Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 493 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Hl. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 49H. stellt. Bloch ist vor vier fahren mit kleiner Majorität gewählt; gegen seine Wahl, bei der s. Z. blntige Erzesse vorgekommen sind und drei Juden getötet wurden, ist ein Protest eingelaufen, lieber diesen Protest, der wahrscheinlich zur Ungiltigkeitserklärung der Wahl führen wird, ist bis jetzt noch nicht abgestinnnt worden. Mit einem Kombinationstalent ohne Gleichen behaupten die Antisemiten, die Beschlußfassung sei hinausgeschoben worden, weil es sich hier imi einen Juden und dazu noch um einen polnischen handele; und sie verfallen in epileptischen Zuckungen, so oft Bloch im Reichsrate das Wort erbittet, und schlagen wie Rasende um sich, so oft er das Wort erhält. So spielte sich in Wien am 20. d. Ri. folgende Szene ab: Beim Namensaufrufe des Abg. Bloch schrie der berüchtigte Antisemit Schneider: Ich protestiere gegen die Stimmenabgabe! Ich werde gegen jede Abstimmung protestieren! «Beifall ans der äußersten Linken, Unruhe.) — Präsident: Ich rufe den Abg. Schneider zur Ordnung. — Abg. Schneider: Sie können mich zur Ordnung rufen! Ich protestiere gegen die Stimmenabgabe! (Unruhe.) Nachdem Abg. Dr. Bloch mit „Ja" gestimmt hatte, ruft Abg. Schneider: Ich protestiere bei jeder Stimme! Nachdem der nächst ansgerusene Abg. gestimmt hatte, ruft Abg. Schneider: Ich protestiere! Das ist eine Niederträchtigkeit! (Stürmische Ruse der Entrüstung, anhaltende Unruhe,) — Präsident: Ich rufe Herrn Schneider wegen dieser unerhörten Weise, in welcher er es wagt, int Parlamente sich zu benehmen, zur Ordnung. (Lebhafter Beifall: Rufe: Ausschließen!) — Abg. Schneider: Das ist unerhört! Schließen sie den Bloch ans! Er ist nur durch Betrug herein! (Andauernder Lärm.) Auch Dr. Bloch erblickt in den, Hinausschieben der Beschlußfassung über seine Wahl eine Absicht: die Absicht, ihn unausgesetzt in der Lust schweben zu lassen und dadurch mundtot zu machen. Sein Blatt äußert sich in der jüngsten Nummer hierüber wie folgt: Unmittelbar vor Schluß der Session wollten die Abgeordneten Liechteilstein und Lueger einen Dringlichkeitsantrag einbringen, in welchem die sofortige Berichterstattung über die Wahl gefordert werden sollte. Dieser Antrag hätte selbstverständlich den antisemitischen Verleumdern die längst ersehnte Gelegenheit geboten, den seit Jahren gesammelten Unflat widerspruchslos über die Inden auszugießen. Widerspruchslos — denn sie rech,leien mit der Thatsache, daß -Lr. Bloch in eigener Sache an der Verhandlung nicht teilnehnlen und daß sich außer ihm weder im Poleilklub, noch in der liberalen Partei ein energischer Allivalt der Juden finden würde. Als Bloch diese Absicht erfuhr, erklärte er sofort mit aller Entschiedenheit, daß er sich eine solche Abschlachtung nicht ruhig gefallen lassen, sondern das Wort nehmen und alsdann sein Mandat niederlegen werde. Daraufhin nahmen die Herren Liechtenstein und Lueger von der Einbringung des Dringlichkeitsantrages Abstand. . . . Seit Jahren ist es der dringendste Wunsch des Dr. Bloch, daß die Gcheinlnisse dieser Wahl, welche wahrhaftig dem Jubentume nicht zur Unehre gereichen, an's Tageslicht komnlen, und seit Jahren wird die Erfüllung dieses Wunsches hinausgeschoben, bleibt das Mandat Dr. Bloch's, zum Gaudium oer Antisemiten, mit einem Mangel behaftet und wird gegen Letzteren unablässig von antisenütischer Seite die