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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-26 · 30 (26.7.1895) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
Seite 484 (sequence 12)
Language
German
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Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. Seile 484 daß er sein Grundstück im Preise Gra-idenz verkaufen -volle. I. Moses, Dom. Friedeck, ebenfalls in Westpreußen, will sein Rittergut parzellieren. Die Kansle-ite Isidor Fleischer und H. Aronheim in Könitz sind beauftragt von einem Ungenannten, ebenfalls ein Gut in Rentengüter zu zerschlagen. Herr Moses verknust seine Parzellen täglich, auch Sonntags. Diese Anzeigen ergeben, in welch erschreckender Weise sich das Judentum die Rot der LandWirtschaft zu nutze zu machen weiß." (!!!) — Erschrecklich allerdings ist diese Logik, nach welcher jemand, der sein Grundstück verkansen oder gar parzellieren will, „sich die Rot der Landwirtschaft zu nutze -nachen will." Wir tonnten mit ähnlichen Anzeigen vornehmer „arischer" Herren auswarten. ,'Zum Kapitel: „Christenhaß der Juden". Das „Leerer Anzeigeblatt" schreibt: „Bei dem in der Rächt des 22. Mai v. I. ansgebrochenen Feuer in dem van Nnps'schen Mannsakturwnrengeschäst in der Dsterstraße, wodurch bekanntlich nicht allein die frühere Hannover'sche Bank, sondern auch das v. Borknm'sche HanS total eingeäschert wurde, hatte sich die in der ersten Etage wohnhafte Ehefrau des Herrn 9f. Grünberg in hervorragender Weise nni die Rettung der Hausbewolmer verdient gemacht. Unerschrocken, trotz der großen Gefahr, weckte die Dame zunächst die schlafenden Insassen des Hauses und trug dann noch eine in der zweite-- Etage schlafende und olmmüchtig gewordene, im van NupS'schen Geschäft tbütigc Berkänferin ins Freie. Leider hatte durch die übergroße Anstrengung Frau Grünberg sich eine schleichende Krankheit zugezogen, die trotz Bäder und viel angewandter ärztlicher Hilfe nicht behoben werden konnte. Vorgestern ist die tapfere Lebensretternihren Leiden nunmehr erlegen. DaS Grab fei ihr leicht und Ehre ihrem Gedei-ken!" — Wir stellen diesen Bericht allen antisemitischen Blättern kostenlos zur Verfügung. *t Das ungemütliche Wien Es wird i-n-ner ge- -nütlicher in Wien. Mit der politischen Anarchie gehen die brutalen antisemitischen Erzesse Hano in Hand; heute ist es eine Wüblerversammlung, in welche man einzudringen versucht, um sriedliebeude Bürger gcwaltsain in ihren Beralnngcn zn stören ----d morgen werden einige harmlose KasseehauSgäste überfallen und halbtot geprügelt, oder aber ein Mann, der sich ahnungslos aus ein antiseniitisches Durnerfest verirrt, entgeht nur durch die Intervention der Gendarmerie der (Gefahr in die Donau geworfen zu werden. Denen ----- Lueger sind diese Dinge natürlich nicht angenehin, — nicht etwa -veil sie sich zu getragen, sonder-- -veil sie bekannt wurden-. Sie erlassen darnm ein Manifest, in welchensie alles ablengnen, obwohl der gewiß einwandfreie Polizeibericht die Erzesse registriert, obwohl eine Anzahl antisemitischer RowdieS verhaftet -vt-rden. Selbst das .Parlainei-tnehn-eiüc für diese Ableugnungsversuche in Anspruch. In der Abendsitzung vorn 18. d. M. richteten die Abgeordneten Lueger, Geßmann und Gei-ossen folgende A--frage an dei- Leiter des Ministerprüsidiun-s: „In letzter Zeit wird in den judenliberalen Blättern die Verbreitung erfundener odergänzlich entstellter Rachrichten zu den- Zwecke erwerbsinäßig betrieben, um die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien als einen Drt erscheinen zu lassen, in welchenprofessionelle Judenhetzen betrieben werden, und das Eigentum, ja sogar die körperliche Sicherheit der Israeliten gefährdet ist. Die Tendenz dieses Vorgehens der judenliberalen