Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 31 (2.8.1895)
- Date
- 1895-08-02
- Page
- Seite 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 490. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 81. mit dem Schuhflicken nichts zu thnn habe. Und doch steht die Religion mit dem Schuhflicken ganz in derselben Verbindung wie mit dein Budget und den Armeelisten. Es ist, wie gesagt, beinahe 70 Jahre her, daß Maeaulap diese Darlegungen gemacht hat. Für England waren sie durchschlagend, für Deutschland haben sie keine (Geltung gewonnen. Hier hat der Antisemitismus mehr und mehr die Oberhand erlangt. Bei seinem ersten Austreten, der Propagierung der oben erwähnten Petition, erregte er große Entrüstung, und manche Urheber selbst jener Petition besaß noch so viel Schamgefühl, ihren Anteil daran zu verleugnen. Doch die Scham ist schnell geschwunden. Freilich ist die ganze Bewegung ohne Schamlosigkeit unmöglich. Das haben ihre weiter und Förderer auch eingesehen. Es ist deshalb kein Zufall, daß an der Spitze dieser Bewegung ausschließlich und ohne jede Ausnahme sich keine anderen Personen befunden haben als solche, von denen man nach gewöhnlicher Anschauung von bürgerlicher Wohlanständigkeit Unter den Linden nicht hätte gegrüßt sein mögen. Es ist nicht nötig, hier Namen zu nennen, denn die Charakteristik paßt aus jeden der Führer, welchen man auch herausgreife. Meineidige sind es, die über den Eid der Juden, Diebe, die über den angeblichen Mehranteil der Juden am Verbrechen, Wucherer, die über der Juden Skrupellosigkeit in Geldgeschäften öffentlich zeterten. Das alles hat den Antisemiten nichts geschadet. Ihre Sittenlosigkeit, ihr vollständiger moralischer Bankbruch qualifizierte sie erst zur Führerschaft im Antisemitismus, und die Schamlosigkeit, mit der sie ihre Blößen zur Schau trugen, brachte es dahin, daß ihre Leute die Blößen nicht mehr sahen. Solche moralische Blindheit wäre unter allen Unrstünden beklagenswert. Was jedoch jedes Alenschensreundes Herz aus das tiefste betrüben muß, das ist, daß die Agitation, die von dieser Schamlosigkeit ausging, vollen Erfolg gehabt hat. Es ist kein Zufall, daß die agrarische Demagogie bei der antisemitischen in die Schule gegangen ist und diese in ihre Dienste genommen hat. Es ist kein Zufall, sondern das Ergebnis der inneren Verwandtschaft, daß die agrarische Demagogie mit der antisemitischen sich verbündet und sie als Vorspann benutzt hat. Die Agrarier hatten gesehen, welche Erfolge die Antisemiten erreicht, und sie sagten sich, daß ihnen mit den gleichen Mitteln und auf dem gleichen Wege ähnlicher Erfolg wohl blühen könnte. Es giebt Skeptiker, die fragen, worin denn dieser Erfolg eigentlich bestehet Es ließe sich doch nicht sagen, daß die Veranstaltung von Radauversammlungen eine Beeinträchtigung der Rechte der Juden bedeute. Das Staatsministerium habe im November 1880 die oben erwähnte korrekte Erklärung abgegeben und dabei habe es fein Bewenden behalten. Und doch hat der Antisemitismus vollen Erfolg gehabt! Was seiner Zeit von den Antisemiten vorgeschlagen worden ist, das ist in die Praxis übergesührt worden. Das Gesetz, das den Juden volle Gleichberechtigung gewährt, steht heute wie früher auf einem noch unzerrissenen Papier, aber seine thatsächliche Geltung hat es verloren. Nach einer natürlichen und der Billigkeit entsprechenden Entwicklung Hütte der Anteil der Juden am Staatsbeamtentum im Lause der Jahre zunehmen müsse, bis er dem Verhältnis entsprach, in dem der jüdischen Bevölkerung intellektuelle und sonstige Qualifikation zu der intellektuellen und sonstigen