Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 482 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608781--0627-9608791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4<S2. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. dir. 80. Kondukteur, welcher gleich erschien, mußte ihre Klagen anhören nnd drumnite als Antwort in den Bart hinein: „Diese Inden müssen überall ihren liocus poeus verrichten und Krawalle machen. Daß die Direktion dies nur gestattet." Aus der nächsten Station nahm Klara mit einem Blicke der Achtung und Bewunderung von dem stoischen Greise, der, mit dem Gottesdienste beschäftigt, auf die Sticheleien und all den Spott nicht achtetete, Abschied nnd stieg in ein anderes Koupee. In tiefen: Aaehsinnen verbrachte sie einige Stunden, bis der Kondukteur „Karotka, zwei Minuten Aufenthalt" rief. Sie ergriff eilig ihr Bündel und stieg ans. Hart bei einem im freien Felde sich erhebenden Wächterhäüsechen harrte ein Wagen, und der Kutscher, ein pausbäckiger Bursche, kam sogleich mit einer tiefen Verbeugung a:ff die Aussteigende zu. — „Ist das Fräulein — die Gouvernante für die Herrschaft — „So ist es." — „Ich bitte das Fräulein einznfteigen, ich werde nur noch ans den älteren Herrn warten." — Gleich darauf näherte sich auch wirklich jener „ältere Herr", in welchem Klara den sympathischen Greis vom Koupee erkannte. Er schaute Klara verwundert an und den Fuhrmann aus die Seite nehmend, stellte er an ihn einige lebhafte Fragen. — „Entschuldigen Sie, Fräulein," sprach er sie in einem überaus reinen Polnisch an. „Ich wußte nicht, daß nur einen Wnft bekommen, und zwar deshalb, weil ich eine ganze Woche nicht zu Hause war. Ich bitte sehr, steigen Sie ein, Fräulein — ich bin der Vater des Eigentümers von Karotka." Diese Begrüßung berührte sie angenehm und unangenehm zugleich. Die Höflichkeit des Greifes und fein gutes Polnisch erfreute sie; widerwärtig war ihr aber die Vermutung, daß ihre zukünftige „Herrschaft" ebenfalls solche Juden seien, denn wie sollte sich dann ihre Lage bei ihnen gestalten! Aach kurzem konventionellen Gespräche, zu welchem sie keineswegs aufgelegt war, bestiegen beide den Wagen. Der Greis versuchte es, eine Unterhaltung anznknüpfen, aber Klara, antwortete einsilbig; ihre Gedanken weilten wo anders. Endlich erreichte sie das Dorf. Tie ebene, gut erhaltene, bis zum Herrfchaftshaus führende Fahrstraße siel Klara ans. Hohe Eisenstacketts umschlossen einen bedeutenden Aaum, aus welchem sich wahscheinlich ein kleines Palais und verschiedene Wirtschaftsgebäude befanden. Beim Portale begann ein gerader, mit Kies bestreuter Weg, von einem schönen Spalier von Pappel,: eingefaßt. Bald waren sie in: Hose — vor der mit wilden Aosen, Epheu, Blumentöpfen und vielfarbigen Kugeln geschmückten Veranda der Herrenwohnung, ein Gebäude von alter Struktur, aber blitzsauber nnd iveiß. Rechts und links breiteten sich die Wirtschaftsgebäude und Getreide- und Heuschober ans. Ueberall Ordnung und Stille. Auf das Gerassel des Wagens kam eine etwa vierzigjährige Frau zum Vorscheine. Die Spuren der noch nicht entschwundenen Schönheit, der Glanz der grauen Augen und das über ihr Gesicht sich verbreitende Lächeln, machten sie gleich für den ersten Blick angenehm nnd sympathisch. Eiligst küßte sie die Hand des in der Richtung des Hanfes sich entfernenden Greises und wendete sich zu dem absteigenden Mädchen. „Wenn ich nicht irre, habe ich das Fräulein Eybulska zu begrüßenV‘ — „So ist es, gnädige Frau." — „Ist mir sehr angenehm. Bitte, bitte ins Zimmer. Mein Mann ist nicht zu Haufe, er ist auf den: Felde und die Kinder sind auf ihren: Zimmer. Sie werden sie später kennen lernen. Johann!" sprach sie ans deutsch zum Diener, — „trage die Sachen des Fräuleins ins Eckzimmer." Johann nahm das winzige Felleisen von: Wagen. „Oder auch . . . vielleicht besser, Sie sind wahrscheinlich von der Reise ermüdet, wir machen nwrgen nähere Bekanntschaft, und jetzt geleitet Sie Johann aus Ihr Zimmer. 