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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
Seite 492 (sequence 4)
Language
German
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Seite 492 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. dieser tiefen Stufe stehend, sind sie Meister jener Verwesungs- Instinkte, welche, sich mit den niedrigsten Leidenschaften paarend, den heisern Ton zu treffen verstehen, der mit dem (Gekrächze dev unzufriedenen unkultivierten Massen am besten harmoniert. Ihre Helfershelfer sind Leute mit Anschauungen, welche im Mittelalter wurzeln, deren geschichtlicher Berus von ihnen abgestorben ist und die sich deshalb einen neuen schufen, der ihren Gelüsten schmeicheln, ihrer „Herrenmoral" Vorschub leisten soll, aber mit ihrer verlebten, entschwundenen Kraft glauben sie zu schieben und werden geschoben. Wenn dann Fleisch und Mark verzehrt ist und die Adoptivkinder schon bei Lebzeiten des Erblassers das Erbe teilen, um es, jeder in seiner Weise, im eigenen Nutzen zu verwenden, dann jammern und wehklagen sie und schreien über Undank derjenigen, die nicht schlechter sind als sie selbst. Warum dieses Lamento, ihr Herren Kavaliere? Dankbarkeit ist eine Tugend und eine edle Frucht wächst niemals aus einein Dornstrauch. Unheilbrüten, Selbsterhaltungstrieb, Eigennutz und verwandte Laster haben die „noble" Brüderschaft geschaffen und Undank ist der würdigste Genosse, der sich den Vereinigungspnnkten der krassesten Selbstsucht zugesellen kann und darf. Das Recht des Stärkeren über alles! Das Faustrecht ist ja eure hervorragendste Erfindung. Sie haben sich ihr Unglück selbst bereitet, kein Schmerz ist diesem vergleichbar, sie sind wahrlich des Trostes bedürftig, bedürftiger als wir Israeliten, denen sie die Falle gelegt haben, aber noch niemals hat ein gleich großer Würdeloser des milden Zuspruches entraten müssen, nie hat ein Unglücklicher sich köpf- und würdeloser benommen und den den Spott herausfordernden Schaden in solch widerwärtiger Weise getragen, wie diese Gesellschaft, welche bisher nur gewöhnt war auf Kosten drr Allgemeinheit zu nehmen und sich ihre angenmßte Aufgabe, Thron und Altar zu stützen, sehr gut bezahlen zu lassen — „und der König absolut, wenn er unfern Willen thut!" Daß wenn zwei dasselbe thun, es nicht immer dasselbe ist, namentlich wenn einer von den zweien ein Jude ist, darüber ließen die Jahrhunderte bei uns keinen Zweifel aufkommen. Wenn Ahlwardt pumpt und gar nichts bezahlt, so ist das in seinen Augen germanisch, und galt ihm schon für nobel, bevor er noch auf Tivoli mit den Edelsten der Nation sich verbrüdert hatte, für welche Tivoli das Kapitol war, dem sich der trapejische Felsen jetzt anschließt. — Wenn aber ein Jude mal Bankerott macht und seinen Gläubigern die Hälfte oder doch etwas bezahlt, so ist das „jüdisch" und wie ein Geierschwarm fällt dann die saubere Brüderschaft, von der Witterung herbeigelockt, über die Geschichte her und weiß vor sittlicher Entrüstung sich gar nicht zu lassen. Diese Verschiedenheit der Auffassung der That gegenüber — der geschehenen und am häufigsten auch der eingebildeten — hat mit zwingender Notwendigkeit eine grundverschiedene Reaktion im Gefolge. Das unverschuldete Unglück wird mit Würde und Fassung getragen; diese darf das Judentum auch mit Recht bewahren, wenn es für das Verschulden einzelner verantwortlich gemacht wird, und die Gerechtigkeit bleibt schließlich nicht aus. Fällt aber das Unheil aus den zurück, von dem es ausgegangen, woraus will dieser stch stützen, wodurch will er sein' Bewußtsein stärken, womit sich wiederum