Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 481 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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VJWPfcS Nr. MO.?(ttflcmci«c Israelitische Wochenschrift. Seite 1K1. spräche an. Als der Elftere seine Rippen iuiS de», Glase benetzt batte, lies; man es zu der Braut gelangen, rvclche nnter ilirern Schleier ihre Rippen besenchtete, wobei )ii.' sich so wenig wie möglich bewegte. Alsdann Übergab der Zukünftige dem Vorbeter, in ein Tuch versteckt, ein Stück Gold, ein Stück Silber und ein Stück Kupfer, welche man, der Sitte gemäß, der Braut brachte. Ties geschehen, schritt der Vermählte, nach einigen Gebeten, ans seine Geiuahlin zn und zerbrach das Glas, Ein von dem Vorbeter und zwei Zeugen Unterzeichneter Akt war die Befestigung der Heirat, worauf die grauen Geschrei als Zeichen der Freude ansstießen. Ein in einem besonderen Saale serviertes Mahl beschloß diese Zeremonie für den Augenblick. Am Abend fand ein großes Tiner statt, und die Feftgenossen trennten sich sehr spät, ermüdet, aber zufrieden mit dem Vergnügen, das sic' genossen. Wenn die Segenssprüche vor Untergang der Sonne gesungen worden, dailern die Festlichkeiten sieben Tage, vom Tage der Feier selbst an. Aber wenn die Segenssprüche nach Sonnenuntergang gesagt worden, zählen die Festlichkeiten erst vom Tage daraus an, d. h. sie dauern acht Tage anstatt sieben. Im allgemeinen feiern wohlhabende Leute die Hochzeit während acht Tage, und die Armen gehen nicht über das notwendige Maß hinaus, nämlich sieben Tage. A. Kaufmann. Feuilleton. Entgleist! Nachdruck verboten. Eine qalizische Erzählung von Wilhelm Feld mann. Fortsetzung. 7. Oktober. Wer hätte das erwartet? mail offeriert mir im Bureau einen Posten und ich weigere mich, ihil anzunnehznen. Man bietet mir einen Posten aus dein Lande, bei einem Gutsbesitzer, der, wie sich Frau X. ausdrückte, ein „Israelit" ist. Tie Bedingungen sind glänzend, denn man verlangt durchaus eine „geborene Polin," und das muß kein erster bester „Porez" sein, wenn er eine Christin bei sich haben will. Morgen soll ich eine definitive Antwort geben. Ich werde mir's überlegen . . . Aha, Lemberg hat heute mit einer geringfügigen Stimmenmajorität nicht den Grasen, sondern seinen Mitbewerber, einen Professor, als Reichsratsabgeordneten gewühlt. Armer Iankel! . . ." Ui. „Tie Kasse ist geössllet," ries mit donnernder Stimme der Eisenbahn-Portier. Am Bahnhose der Station Podrancze entstand ein Geräusch,' Lärm und Gedränge. Im Momente ivar die Kasse belagert. Tie aus den Wartesälen stürzenden Reisenden drängten sich ungestüm, als fürchteten sie die Kasse könnte geschlossen werden. Mit Reisetaschen, Felleisen, Gepäck und anderen Utensilien in der Hand, stießen sie sich gegenseitig, sich mit dem ganzeil Körper nach vorne schiebend; manche riefen ihre Bekannten und Reisegefährten herbei,^ andere bereiteten Geld für Billeis vor. Ter Ruf, „die Kaffe ift geöffnet!" hatte alle elektrisiert. Sie eilen nicht, um Zeit zu gewinnen, sondern nur so unbewußt, von dem Beispiele der Rachbarn, voll der Lust, ihnen zuvorzukommen, augezogen. Klara war eine der letzteil, ivelche zur Kasse gelangte. Sie kaul spät, weil sie der Portier, wegeil ihres winzigen Felleisens, welches sie in der Hand trug nub mit welchem sie die