Anklage erhoben, daß er sich an dieses mangelhafte Mandat anklammere. Das ist einfach eine unhaltbare Situation! Der Träger eines nichtverifizierten Mandates verfügt nicht über das Vollgewicht seiner Stellung. Gilt dies schon von jedem anderen Abgeordneten, so gilt es im zehnfachen Maße von einem Manne, dessen Wählerschaft zmn größten Teile aus Juden besteht und dem — mit oder ohne seinen Willen — die dornenvolle Ausgabe zugesallen ist, die Ehre des Judentums von der parlamentarischen Tribüne herab zu verteidigen. Seine Glaubensgenossen werden dem Abgeordneten Bloch das Zeugnis nicht versagen, daß er unter den schwierigsten Verhältnissen von der schwankenden Grundlage eines bestrittenen Mandates aus, unausgesetzt mit geheimen und offenen Widersachern kämpfend, aus sich allein angewiesen, unerschrocken und ehrlich seine parlamentarische Pflicht zu erfüllen strebte. Dies hat die ungezügelte Wut der Reactionäre innerhalb aller Parteien gegen ihn entfesselt und der seither unendlich gesteigerten Macht dieser Reaktionäre fällt Dr. Bloch zum Opfer. Den bübischesten Beschimpfungen der Gegner schutzlos preisgegeben, einem Klnbzwange unterworfen, der unter den obwaltenden Umständen gegen ihn mit besonderer Strenge angewendet wird, weil eben seine Wahl noch i,inner nicht einwandfrei ist und weil die Partei den Mangel, der auf derselben haftet, nicht auf sich selbst sitzen lassen will, verfügt er nicht mehr über die Kraft, seiner Aufgabe in vollem Maße gerecht zu werden. Die antisenntischen Exzesse gegen die Juden haben sich im letzten Sessionsabschnitte des Abgeordnetenhauses immerfort gesteigert, aber Dr. Bloch mußte zu alle dem schweigen." Das Blatt schließt alsdann wie folgt: Und so ist denn an Dr. Bloch die Pflicht herangetreten, abzuwägen, wodurch er seinen Glaubensgenossen einen besseren Dienst erweise, durch sein Verbleiben in einent Parlamente, welches - ihn zum Schweigen verurteilen will, oder durch seinen Verzicht auf ein Mandat, das man geflissentlich nicht zu einem vollgiltigen machen will, um auf solche Weise den Waffen seines Trägers ihre Schärfe zu nehmen. Die Entscheidung kann keinen Augenblick zweifelhaft sein!" Das heißt mit anderen Worten: Bloch wird sein Mandat niederlegen. Nach Lage der Sache giebt es in der That keinen anderen Ausweg; nach Lage der Dinge aber wird alles ausgeboten werden muffen, um die Wiederwahl Bloch's zu sichern; die österreichischen Antisenüten und der Abgeordnete für Kolomea-Sniatin-Buczaez — sie sind ans einander zugeschnitten, sodaß Dr. Bloch im österreichischen Reichsrate als Verteidiger des Judentums —, des Judentums, das nirgends so heftig angefeindet wird, wie hu österreichischen Reichsrate, — unentbehrlich ist. Die 3ubcn England jetzt und einst. 8. London 25. Juli. Die Wahlschlacht ist geschlagen. Die liberale Partei konnte nicht mit den Unionisten gleichen Schritt halten, ja man könnte sagen, sie sei ans der ganzen Linie geschlagen. In Deutschland würde ein solches Wahlresultat eine Stärkung des offenen oder versteckten judenfeindlichen Elements bedeuten. Anders in England. Hier kennen die Parteien den Judenhaß, nicht; er wird gelegentlich in den Blättern als ein ausländischer Artikel bezeichnet, den man hier — nicht importieren dürfe, weil bei uns eilt Absatzgebiet nicht zu schaffen ist. Das ist aber auch alles. Unsre Glaubensgenossen gehören denn auch hier allen Parteien an. Die Parieistellung der ans der letzten Wahl siegreich hervorgegangenen Israeliten sind folgende: