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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-26 · 30 (26.7.1895) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
30 (26.7.1895)
Date
1895-07-26
Page
Seite 477 (sequence 5)
Language
German
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30. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 477. Dir privatsriiikiii-t» in Kttliii. Bon Bar Mina». (Schluß). Unaiiflialtfam spielt öno Drama weiter, unaufhaltsam rollt die abwärts sich bewegende Kugel dein Abgrunde zu, und selten, sehr selten ist ein Beamter, der in seinem Berufe keine Glückschnuceu hat, im stände sich in der Decadence wieder auszurasseu. Cr hat in seiner großen Not herausgesunden oder ist von Leidensgefährten aufmerksam gemacht ivorden, daß hier zahlreiche Stiftungen bestehen, die wir nicht auszählen wollen. Nun werden Petitionen geschrieben, und haben sie Erfolg — und dieser fehlt selten; wo hätte jemals ein ivürdiger Familienvater umsonst au die Mildthätigkeit seiner Glaubeusbrüder appelliert!? - so verfällt er gar zu oft dein — Schnorrertum! Hier ist die (Grenze. Dieser hinunter geht es nicht mehr! Zur Ehre unseres Standes dürfen wir 65. f. D. hervorheben, daß viele zwar diese Stiftungen in Anspruch genommen, aber das mühelos erworbene Kapital hat nicht etwa das Verlangen erregt auf diesem Wege weiter zu wandeln. So gütig die Kuratoren gewähren, taktvoll recherchieren undauszahlen. — den „bekoweden" (wir finden hier keinen passenden deutschen Ausdruck) 'Manu drücken diese Almosen nieder und sie erregen eher den Wunsch sich aufzuraffen, als das Verlangen nach einer Wiederholung. Cs vegetieren heute noch eine Anzahl katilinarifcher Cristenzeu hier, auf die mehr oder weniger diese Schilderung zutrisft, und die Kuratoren der verschiedenen Stiftungen, die zugleich Sitz und Stimme in der Verwaltung der Hauptgemeinde haben, werken Die Nichtigkeit bestätigen. — Für alle notleidenden Privatbeamten giebt es nur einen Rat, eine Zuflucht und eine Rettung: hinaus aus Berlin! Cs ist allerdings kein Mangel an Kultusbeamten, aber wer hier einige Jahre „Großstadtluft" geatmet, hat auch etwas gelernt, was ihm und seiner künftigen (Gemeinde zu statten kommt, so daß die (Gemeinde die ihn engagiert, eine solche Wahl nur selten bereut. Es soll nicht geleugnet werden, daß ein solcher Entschluß für den Schwergeplagten keine geringe Ueberwindung kostet, denn Berlin hat bei seinen vielen Schattenseiten auch seinen eigenen Reiz, und wer einmal ein Dezennium hier gelebt hat, dem wird es herzlich schwer, sich in einem kleinen Orte wieder einzubürgern. Der heruntergekommenste Gelehrte, der Dag und Rächt mit den schwersten Sorgen kämpft, findet hier trotzdem eine geistige Befriedigung, und die will ein so glücklicher Idealist nicht entbehren. Hier giebt es königliche und Universitäts-Bibliotheken, die gratis zu benutzen sind, publica et gratis an der Universität, die doch gelegentlich gehört werden, und im Winter die anregendsten Vorträge über viele kulturelle Fragen. Und dann die Kinder! Die Heranwachsenden finden in den jüdischen Gemeindeschulen, die weit über das Niveau der Volksschulen lsinausgehen, die freundlichste Ausnahme; der Vater in betreff des Schulgeldes die weitgehendste Nachsicht, und kann er eine gewisse Scheu überwinden, so erhalten die Kinder zu Chanukka Kleidungsstücke und im Sommer Aufenthalt in den Ferienkolonien. Werden die Kinder größer, so finden sie Lehrlingsftellen init 20—30 Mark Entschädigung pro Monat; die Frau plagt sich weiter, aber der