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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
Seite 498 (sequence 10)
Language
German
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Ir Seite 498. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 81. beherrscht mar, zu verlassen, und erst nach vier Tagen, unter fortwährenden blutigen Kämpfen, vermochten sie ihre Stellung wieder zurückzuerobern und die zweite Mauer zu nehmen. Wie erstaunte Titus, als er sich auch jetzt noch nicht in der Stadt selbst sah und sich noch eine dritte weit stärkere Mauer sür sein Eroberungstalent darbot! Allein jetzt Palf ihm bald der schrecklichste Feind der Juden, der Hunger, die Stadt erobern, und verräterische Römersreunde, die ganze vornehme Partei in der Stadt, gaben ihm durch beschriebene Pfeile, welche sie ins feindliche Lager absandten, stunde von allem, was in derselben vorging. 600 000 Menschen hatten, wie wir oben erzählt, zur Passahzeit die Einwohnerzahl von Jerusalem vermehrt; und wie dies bei allen Belagerungen zu geschehen pflegt, die Lebensmittel, welche durch die früheren Kämpfe schon großenteils zerstört worden waren, schwanden mehr und mehr, Krankheiten und Seuchen traten ein; ein großer Teil der Einwohner wurde dahiugerafft. Der Hunger forderte massenhaft seine Opfer; Tausende von Menschen schlichen halbnackt, dürr und abgemagert aus den Straßen einher, jedes Stückchen Holz, jedes Hülmchen Stroh, jedes Fleckchen Leder zur Nahrung gierig nusraffend. Viele trieb jetzt blos der nagende Hunger in das Lager der Römer, aber nichtsdestoweniger mußte Titus auf die Hoffnung verzichten, bald den Krieg beenden zu können. Nochmals versuchte er einen Vergleich mit den Belagerten abzufchließen und ließ sie durch Jofephus mahnen, die Stadt zu übergeben. Jofephus sprach zu ihnen von einem erhöhten, über Schußweite entfernten Orte aus und bewies ihnen in eindringlichen Worten, daß Stadt und Tempel unrettbar verloren feien. - - Alles vergebens; die Zeloten in ihrem blinden Fanatismus warfen mit Steinschleudern nach Jofephus; sie dachten die Stadt dennoch halten zu können, oder wollten lieber im Kriege fallen, als nach der Uebergabe als Ausrührer hingemordet werden. — Als hieraus einige der Reicheren ihre Habe um Spottpreise verkauften, die erlösten Goldstücke, damit dieselben nicht von den Römern entdeckt und ihnen geraubt würden, verschlangen und dann zu den Feinden übergingen, beschlossen die Zeloten, alle diejenigen umzubringen, welche Miene zum Entfliehen machten; auf diese Weife verloren viele der ersten Bürger Jerusalems ihr Leben. Aber welch ein Schicksal erwartete die Unglücklichen, die z-u den Römern übergegangen waren! Die golögierigen syrischen und arabischen Soldaten, die erfahren hatten, daß einzelne Juden Gold verschlungen haben sollten, fielen über die aus der Stadt Geflüchteten her, mordeten über zweitausend derselben, um ihr Inneres nach verborgenen Schützen zu durchwühlen! — Indessen war Titus fortwährend thätig, die Stadt in feine Gewalt zu bekommen. Die Hungersnot nahm auf eine furchtbare Weife überhand. Alle Gesetze der Gesellschaft waren gelöst; der Hunger ertötete alles menschliche Oiefühl; Weiber rissen den Männern, Kinder den Vätern, Mütter ihren unmündigen Kindern die Speise aus dem Munde; Wahnsinnige stürzten auf den Straßen umher, wütend nach Speise schreiend; Eltern und Kinder kannten sich nicht mehr. Knaben und Jünglinge, krankhaft angeschwollen, wankten wie Schatten über