Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-26 · 30 (26.7.1895) · p. Seite 480

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
Seite 480 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608781--0625-9608789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 480. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 80. ein machtvollerer Meerslutenwnrt mit herber Umfassung den Heerkamps wollte scheiden, ergrimmt und grauenvoll. Von der Egppter Heeresmenge kam keiner nach Haus, daß er ihr Schicksal sagen dürste, entbieten in den Burgen die böseste der Stunden, der Hochmarte Hinsall den Heldensrauen, sondern die Machtscharen alle verschlang der Meertod, er vergalt ihr Prahlen: sie hatten wider Gott gekämpft." — — Die biblische Geschichte hat hier eine Metamorphose der seltensten Art erlebt; es ist die Metamorphose der kindlichen Aneignung, die sich den Schauplatz der tqu 9eoü iu die eigene germanische Heimat verlegt, um sie inuiger, lebhafter zu vergegenwärtigen. Die biblische Geschichte ist in der Poesie und Sitte edler germanischer Stämme eingekleidet, mit allem Großen und Schönen ausgestattet, was das Herz und Leben dieser Völker zu geben hatte. Was V'lmar von Jesus rühmt, das gilt auch von den biblischen Epen, die sich an Caedmons Namen knüpfen: eine tiefe Befriedigung weht, wie ein warmer Frühlingshauch durch den frischgrünen Wald, durch das Epos hindurch; ein Heimatsgefühl von ivunderbarer Stärke und Innigkeit bewegt das Herz des Sängers und ergreift uns Spätlebende mit unwiderstehlicher Gewalt, wie noch in späten Jahren den Mann die Erinnerung an das längst verlassene Vaterhaus und das Grab der Mutter lebhaft bewegt. Zugleich aber ist eine Fülle der frischesten, regsten Bewegung, der lebendigsten Thatkrast, der stärksten, festesten, ja stolzesten Ueberzeugung durch das ganze Epos ausgegossen, wie sie uns in unserer ganzen Poesie kaum wieder entgegentritt; man sieht es überall, der Sänger steht überall mit seinem Glauben und Wollen mitten in einer großen, durch ernsten, kühnen Sinn, reine Sitte und stolze Haltung ausgezeichneten Volksgemeinschaft, welche die Kraft seines Glaubens und Willens, die ganze Freude an den großen Thaten Gottes teilt. Führwahr, nach dem Vorausgeschickten dürste es unschwer zu eutscheideu sein, wo mehr echte germanische Art liegt: in den in die germanische Volkspoesie übergegangenen Erzählungen der Bibel oder in den neuen Heilslehren der sogenannten „wissenschaftlichen" Antisemiten, und vollends dürfte kaum ein Zweifel darüber obwalten, in wessen Adern edleres germanisches Blut kreist, iu deuen der heldeuhasten Recken Abraham und Mose, wie sie die angelsächsische Dichtung verherrlicht, oder in denen der kleinen und kleinlichen Epigonen der edlen Urgermanen, deren Nationalstolz stch nur in blödem Haß und ekliger Scheelsucht bekundet. 0. W. LMsch-jMsche HochMsgkbriiiichk. 1. I n Ealeutt et. Ealeutta, 22. Juni. Ich will Ihnen von einer jüdischen Hochzeit erzählen, der ich jüngst beiwohnte. Gegen acht Uhr abends begab ich mich zu dem Bräutigam, wo in einem großen, vollkommen erleuchteten Saale sich eine große Menge Menschen versammelt fand, die einen Indier, die andern Ankömmlinge ans Bagdad oder aus anderen Gegenden Arabiens. In einem anstoßenden Zinuner plauderten einige Verwandte, wobei sie die Stookah (indische Pfeife) rauchten. Der Bräutigam, der aus einem mit weißer Leinwand bedeckten Kanapä saß, schwatzte mit einem und dem andern, die Freude im Antlitze, gewiß au seine zukünftige Gefährtin denkend, die für einen