Ernährer spielt eine erbärmliche Rolle. Er verdient als Lehrer an einer Religionsschule etwa so viel, wie sein 14jähriger Knabe als Lehrling. Allerdings giebt es auch für Kultusbeamte Nebenbeschäftigungen, die ihnen über alle geschilderten Sorgen hinweghelfen, aber dieses Fach einzuschlagen wird vielen schwerer, als alle Nahrungssorgen. Wer ein tüchtiger Schadchen ist, braucht hier keine 'Not zu leiden, kann wohl gar Vermögen erwerben. Nicht jeder hat das Zeug dazu „Seelenverkäufer" zu werden, wenn auch das Heiratsvermitteln heute nicht mehr so verächtlich angesehen wird, wie früher. Hat der heruntergekommene Beamte nur nockMn Fünkchen Energie, so sucht er hinauszukommen, und einigen ist dies auch in den letzten Jahren gelungen. Doch so ganz leicht ist es nicht von Berlin aus eine Stelle in einer kleinen Gemeinde zu bekommen. Man sollte meinen, es gehöre nur ein Entschluß dazu und jede Gemeinde müßte mit beiden Händen zugreiseu, wenn sich ihnen ein Berliner Beamter anbietet. Dem ist aber nicht so. Wir haben einige Fälle beobachtet, wo u. a. ein Beancker, der die glänzendsten Zeugnisse auch von Berliner Privatgemeinden hatte, sich an 20, sage zwanzig Stellen, zum Teil nach Gemeinden meldete, die 20—25 Familien zählten, und keine Antwort erhalten. Aus seine Reklamation wurde ihm in mehreren Fällen geantwortet: Die Stelle wäre zwar noch nicht besetzt, aber man bedauere auf seine Bewerbung nicht reflektieren zu können. Der Grund dieser Abweisung ist viel klarer, als es aus den ersten Blick scheinen will. Da meldet sich zu einer Stelle in einer Stadt mit 6000 Einwohnern, nach einer Gemeinde mit 1000 bis 1200 Mark Gesamteinkommen, ein namhafter Berliner Prediger und Schuldirigent, der das Kantorat versehen kann und gute Kabolos einsendet. Was will der Mann bei uns? Seine Fähigkeiten werden nicht bezweifelt, nran vermutet aber einen moralischen Defekt und —weist ihn ab. — Bon dem hier geschilderten Elend, hat in der Provinz kein 'Mensch eine Ahnung. Der Mann, von dem hier die Rede ist, fuhr darauf nach einer Vorstadt, gab dort die Meldungen auf und erhielt jetzt auf jede Meldung nach der angegebenen Adresse eine Berufung zur Probe und er sucht heute in idyllischer Ruhe, die trüben Jahre des Berliner Aufenthalts zu vergessen. * -i- * Wir sind mit der Schilderung der Berliner Privatgemeinden und ihrer Beantten zu Ende und ziehen das ResumS. Wir plaidieren durchaus nicht für die Aushebung der Privatgemeinden, im Gegenteil, wir vlöchten sie erstarken sehen, damit ne eine würdige Stellung inmitten der Großgemeinde einnehmen. Das kann nur geschehen, indem die Hauptgemeinde eine solch hohe Subvention bewilligt, daß erstere ihren Beamten eine Besoldung bewilligen kann, die vor 'Not schützt. Der Vorstand der Hauptgemeinde knüpfe an die Bewilligung jeder Subvention die einzige Bedingung, daß ein Repräsentant aus dieser Körperschaft Sitz und Stimme im Vorstand der Sondergemeinde haben müsse. Wer mit thatet, der mit ratet! Durch diese unmittelbare und unausgesetzte Aussicht wird verhindert, daß mit der Gewährung größerer 'Mittel eine unlautere 'Macht aus die Beamten ausgeübt werde. Gemeinden innerhalb der Stadt mögen weiter vegetieren, bis sie eines Tages ihrent Schicksale verfallen und zu existieren aushöreu. Das ist das Alpha und Omega in unserer Forderung, die den Beifall gut und rechtlich Gesinnter auch aus der Mitte der geschilderten Privatgemeinden gesunden hat, wie uns zahlreiche, an die Redaktion gerichtete Zuschriften beweisen.

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