'Run, sind Sie sehr angestrengt V" „Richt besonders." — „Aber doch ... es ist schon Abend . . bitte. Johann wird Ihnen das Zimmer zeigen, nur bitte mit ihm deutsch zu sprechen, da er polnisch nicht versteht. Alles übrige morgen, adieu . . ja, aber Sie kennen mich noch nicht . . ich bin Jeanette Marmor, die Hausfrau . . adieu, gute Rächt!" Sie sprach schnell, in einemsort steckenbleibend, und mit fremdem Aeeent. Alan führte Klara in ein Eckzimmer mit separatem Eingänge. Die Lampe war bereits angezündet. Sie schaute rings um sich; durch zwei auf einen üppigen Obstgarten führende Fenster warfen die Strahlen der untergehenden Sonne einen goldenen Schein aus die aus der entgegengesetzten Wand hängenden Landschaften, auf das weiße, rein gedeckte Bett, auf die in: Zimmer befindlichen, nicht zahlreichen Gegenstände. Sie schaute sich um, konnte den durch Johann rasch herbeigebrachten Thee nicht trinken, dankte ihn: in gebrochenen: Deutsch für die angebotenen Dienste, und die Fensterläden öffnend, betrachtete sie lange das Herrenhaus, die an: Firmamente fchwarnuveise funkelnden Sterne und die vom blassen Mondlichte schattierten ' Nebengebäude; das Säuseln der Bäume und ein unbestimmtes menschliches Geräusch schlug an ihr Ohr. Bald entschlief das ganze Dorf samt dem Gehöfte, eine durch nichts getrübte Stille und Ruhe trat ein und sie stand beiin Fenster, stand lange und träumte. (Fortsetzung folgt.) Wochen-(Ohronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Am Meer. Aus L ü deck erhalten wir folgenden launigen Bericht: Der Reichstagsbajazzo Ahlwnrdt hat auf seiner Souuuerturuee durch Deutschland diesen Sonnabend auch unsere Stadt mit seinen: Besuche in Begleitung eines Glaserineisters aus Berlin als Faiuulus oder Jnipresario beglückt und eine 80-Psennig-Vorstellung zum eigenen Besten gegeben. Es :nuß den: berühmten antiseinitischen Leiermann etwas schwül uiu's Herz gewesen sein, als er, vielleicht zum ersteumnle, durch die Dhore der alten, ehrwürdigen Hansastadt einzog, um innerhalb derselben seine abgedroschenen Weisen aufzuspielen. Denn Lübeck ist eine gar schreckliche Stadt, von der allerneuesten, sogenannten Kultur sehr wenig beleckt; inan hat hier für den Antisemitisinus und seine Jünger gar kein Verständnis, nnd wenn sich auch in hiesiger Stadt vor Jahr und Tag einige schöne Seelen zusainmengefuuden nnd, dank eifriger Bemühungen, ein sozial-christliches Vereinchen ins Leben gerufen haben, so. fristet es doch nur eine Scheineristeuz. Es war also keine behagliche Situation für diesen großen Mann, ans einer neuen, fremden Bühne vor kalten Zuhörern auszutreten, er, der stets gewohnt ist, vor großen, ihn: zujubelnden Massen zu sprechen und gleich Hunderte von 50-Psennig- Stücken sicher einzuftreichen mit samt dem obligaten Lorbeerkranz, der überdies noch stets sein Haupt schmückte. Als tüchtiger Geschäftsmann, der er vor allen: ist, hat er aber auch den hier etwas ungünstig liegenden Verhältnissen Rechnung zu tragen verstanden und das übliche Honorar von 50 auf 80 Pfennige für Lübeck ermäßigt um durch billige Preise größeren Uiusatz zu erzielen.