anderen stören könnte, nicht zulassen wollte. Sie aber konnte ihr Felleisen nicht aufgeben, da Karotka, das Ziel ihrer Reise per Bahn, feine Station, sondern nur eine Haltestelle ivar. Endlich ließ sich das durchdringende Glockensignal vernehmen. Tie Leute eilen und drängen über Hals und Kopf und bei der auf den Perron führenden Thür stoßen zwei Welleil von Reisenden, — die aussteigenden und einsteigeuden aufeinander. Klara befand sich unter deil. letzteren. Sie bestieg etn Koupee dritter*) Klasse. Früher pflegte sie in der zweiten zu fahren, jetzt konnte sie sich diesen Luxus nicht gestatten. Hier befand sie sich plötzlich in einer bunten und geräuschvollen Gesellschaft. Tie für fünf Personen bestimmte Koupeebank faßte manchmal drei, manchmal acht und durchschnittlich sechs. Klara hatte es jetzt schlecht getroffen, wie dies einer unerfahrenen Person gewöhnlich passiert; hätte sie dem Kondukteur „etwas" in die Hand gedrückt, würde er sie in einem für „Damen nnd Richtraucher" bestiiumten Koupee uutergebrncht haben; sie hätte übrigens dort selbst einsteigen können; da sie aber die Einteilung der Waggons nicht kannte, geriet sie unter Männer. Aus einer Bank saß eine Jüdin, in der einen Hand ein aus vollem Halse schreiendes Kind, und in der andern einen vollen Sack und zwei Kiffen haltend. Sie saß in der Ecke und neben ihr einige Juden. Auf der zweiten Bank befand sich eine Gruppe Landleute. Einige rauchten übelriechenden Tabak aus kurzen Pfeifen, die anderen gaffteil zum Feilster hinaus. Klara brachte ihr Felleisen uilter, und stellte sich aus zweite Fenster, ohne ihre Reisegenossen anzuschauen. An ihr Ohr drangen nur ein gemeines Lachen, die Konversation int Jargon, von Zahlen und Rainen durchwirrt, das Schreien des Kindes und das Pfeifen der furchtbaren Lokolltotive. Ta entstand plötzlich ein großer Lärm. Sie wandte sich um; in der Ecke stand ein hoher, weißhaariger Greis mit „Balis" und „Tefilin“ augethan und betete laut mit Feuereifer. Seine Haltung nnb Bewegung gaben den Bauern Anlaß zum Lachen. Sie äfften bem Betenden nach, zupften ihn an den Kleider», er aber achtete auf nichts, schaute sich nichteinmal uin, nnb mit nach oben gerichteten Augen und eitler unbeschreiblichen Begeisterung in der Stimme rezitierte er seine Gebete. In diesem Momente hatte er ein erhabenes Aussehen. In seinem Gesänge erkannte Klara die Worte: „Höre Israel! Ter Ewige unser Gott, ist ein einziges ewiges Wesen!" (Sch'ma.) Tie danebensitzendcn Juden nahmen sich oes Verhöhnten an, worüber ein lauter Wortstreit entstand. Von beiden Leiten ergoß sich solch ein Hagel von Ausrufungen, Invektiven und Spottnamen, daß die erschreckte und empörte Klara sie anrief: „Ich bitte Euch, gute Leute, stellt doch Euer Gezänke ein." — „Run laßt schon still sein, wenn gar das Fräulein bittet," utengte sich die in der Ecke sitzende Jüdin im Tone des Zuredens ein. Die Inden verstummten sofort. „O web, was ist das für ein Fräulein, > das ill der drittelt Klaffe fährt," brummte brutal einer der Bauern,, llnd um die Stimme des Betenden zu übertönen, begailu er ein obszönes Lied zu fingen. Klara stand wie aus glühenden Kohlen. Schantröte übergoß ihr (Besicht, sie war aber machtlos. Ter bfieis unterbrach nicht sein Gebet. Ter *) Eine oievte .sttaffe gicbt es auf den öfter. Bahnen nicht.