Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 483 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. HO. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Senk 4<SH. Und war auch das :)ü’jultnt kein glänzendes fo kannte er dach mit seinen! Benefiz zufrieden sein; denn spaßlustige Menschen giebt es überall und einen Obulus van HO Pfennigen opfert schau mancher gern, um sich ein Autisemitenstück, van einem Ahlwardt ausgesührt, anzuhören. Sa hatte er denn seine aalten dreihundert zahlenden Zuhörer und konnte seine neunzig MaA deutscher Währung, minus Reise und Verptlegskvsten für sich und seinen „Diener" einstecken. Allerdings erfreute sich ein Seiltänzer, der sich tags daraus aus dem hiesigen Ausstellungsplatze produzierte, eines weit größeren Zuspruchs, dem eine nach tausenden van Köpfen zählende Menge zujubelte. Kanu man aber deswegen einem jeden Antisemiten zumuten, daß er Seiltänzer werde? Wer würde dann das Vaterland von der Judenpcst retten und die ganze Menschheit beglücken? — -Nun denkt mahl die geehrte Redaktion und der geneigte Leser dieses Blattes, es fei höchste Zeit, daß ich mit den Witzeleien einmal aushöre und eine, vielleicht mit Spannung erwartete interessante Blumenlese aus dem schönen Bvrtrage selbst zuin Besten gebe. Da muß ich aber wirklich um Berzeihuug bitten, wenn ich in diesem Punkte eine große Enttäuschung bereite. Ich verspüre nänilich gar keine Lust, wie ein Theaterberichterstatter dieses Leierstück, oder, um mich ivürdiger auszudrücken, dieses opus des bekannten Meisters eingehend zu besprechen, denn in sa heißen icageu'einen zum hundertsten Mal in der Antisemiten-Küche aufgewärmten Brei varzusetzcu, halte ich für gesundheitsschädlich. Wer genau wissen ivill, ivaS Ahlwardt sprach, und wie der Bortrag zu gualisiziereu sei, der bemühe sich, in Heine's „Disputation" die 86. Strophe, Zeile 3 und 4 nachzulesen und er unrd alles Wissenswerte über diese Rede finden. — Erwähnen will ich nur, daß das Publikum sich - er heitern Stimmung, die der Bortrag hervarrief, gar nicht erwehren konnte, und daß kaum einer ivar, der den Redner und seine Rede ernst nahm. Nichtsdestoweniger verdient hervorgehoben zu werden, daß sich iu der Bersammluug eine respektable Anzahl angesehener und wackerer Männer gesunden, die es sich doch nicht nehmen ließen, der „lustigen Person" aus die drolligen und erlogenen Auslassungen mit Ernst und Würde zu antworten und das ganze antisernitische Gebühren gehörig zu brandmarken. Das waren gesunde kernige Worte ernitcr Männer, die auch den verdienten Beifall fanden. Den Herren Bartels, Barzel, Herber, Lange, Meper, Dr. Plitt und Eurt Seydell sei daher für ihr mannhaftes Auftreten und ihre sachliche Widerlegung aller hervorgebrachten, infamen Beschuldigungen der wärmste Dank ausgesprochen. R. M arguli e s. — Und aus B re m e r h a v e n wird uns geschrieben: Der Reichstagsabgeordnete Ahlwardt hat hier eine bittre Erfahrung gemacht, die, wenn sie sich aller Orten wicderholennnd vorsichtiger auSgeführt werden sollte, ihm das Geschäft mit Bersaminlungsreden leicht verleiden und den armen Mann schwer schädigen könnte. Er hielt aut 11. Juli am hiesigen Platze eine Versammlung, zu der ein Eiutrittsgeld erhoben wurde, das nach der Ankündigung zur Deckung der Unkosten verwandt werden sollte. Die zahlreich anwesenden Sozialdemokraten hatten die Bildung eines Bürenus durchgesetzt, dessen Vorsitzender bei Schluß der Bersammluug den Borschlag machte, nach Abzug der Reisekosten für Ahlwardt und seiner Begleiter und nach Deckung der übrigen Unkosten (zusammen 120 M.) den aus den erhobenen Eintrittsgeldern verbleibenden Ueberfchuß in Höhe von 130 M. 50 Pf. nicht