Tag noch von ihm getrennt ist. Bei den Tönen einer Mohrentrommel und anderer gebräuchlichen Instrumente, stimmten bezahlte teilte mehr oder weniger dem europäischen Ohre angenehme Gesänge an, die aber die Gesellschaft sehr unterhielten. Dann gaben indische Sänger und Musiker ihre Talente zum Besten, wobei sie die Zuhörer einige Stunden aufmerksam erhielten. Nach einer gewissen Zeit, in diesen sogenannten Genüssen verbracht, reichen die nahen Verwandten des Bräutigams ihm, beim Scheine zweier sechsarmigen Leuchter, den „Meddi-Patta", einen Teig mit Baumblättern gemacht, der die Eigenschaft hat, nachdem er ungefähr eine halbe Stunde aus der rechten Hand gelegen hat, dieser eine rötliche Farbe zu geben, welches die erste Zeremonie der Hochzeit ist. Als die Verwandten diesen Teig auf die Hand legten, die sie mit einem seidenen Tuche, einem Geschenke der Braut, umgaben, ließen sich die Gesänge noch stärker vernehmen, und die Frauen stießen Frendengeschrei ans, indem sie dem Bräutigam Bonbons an den Kops warfen, welcher stch davor zu schützen suchte, um nur nicht geblendet zu werden. Eine ausgezeichnete Auswahl Früchte und Kuchen wurde nach dieser Zeremonie der Gesellschaft gereicht. Daraus begab ich mich in das Haus der Braut, wohin auch der Sitte die Männer sich getvöhnlich an jenem Abend nicht begeben. Bon einer entlegenen Ecke des Saales aus, wo ich mich verhielt, sah ich, in Gegenwart der ganzen Gesellschaft, die Braut, die aus einem gewöhnlichen Sitze Platz genommen, einem großeit brennenden Leuchter gegenüber; sie darf keine Bewegung machen, auch kein Wort sprechen während des ganzen Abends. Eine „Äljali“, eine eingeborene Kammerfrau fächelte ihr zu. Da die Stellung der Braut ermüdend ist, so ist es ihr erlaubt, sich von Zeit zu Zeit in ein benachbartes Zimmer zurückzuziehen, nur sich auszuruhen und ihre gelähmten Glieder zu bewegen. Dort singen oder schreieit vielmehr die Frauen im Eher, wozu sie sich mit der Mohrentrommel und Händegeklatsch begleiten, indem sie von Zeit zu Zeit einen Zug aus der Stookah rauchen, welche sie sich untereinander gern leihen. Von Zeit zu Zeit werden Früchte und Kuchen in der (Gesellschaft herumgereicht. . An jenem Abende dürfen sich die Verlobten iticht sehen, jeder bleibt in seinem Hause. Am Tage daraus findet.die Hochzeit statt. Um vier Uhr ungefähr, vor dem Scheiden des Tages, kommt ein Vorbeter, der die Hochzeiten zu vollziehen hat, in das Haus des Bräutigams, wo eine noch größere Zahl Menschen versammelt t)t, als am Tage vorher. Der Bräutiganl, mit einer Tunika aus schwarzer, mit Gold gestickter Seide bekleidet, mit einem Kaschmirturban von unoerhältnismäßiger Größe und einem ebenso breiten Kaschmirgürtel, hält sich iu der Mitte seiner beiden Brüder, seiner nächsten Verwandten (der Bräutiganl und die Braut waren Waisen). Sie gehen aus dent Hause, von der ganzen Münnergesellschast voran begleitet, beim Scheine zweier großer Kerzen, nach der Wohnung der Braut. Hier findet sich eine zahlreiche Al enge Frauen versammelt, die iu von Gold glänzende Geivänder gekleidet sind. Die Braut, die aus einer Art sehr hohen Fauteuils, der über die ganze Versammlung ragt, sitzt, trägt einen langen roßt Mousselinschleier, mit Gold gestickt, der ihren ganzen Körper bedeckt Wie am Tage vorher, darf sie keine Bewegung machen. Bei der Ankunft des Bräutigams, ließ n;mi ihn zwischen seinen beiden Brüdern. Platz nehmen, seiner Zukünftigen den Nücken zugewendet, und der Vorbctet stimmte die ^egens-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.