Qualifikation der nichtjüdischen Bevölkerung stand. Eine solche Entwickelung hat nicht stattgesuuden. Es ist vielmehr eine Zurückdrängung der Juden, d. i. eine Nichtbeachtung der ihnen verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte bemerkbar geworden. Hier einige Beispiele: Alan sagt den Juden nach, daß sie für die Beurteilung geschäftlicher Verhältnisse eine besondere Eignung haben und ein das Durchschnittsmaß überragendes Verständnis für wirtschaftliche Dinge besitzen. Die Reichsbank aber, in deren Zentralausschuß es nicht an Juden fehlt, hat jüdische Beamte entweder gar nicht oder doch nur in einer verschwindend kleinen Zahl. Wir haben Kolonien bekonunen und in: Zusammenhang damit einen gegen früher wesentlich ausgedehnten diplomatischen und konsularischen Dienst, der die Kenntnis orientalischer Sprachen oder die Leichtigkeit, solche Kenntnis zu gewinnen, als einen Vorzug für den Bewerber erscheinen läßt. Giebt es Juden in diesem Dienst? Wir glauben: nicht einen! In der preußischen Armee hat es früher — allerdings auch nur vereinzelt — aktive Offiziere gegeben. Daß die Einjährig-Freiwilligen jüdischer Konfession, ihre Qualifikation vorausgesetzt, gleich den christlichen Kameraden Reserveoffiziere wurden, war zwar nicht ganz die Regel, doch keine allzu seltene Ausnahme. Das hat völlig ausgehört. Wir haben noch einige Reserveoffiziere, aber deren Patent reicht zwanzig Jahre und weiter zurück. Alan wende uns nicht ein, daß hier das Ergebnis der freien Offizierwahl vorliege, denn das ist iricht der Fall. 'Niemand kann finnigeriveise behaupten, daß die Juden Deutschlands plötzlich ausgehört hätten, Mitglieder unter sich zu haben, die zur Qffizierschaft qualifiziert sind. Die man früher zu Offizieren gemacht, find tüchtige Offiziere gewesen. Hat sich einmal einer untauglich erwiesen, hat er eine Taktlosigkeit begangen, so kann man von vornherein annehmen, daß ihm jene Taktlosigkeit recht schwer angerechnet worden ist. Ueberdies war auch kein Grund zu der Vermutung gegeben, daß ein Jude durch seine Ernennung zum Offizier vor Fehlgriffen mehr geschützt sei, als ein Christ. Hier ist plötzlich ein Prinzip, das antisemitische Prinzip zur Geltung gekommen; nicht die freie Ofsiziermahl hat es thatfächlich geschaffen, sondern umgekehrt: es hat sich der freien Ossizierwahl zu seinen Zwecken bedient. Die Staatsanwaltschaft hat bisher ihre Pforten den Juden noch nicht ausgethan. Die sogenannte Regierungskarriere ist den Juden unbedingt verschlossen. Wollte jemand den Gedanken äußern, daß ein Jude zunr Regierungspräsidenten zu ernennen wäre, er würde keinen lauten Protest Hervorrufen — seine Bemerkung würde wahrscheinlich als ein Witz ausgefaßt, die Forderung sicherlich mit einem Lächeln abgethan werden. In den Reihen der Richterschaft haben die Juden gemäß Verfassung und Gesetz Ausnahme gefunden. Aber auch hier ist ein Stillstand eingetreten, und heute gilt bereits der Jude als disqualifiziert für das Amt eines Einzelrichters. Tie Anschauungen des Antisemitismus haben Berücksichtigung gesunden, sind zur Herrschaft gelangt — Ruppel hat gesiegt und ist in Preußen maßgebend geworden. Was Wunder, daß die Inden, überall sonst ausgeschlossen oder zmn mindesten arg beengt, in größerer Zahl als sonst wohl geschah, der Heilkunst und der Rechtsanwaltschaft sich zuwenden I Doch diese natürliche Folge eines unbilligen Zustandes wird von denen selbst, die diesen unbilligen Zustand herbeigesührt haben, zum Anlaß für neue Klagen gemacht, zum Anlaß für Beschwerden darüber, daß die für die Juden allein noch offenen Berufe von Juden überfüllt seien!