die Straßen hin und stürzten entseelt zu Boden. Leiche lag an Leiche. Sterbender an Sterbendem; die Rot war gräßlich — jede Schilderung erlahmt! — Die Toten wurden aus Mangel an Gräbern über die Mauern geworfen, und so bildete sich ein Wall von Menschenleibern vor der dritten Mauer, welche jetzt von den Sturmböcken der Römer erschüttert wurde. (Schluß folgt». Feuilleton. Entgleist! Nachdruck verboten. Eine aolizische Erzählung von Wilhelm Feldman. - (Fortsetzung.) Infolge großer Ermüdung schlief Klara länger als gewöhnlich. Dieses fremde Dach behagte ihr besser, als ein Hotel. Als sie erwachte mar bereits heller Tag. Da körte sie ein lautes, in deutscher Sprache geführtes Gespräch und das Kichern von Kindern. Sie fand sich bald auf der Veranda, wo eine nicht zahlreiche Gesellschaft das Frühstück verzehrte, ein. „Guten Morgen, guten Morgen", rief Frau Jeanette, sie erblickend, „sind auch Sie so ein Frühvogel? Wir haben das von einer Städterin nicht erwartet. Und. aus welche Weise Habens Sie sich zu uns verirrt? Ai ein Mann — Fräulein Eybulska." Herr Elias Marmor, wie ein Fünfzigjähriger ansschauend, von würdiger Statur, mit grau meliertem Backenbart, begrüßte die Lehrerin mit einigen herzlichen Worten. Es wurde sofort noch ein Gedea aufgetragen. „Sie werden unser Polnisch. welches wahrscheinlich viel zu wünschen übrig läßt, verzeihen. Meine Frau nämlich und ich sind in solch einer Schule und in solch einer Zeit erzogen worden, wo die Kenntnis der polnischen Sprache nur eine untergeordnete Rolle spielte. Erst in letzter Zeit nahmen wir uns der vernachlässigten Grammatik an; seit der Zeit besonders, daß ich Karotka erstand, studieren wir fleißig die polnische Sprache und Litteratur, aber natürlich haben mir den Gipfel der Vollkommenheii noch nicht erstiegen". Er sprach dies mit solch einer Schlichtheit, daß dies, trotz der „semitischen" Physiognomie des Herrn Elias, Klaras Herz gewann. Ihren Kaffee schlürfend, stotterte die Hausfrau einige Worte der Zustimmung. — „Und das sind Jzhre Schülerinnen. Röschen, Mariechen! bewillkommet das Fräulein". Und die zwei schmucken Mädchen näherten sich schüchtern. Beide aufblühende Knospen, mit dunkelbraunem Haar und in dunklen wollenen Kleidchen zählten gegen zehn Jahre. — „Es ist schön, daß auch ne so früh aufstehen", bemerkte Klara. Aus diese Weise wurde sie in ihr Amt eingestthrt. Jetzt schritt sie nicht mehr mit solchem Eifer und Verlangen, mit solcher Hingebung an die Arbeit, wie zu Beginn ihrer Lausbahn. Sie war nicht mehr so opferwillig, nicht mehr zur Selbstverleugnung, zu äußeren Kraftanstrengungen geneigt, weil sie nicht mehr an deren Früchte und Hoffnungen glaubte. Kühl, nüchtern und nüt Berechnung sprach sie mit der Herrschaft Marmor über ihre Stellung und über die gegenseitigen Obliegenheiten. Ihr feines Benehmen aberihre Stfrechweise und ihr ganzes Wesen brachten es mit sich, daß Jeaunette im Flüstertöne zu ihrem Manne sagte: „Dieses Mädchen entzückt mich"! — „Sie hat Verstand, und das macht einen guten Eindruck", erwiderte Herr Elias. — Klaras erste Arbeit war, ihre Schülerinnen zu examinieren, um die Basis kennen zu lerne", auf welcher sie ihren Unterrichtsplan stützen wollte. Was sich in ihrer bisherigen Praxis noch nicht ereignet hatte, das widerfuhr ihr hier. Tie pxrau Jeannette war beim Examen zugegen, erteilte der Lehrerin Aufklärungen, Anhaltspunkte und Ratschläge und entwarf mit :H fl SM.

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