der antisemitischen Parteikasse oder der Dasche Ahlwardts zuzuführen, tondern diese Summe deui Unterftützungsfond für die Hinterbliebenen der veruuglückteu Fischer zu überweisen; der Borschlag wurde fast einstinnnig genehmigt. Man hatte aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, da der Begleiter Ahlwardts sich mit der Kasse schon gedrückt hatte; der Borsitzende stellte zwar in Aussicht, daß er sich an die antisemitische Volk-chartei wenden werde, die für den genannten Betrag auskommen ruüsse, das wird jedoch verlorene Blüh sein. Dr. K. * Herr Zimm ermann Aus Dresden wird den» Bärsen-Eourier geschrieben: Der ReichstagSabgeordnete Zimmermann scheint in diesem Sommer „actuell" bleiben zu sollen. Nachdem ihm sein „Diener" Köhler auf der für ihn auch sonst an Abenteuern reichen Kieler Reise zu einer gewissen Berühmtheit verholfen, sichert ihm jetzt das Schicksal seines Organs, der antisemi- . tischen „Deutschen Wacht" in Dresden die Teilnahme weiterer Kreise, zumal iu Dresden und Umgegend. In einer der letzten Nummern des genannten Blattes befand sich nämlich ein Inserat, demzufolge abermals 21 Zuhaber von 25 Aktien der „Deutschen Wacht" als Mitglieder der Gesellschaft gestrichen sind, da sie die letzte heutige Teileinzahlung uicht geleistet hatten. Sind die Aktieninhaber der antisemitischen Fahne untreu geworden, oder haben sie das Bertranen zu deur Parteiorgan verloren? Eins von beiden muß der Fall sein, meint man, denn zahlungsfähig sind die Aktionäre sämtlich. Diese Frage wird in Dresden gegemvärtig viel besprochen. Beinahe noch inehr Berwunderung erregt der Umstand, daß der Borstand der Aktiengesellschaft „Deutsche Wacht" gegen die säumigen Zahler nicht, wie es ihm gesetzlich zusteht, im Klagewege vorgeht und sie zwingt, ihren einmal übernommenen Berpflichtungeu auch weiter uachzukommen und zu zahleii. Die Antwort, die inan sich aus diese Frage zurauut, ist delikater Natur und niuunt Bezug aus gewisse Borkoinmnisse, die bei der Gründung der „Deutschen Wacht" gespielt haben nnd demnächst noch Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens bilden werden. Man spricht von diesen Dingen noch nicht öffentlich, aber die Sperlinge zwitschern sie von den Dächern. Jedenfalls hat Abg. Zimmermann das Vergnügen, noch für einige Zeit „actuell" zu bleiben. * Die alte (beschichte. Dein Redakteur Braumanu, der wegen mehrer in „Frei-Deutschland" veröffentlichten Aufsätze „Die Beweise für das Bestehen jüdischer Blutmorde und menschlicher Vampyre" in Anklagezustand versetzt worden war, ist numnehr ein Beschluß des Landgerichts zugegangen, wonach er außer Verfolgung gesetzt und die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auferlegt worden sind. In der Begründung des Beschlusses heißt es, dein geuanuten Blatte zufolge unter anderm, daß der § 166 R.-Str.-G.-B. nicht einzelne Lehrsätze einer Religions-Gesellschaft als Dogmen, sondern die Religions-Gesellschaften selbst und deren Einrichtungen und Gebräuche gegen Beschimpfung durch Angriffe schützen wolle; letztere Absicht habe zu Uuguusten des Beklagten nicht seftgestellt werden können, ba der Verfasser des Aussatzes die Spitze seiner Angriffe nicht gegen die Juden als Religionsgesellschaft, sondern als Raffe richte, und zwar aufgrunb der Meinung, daß sie seiner eigenen Rasse, nicht seiner Religion gefährlich seien. — Wir haben längst das Staunen verlernt! * sonderbare Schlüsse. Aus einigen provinziellen Anzeigen schlägt das antisemitische O r g a n des Bundes der Landwirte Kapital gegen die Juden. Dieser Angriff ist zu bezeichnend für die Kampfesweise der Antisemisen, um ihn nicht niedriger zu hängen. „Mar Meyer, Briefen, zeigt an