Blätter ist est-e nur allznklare. Es soll dadurch Unruhe in der Bevölkerung erzeugt und verbreitet werden, und es sollen dieRegiernngsorgane zu Schritte-- verleitet werden, welche die politische Freiheit der christliche-- Bevölkerui-g Wie--s einengeiwürden. . . Da solche erlogene Nachrichten geeignet erscheinen, die Bevölkerung im höchsten Grade auszureizen, stellen wir die Frage: Welche Mittel gedenkt die Negierung anzuwenden, ----- diesem ehri-nd schamlosen Treiben der judenliberalen Blätter endlich einmal ein Ziel zu setzen? — Vielleicht entschließt sich die Regierung eine-- Verein zun- Schutze der — Antise-niten ins Leben zu rufen. * )'• Älus Nirßland. Es ist leider Thatsache, daß es für die Inden schwer ist i-- Rußland zu lebe--; man kann aber noch weiter gehe-- ui-d behaupten, daß es für sic schwer ist, selbst nur begraben zu werden. Der Leser wird dies sofort ans der Frage erkennen, welche gegenwärtig den dirigierenden Senat u--ter Aufbietung eines ganzen Apparates von Erhebungen beim Polizeideparten-ent u. f. w. beschäftigt. Es handelt sich nämlich darum, ob die aus den- Lande (in Dörfern, Flecken --. s. w.) ans gesetzlicher Grundlage lebcnbeu Juden in der Rühe ihrer Wohnstätten Land zur Anlegung jüdischer Friedhöfe erwerben dürfen. Durch das Gesetz von- 3. Mai 1882 wird nüinlich den außerhalb der Städte lebenden J-iden verböte--, Jinmobilien käuflich zu erwerben oder zu pachten, ni-d die Folge davon ist, daß die aus dem Lande lebenden Inden ihre Toten bis zur nächsten oft 60 und mehr Werst ei-tserntcn Stadt fahren -nüssen, um sie 'dort auf dem jüdischen Friedhof zur Ruhe zu bringen. Ein solcher Transport von Leichen kann aber, besonders natürlich in Zeiten größerer Epidemieen immenfe Gefahren herbeiführen. Dieser Einsicht hat sich schließlich der Senat auch nicht verschlösse-- und verfügt, daß in Ausnahme des Gesetzes vom 3. Mai 1882 jüdische Gen-einden, jedoch nicht einzelne Privatpersonen, das Recht besitze--, auch außerhalb des städtischen Rayons Land zur Anlage von Friedhöfen zu erwerben. Leider aber bessert auch diese Verfügung an der Sachlage nicht das geringste. JüOifche „Gemeinden" bestehen nämlich fast nur i-- den Städten, -ind wenn der Scuat wirklich einem schreienden Notstände abhelsen will, so muß er genehmigen, daß die aus dem Lande lebenden Juden Genossenschasten bilden behufs des Ankaufes von Land zur Anlage von Friedhöfen. So nahe nun auch ein solcher Schritt liegt, der eigentlich nur das Setzen des I-Punktes aus das schon geschriebene i bedeutet, so erscheint doch dit kleinste Konzession an die Inden, selbst wenn sie im Gesamtinteresse des Reiches erfolgen muß, so sehr gegen den rnssischen Zeitgeist, daß der Senat kurzer Hand sich dazu nicht zu entschließen vermag. Es .sind jetzt zunächst Daten vom Polizeideparten-ent des Ministerium des Innern eingesordert, wolche Praris überhaupt hinsichtlich der Anlage von jüdischen Friedhöfen außerhalb der städtischen Rayons besteht. Bevor diese Daten nicht einlansen — und das kann mindestens Monate dauern — wird die angeregte Frage ----- keinen Schritt vorwärts rücken und der wahrhaft barbarische Zustand noch weiter dauern. — Wie die besten Männer im Zarenreiche über die rnssischen Juden und deren Verleumder denken, geht ans einer Rede hervor, die der Gouverneur von Eharkow, Kammerherr W. Belgard, kürzlich gehalten hat. Dieser hohe Würdenträger, welcher aus den- Gebiete der Wissenschaft in Rußland manches Wertvolle geleistet hat, -vohi-te näinlich der Einweihung einer Thorarolle bei, welche die Eharkower Juden anläßlich der Bermühl-ing des Zaren Nikolaus II. gespendet habe--. Die Feier schloß mit einen- Bankette, bei welchen- Kammerherr Belgard folgende Worte sprach: „Aus

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