme eigene Köchin hatte. Rur des Abends kam er ins große Sprisezimmer, wo lich die ganze Familie versannnelte. Alle umgaben ihn mit Achtung und Liebe, alle gingen in seiner Gegenwart „aus deir Zehen". Er nahm aus eineni bequemen Fauteuil in der Nähe des Tsens Platz, beteiligte sich anr Gespräche oder hörte die Zeitungen, welche ihm laut vorgelesen wurden. Am liebsten wat es ihm, wenn ein Enkelkind dieses Geschäft besorgte. Manchmal geschah es, daß er, wenn die Kinder infolge Erinüdung oder der vorgerückten Stunde anr Kanapee einfchliefen, oder, zu seinen Füßen sitzend, ihre Türkis-Aeuglein mit Neugierde aus ihn hefteten, sie mit einem Blick voller Liebe und Rührung umschlang, daß eS zu erkennen war, daß dieser bereits am Grabe stehende Greis, in lich noch die Fähigkeit der Hingebung besitze. Gewöhnlich wenn er sich aus seinen Throir niederließ, hingen sich die Kinder an seinen Kaftan, oder klammerten sich an die Fauteuil- Lehnen, streichelten und liebkosten das Großväterchen, schlangen ihre Händchen um seinen Hals, küßten seinen Bart und riefen: eine Geschichte, eine Geschichte! Dann umschlang sie der Greis zärtlich, manchmal brummte und schalt er, manchmal entschuldigte er sich, an; häufigsten aber begann er gleich mit den „Geschichten". Es waren dies entweder Erzählungen aus der Bibel, oder Sagen aus dem Talmud und der Hagada. Bald sprach er von den früheren Königen, bald von den Propheten Judas, er erzählte von den feurigen Maccabäern nild dem sanften Hillel, von der Macht und dem Verfalle des Reiches; und das alles mit einer solchen Schlichtheit und Anmut, alles so dem Begriffsvermögen dieser Zuhörerinnen angepaßt, daß Klara, welche einmal abends zugegen war, sich lange das Bild dieses im Fanrilienfchoße sitzenden, von einem Kinderkranze, von Liebe und Glück umgebenen Patriarchen nicht aus dem Gedächtnisse schlagen konnte. Im Anfänge war sie aber nur äußerst selten bei diesen Abendgesellschaften zugegen. Sie ruhte lieber aus. IV. An allgenteineit erging es ihr gut. Die „Herrschaft" achtete und schätzte sie, die Kinder, wißbegierig und fleißig, liebten sie. Sie begann ihre geistige Stumpfheit abzulegen, die Augen zu. öffnen und, anfänglich neugierig uub dann mit großen; Interesse, die neuen Menschen und Dinge zu beobachten. Unter dem Einflüsse der Ruhe, der guten Luft, der gesunden Speisen und der mit keiner Sorge und mit keiner bedeutenden geistigen Anstrengung verbundenen Arbeit, begann sich ihr aufgeregtes Nerven-System zu beruhigen, ihre geschwächten Kräfte wurden wieder frisch und befestigten sich, allmählich erlangte sie ihr Gleichgewicht. Zürn ersten Male begegnete sie hier einer Generation, die einen Uebergangs- Typus zwischen den Juden vom alten Schlage und den bereits vollständig emanzipierten bildete. Zu dieser Klasse konnte man füglich auch ihre Lemberger Anverwandten zählen, sie aber betrachtete diese von ihrem subjektiven und kindlichen Gesichtspunkte. — Klara bemerkte, daß der alte Herr einige Mal in der Woche Röschen und Mariechen aus sein Zimmer nahin, ihnen dort durch längere Zeit irgend einen Unterricht erteilend. Ans purer Neugieroe bat sie ihn um Aufklärung. — „Ich lehre sie Religion", erwiderte er. „Wie das", frug sie. „Sie unterrichten sie wohl in; Talmud und in der biblischen Geschichte?" -- „Aber wo denken sie hin?" und er lächelte nachsichtig. „Entschuldigen Sie, Fräulein, ich will Ihre hohe Intelligenz nicht in Abrede stellen. Sie sind aber erzogen in solchen Schulen, wo man wähnt, daß die Geschichte der Juden mit den Erzählungen der Bibel schließt, während sich die Sache ganz anders verhält. Die Juden haben eine große, glänzende und herrliche Geschichte; ihre Existenz ist von Momenten des Glückes und der Macht umstrahlt, aber noch öfter von den Fesseln der (Gefangenschaft, der Irrfahrten und der Verfolgungen bedrückt und erstickt. Ihre Geschichte zählt viele schwarze, grauenerregende Vlütter, voll düsterer Poesie und Tragik . . ." Und er geriet in Eifer. — „So? So?" verwunderte sich Klara und bat ihn, ihr die „Geschichte der