Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 491 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Bl. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 491. Wie es mit den Juden in der Philologie bestellt i|t, im Lehrersack), darf als bekannt vorausgesetzt werden. Neueste Erfahrungen haben die Besürchtung nahegelegt, es möchte aus diesem Gebiete zu noch ganz anderen Maßnahmen kommen, zu einer noch viel weiter gehenden Berücksichtigung des antisemitischen Prinzips, aus administrativem Wege den Juden vorzuenthalten, was Verfassung und Gesetz ihnen zusprechen. Bor einigen Jahren wurde von dem Kultusministerium ein Erlaß herausgegeben, der bestimmte, daß die Kinder von Dissidenten zwangsweise angehalten werden sollten, an dem Religionsunterricht der öffentlichen Schulen teilzunehmen, und zwar an dein Unterricht in derjenigen Religion, der die Eltern vor ihrem Uebertritt zun: Dissidententum angehört hatten. Man mag über diesen Erlaß denken wie man will, man mag Um als rechtlich anfechtbar betrachten oder nicht — er läßt außer jedem Zweifel, daß nach den Anschauungen der leitenden Kreise, die ihre Anschauungen auch in die Praxis überzuführen wissen, jedes Kind von Staatswegen angehalten werden soll, Religionsunterricht zu genießen. Doch selbst in den Zeiten, da solche Anschauungen in extremster Weise im Ministerium Vertretung fanden, hat man nicht daran gedacht, solche Notwendigkeit anzuerkennen, soweit es sich um Kinder der Juden handelt! Hier kam plötzlich das sonst versehmte Prinzip des laisser aller zur Geltung, hier bequcmte man sich im besten Falle dazu, einen fakultativen Religionsuntericht, nicht etwa einzurichten, sondern zuzulassen. Wollte jemand sagen, dies Verhallen sei dadurch eingegeben gewesen, daß man an leitender Stelle zu dem religiösen Eifer der Juden besonderes Vertrauen hegte, so hieße das die thatsächlichen Verhältnisse durchaus verkennen. Nichtachtende Gleichgiltigkeit war hier maßgebend, und vielleicht sogar die Scheu, in den Schulen einen spezifisch jüdischen Unterricht als gleichberechtigt einzuführen und damit naturgemäß auch jüdischen Lehrern den Zittritt zu öffnen. Die Absicht braucht nicht einmal eine bewußte gewesen zu sein. Alan wollte wohl gar nicht kränken, man blieb bloß in dern gewohnten Geleise und beguemte sich leicht und ohne Widerstreben der Herrschaft der antisemitischen Prinzipien an. Den Juden aber erstand nirgend ein Fürsprech. Man ließ die Dinge gehen, wie sie wollten, man ließ den praktischen: Antisemitismns mehr und mehr zur Geltung konuncn, und niemand erhob in: Namen von Verfassung und Gesetz, niemand im "Namen der untilgbaren Gerechtigkeit Widerrede. Wer hätte es auch thun sollen, da die Nächstbeteiligten selbst in seiger Aengstlichkeit schwiegen! Die Vertreter der Juden, die gewählten Vertreter ihrer Interessen thaten keinen Schritt auch nur zu einer bloßen Rechtsverwahrung! In Berlin wohnen hunderttausend Juden, der fünfte Teil der gesamten deutschen Judenheit, und die Vertretung der Berliner jüdischen Gemeinde hat bis zur Stunde noch nicht den Mut gesunden zu einen: Worte der Abwehr, zu einer Betonung des Rechtes der Juden! Ein Mal, vor drittehalb Jahren, war es so weit — und hier versagte der Vorstand, weil sein Vorsitzender seinen persönlichen Ehrgeiz gefährdet sah, wenn er die ihm anvertrauten Interessen der'Juden wahrnahm! Was die Ahlwardt, Zimmermann, Freiherr von Hammerstein, Böckel wert sind, darüber ist kein Zweifel; und