aufrichten, wen will er verantworlich machen, von wem darf er Trost und Erhebung erwarten? Ein solcher Mensch, der alles zu verlieren und nichts zu gewinnen hat, bietet der Welt natürlich das jämmerliche, tragikomische Schauspiel, daß er > sich, jedes inneren Halts beraubt, an äußerliche eingebildete Ehren und Besitztümer klammert, bis er von seinen eigenen Leuten schließlich schweren Herzens heraus—suspendiert wird. „Es handelt sich um keine Problema, sondern um einen Kasus." Wenn sie dann aus schützender Ferne mit der bekannten Wirkung, daß wer sich entschuldigt, sich auch gleichzeitig anklagt, sich zu rechtfertigen suchen, so ist das nur umso erbärmlicher und würdeloser und aller Schnee der Tiroler Berge ist nicht imstande diese Schmutzflecken abzuwaschen. — Darum sei ruhig, Israel, Du hast viel unverschuldetes Leid getragen, niemals aber hast Du Deine Würde verleugnet, sei getröstet, halte fest an Deiner Würde, die nur in der treuen Anhänglichkeit in der Religion ihren Halt findet; die Genugthuung, welche die Vorsehung und die Geschichte Dir schulden, wird nicht ausbleiben, denn die Verheißung Gottes trügt nicht, daß eher Berge weichen und Hügel wanken, ehe seine Liebe und Treue uns verläßt. Verzage nicht, Israel, solange Deine Gegner von den schildern und Wappen ihrer Ahnen nichts übrig behalten haben, als den Rost und den Moder, der sich auf ihnen abgelagert hat — solange an der Spitze Deiner erbittertsten Feinde Männer stehen, deren falscher Dienertroß ihnen keinen einigermaßen erträglichen Glanz verleiht und neben die sich zu setzen jeder anständige Mensch für entwürdigend hält. Doch „für Jörgen ist mir gar nicht bange . . . ." I)v. M. Dr. 3. S. Kloch. Der Abgeordnete für den galizischen Wahlkreis Kolomea- Sniatin-Buczaez, Dr. I. S. Bloch, ist in den Kreisen derer, die alles hassen, was einen jüdischen Namen oder eine jüdische Nase trägt, die meist gehaßte Persönlichkeit. In unüberlegter Selbstironie haben seine Gegner ihm den Titel eines Antisemitenverfolgers stempelsrei verliehen. Ob dieser Titel verdient ist oder nicht, das bleibe unerwogen, Tbatsache ist, daß kein anderes Parlament, in den: bisweilen über Inden und Judentum in übelwollendem Sinne debattiert wird, einen so sachkundigen und schlagfertigen, redegewandten und — rücksichtslosen Gegner des Antisemitismus aufzuweisen hat wie der österreichische Reichsrat in der Person Bloch's. An schlagfertigen, redegewandten und — wenn es sein muß — rücksichtslosen Verteidigern unsrer Rechte fehlt es ja auch im deutschen Reichstage nicht; redegewandt ist beispielsweise auch Rickert, schlagfertig wie kein zweiter ist Richter und rücksichtslos sind gegebenen Falls beide, — sachkundig in judaicis aber sind weder diese noch ist irgend ein anderer Abgeordneter in den reichsdeutschen Parlamenten. Und so konnte denn Herr von Wackerbarth im preußischen Abgeordnetenhaus:', können seine congenialen Genossen im deutschen Reichstage die unglaublichsten Albernheiten über das Judentum vortragen, ohne sofort und gründlich abgeführt zu werden. Anders im österreichischen Reichsrate. Dr. B l o äi ist ehemaliger Rabbiner, gründlicher Kenner des Talmud und sehr belesen in der judenfeindlichen und jüdischapologetischen Litteratnr. Er ist auf jeden Angriff der Antisemiten vorbereitet, — da diese aus Bescheidenheit nichts von ihren: beigenen geben, sondern nur den Lästerern des Judentums aus alter Zeit nachlüsteru, — und kann sofort parieren. Kein Wunder, daß er von den Antisemiten gehaßt wird! Nun ist es um die Echtheit seines Mandates nicht sonderlich be-

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