trotzdem sie so qualifizierte Persönlichkeiten sind, wie man sie im ganzen Lande kennt, haben sie es dahin gebracht, daß ihre Grundsätze von Treue und Glauben, ihre Anschauungen von Recht und Billigkeit maßgebend geworden sind und die Richtungslinie abgeben für das Verhalten unserer gesamten Verwaltung gegenüber den Juden. Die Vertretung der jüdischen Gemeinde Berlin hat hierzu bis zur Stunde geschwiegen. Wn tictaf des Troges? Zum Sabbat Nachmu. Wer des Schicksals harte Zuchtrute auf seinem "Nacken fühlt, daß er des Morgens den Abend herbeisehnt und in trüber dunkler Nacht den Morgen kaum erwarten kann, der ist des Trostes würdig und bedürftig, sei es, daß er den Verlust des täglichen Brotes, seiner Ehre oder sonstiger höherer Güter beklagt. Die Voraussetzung ist jedoch, daß der Klagende, der alles verloren, sich seine Würde bewahrt hat; wer sich aber diese hat rauben lassen, dessen Klagen verhallen ungehört. Legen wir uns die Fragen vor, ob Israel des Trostes bedarf und ob es dessen sich würdig gezeigt hat, so müssen wir die erstere bedingungsweise die letztere nüt aller Entschiedenheit bejahen. Hart ist es für ein Volk, dem nach seinen Natur- und Eharakteranlagen wie kaum einem zweiten die Selbständigkeit notwendig ist, wenn es diese verloren hat. Schmer erträglich ist das Leid, wenn der Besiegte einem ungroßmütigen Gegner in die Hände siel, öer die den Sieger so schön kleidende Hochherzigkeit vermissen läßt und dem das Unglück keine Achtung abringt, der seine Würde soweit vergißt, an dem Falle des Gegners sich zu letzen, dem zu Boden Geworfenen auch noch den Fuß auf den Nacken zu setzen und ihn die Wucht seines Trittes empfinden zu lassen — all diese Unbill hat Israel seit zwei Jahrtausenden erfahren, in denen es dem Uebernntt des harten Siegers das Selbstbewußtsein d"S würdevoll Unterlegenen, die Unbezwingbarkeit des nicht verzweifelnden Dulders entgegensetzte und des Trostes harrte, den eine schönere, aufgeklärte Zeit ihm bringen sollte. Niemals hat es seine Würde aufgegeben; dem nicht abzuwendenden körperlichen Drucke hat es die Ohnmacht des Geistes nicht freiwillig folgen lassen. Man konnte es schlagen und verwunden, drücken und quälen, verleuntden und verfolgen, treu seinen: Wahlspruche: „Ich bin ein Jbri und den Ewigen, Einzigen, den Gott des Weltalls fürchte ich", ertrug es Druck und Schmach, Folter und Martern, Verkennung und Verwerfung, Hartherzigkeit und unmenschliche Behandlung, denen keiner seiner Unterdrücker gewachsen gewesen wäre. Das war feine mannhafte Würde, das war sein demütiger berechtigter Stolz. Ja, Israel war des Trostes bedürftig, mehr aber noch, ohne es zu wissen, seine grausamen Feinde. Israel war des Trostes auch würdig, seine Gegner aber nicht! — — Die Zeiten haben sich geändert, die Gegner sind aber dieselben geblieben, wenn sie auch, der "Rot gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, ihre Taktik geändert haben Die Autodafes find verglüht, nicht aber der brennende Haß — es wird weniger Blut, aber desto mehr bittere und verbitternde Tinte vergossen, deren Wirkung nicht weniger verderblich, deren Schärfe das durch Leistungen aus den: Gebiete bürgerlicher Tugenden mit Recht gehobene Bewußtsein nicht minder verletzt und deren Schädlichkeit immer weiter Verbreitung findet. Wehe den Siegern! Wer und was sind sie? Männer, die in allen Unsitten heimisch sind, deren moralische Defekte sie eigentlich von jeder besseren Gesellschaft ausschließen. Auf