Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 476 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 476. von Tyrus heutigem Können gegenüber unscheinbar genug sich auSnehmen würde. Wir hatten Rechte erlangt und fühlten uns ermutigt, um Größeres zu kämpfen: um unser Recht. Auf dem Papiere wurde eS uns zu teil. Das war eine preifenSwerte Errungenschaft, auch wenn die Verwirklichung des Rechtes nur mit zögernder Langsamkeit sich vollzog und zuweilen sogar Unterbrechungen erfuhr. Fehlte eS doch nicht an Gegnern, die einen reichen Vorrat an Einwänden wider uns hatten. Soweit diese aus unserer Religion sich herleiteten, sind sie allmählich verstummt; man erkannte endlich an, daß inan vom christlichen Standpunkte aus wider Klugheit und Billigkeit gleichmäßig verstoße, wenn man die Mutter-Religion nicht gelten lasse. Doch es gab reichlichen Ersatz. Der Antisemitismus ist viel ausgiebiger als der Religionshaß. Diesem sich zu entziehen bietet der Religionswechsel wenigstens eine Möglichkeit. Jener ist unentrinnbar, denn aus seinen: semitischen Fell kann niemand hinaus. Nicht die Religion, deren Satzungen zu Tage liegen, die Rasse nmchte man uns zun: Vorwurf. Ihr ließen sich Märchen ohne Zahl nach Bedarf andichten, besser noch als dem Talmud, von dem seine Gegner ebensowenig wissen, wie die Antisemiten von dem Wesen der Rasse. "Nur zur Aushilfe — den Allerdümmsten gegenüber — wurde der Talmud noch herangezogen. Mit den Rasse- Vorwürsen läßt sich schon vor denen operieren, die nicht gar so genau daraus achten, daß bei einem Worte auch ein Begriff sei, und die nur ungern.zugeben würden, daß ihreikl Verständnis ein Begriff nicht einleuchte. * Der Jude, sagen die Raffen-Schnüffler, ist kein Deutscher; er betrachtet einen holländischen und portugiesischen Juden als seinen Landsmann, einen deutschen Christen als einen Fremden; die Juden sind ein abgesondertes Volk, das hier zwar seinen lokalen Wohnsitz hat, aber moralisch und politisch mit seinen über die ganze Erde zerstreuten Brüdern in Gemeinschaft lebt. Haben nicht die französischen Hugenotten England gegen ihre katholischen Könige zu Hilfe gerufen? Haben sich nicht die französischen Katholiken gegen ihren hugenottischen König aus die Spanier gestützt? Ist deshalb jemand der Meinung, daß die französischen Protestanten gegenwärtig den Wunsch hegten, ihrem Glauben mit Hilfe eines deutschen oder englischen Heeres zur Herrschaft zu verhelfen? Gewiß nicht. Und weshalb sind sie nicht mehr wie früher geneigt, die Interessen ihres Vaterlandes den Forderungen ihrer religiösen Ueberzeugung zu opfern? Der Grund liegt aus der Hand: Damals wurden sie verfolgt, und heute läßt man sie gewähren. Es giebt kein Gefühl, das sich in den Gemütern von Menschen, die unter einer erträglich guten Negierung leben, so unfehlbar entwickelte, wie die Vaterlandsliebe. Seit Bestehen der Welt gab es kein Volk und keinen Bruchteil eines Volkes, dem Vaterlandsliebe völlig gefehlt hätte, wenn es nicht grausam unterdrückt wurde. Den Juden geht es in dieser Beziehung genau so, wie es allen religiösen Sekten aller Orten ergangen ist. Sobald sie in einen: Lande nur die Sicherheit des Lebens hatten, erwachte die Vaterlandsliebe in ihnen, und mit selbstlosester Bethätigung des Patriotismus warteten sie nicht, bis sie vollbercchtete Bürger waren. Wer aber die Juden als Fremde behandelt und sie dann schilt, daß sie keine Vaterlandsliebe haben, ist ebenso unverständig wie der Tyrann, der unsere Väter strafte, weil sie ohne Brennmaterial keine Ziegeln machen wollten. Niemandem steht es zu, zu sagen, eine Sekte sei nicht patriotisch. An den Landeseinrichtungen ist es, die Sekte dazu zu machen. Wenn man alle rothaarigen Menschen Europa's Jahrhunderte lang beschirnpst und unterdrückt, aus diesem Orte verbannt, an jenem eingekerkert, ihres Geldes beraubt, aus die schwächsten Anzeichen hin der unwahrscheinlichsten Verbrechen schuldig erkannt, gefoltert, gehängt, lebendig verbrannt hätte; wenn nach Milderung der Sitten die Rothaarigen noch immer beleidigenden Beschränkungen und gerneinen Beschimpfungen ausgesetzt geblieben, in einigen Ländern in besonderen Straßen eingeschlossen, in anderen vom Pöbel mit Steinen verwundet und in's Wasser geworfen, überall aber von Aemtern und Würden ausgeschlossen wären — wie würde es dann mit dem Patriotismus der Rothaarigen stehen? Würde es dam: nicht von den Rothaarigen heißen, daß sie sich selbst kaum als Deutsche betrachten, daß sie sich einem rothaarigen Franzosen oder Engländer näher verbunden halten, als einem Landsnranne mit braunem Haar? Wenn ein fremder Herrscher das rote Haar begünstigt, so würde es heißen, daß sie ihn mehr lieben als ihren angestammten König. Sie mären keine Deutschen, könnten es nicht fein, die Natur habe es ihnen verboten, die Erfahrung lehre, daß es unmöglich sei. Der Jude, so sagen die Antisemiten weiter, will gar nicht in Deutschland bleiben. Er betrachtet sich selbst hier als Gast und wartet auf die Befreiung, die ihn nach Palästina znrücksühren soll. Man gehe nur in die Synagogen und höre dort die Gebete um Rückkehr in das verheißene Land, un: Wiederaufbau des Tempels! Glauben etwa nicht viele Christen an das messianische Reich und beten um seine Errichtung? Sind der Christen, die solchen Glauben haben und solchem Glauben gemäß beten, nicht mehr als Juden im Lande? Sind sie deshalb weniger gute Staatsbürger? Hier ist nichts neues ausgezählt. Alle diese Vorwürfe gegen die Juden hören wir seit vielen Jahrzehnten, und ihre packende Widerlegung ist über sechszig Jahre alt, sie rührt von Thomas Babington Macaulay her. Aber nicht Macaulap hat die Antisemiten überzeugt, die Antisemiten haben über Macaulay den Sieg davongetragen und die Juden selbst auf ihre Seite hinübergezogen! Man gehe in die Synagogen, und man wird wahrnehmen, wie ängstlich dort jeder Hinweis aus Jerusalem und den Tempel verinieden wird, wie sorgfältig er aus den Gebetbüchern ausgemerzt ist! Dian höre unsere sogenannten Liberalen, die unermüdlich versichern: sie seien Deutsche, nichts als Deutsche, jede „nationale Belleitüt" läge ihnen fern, sie wollten nichts wissen vom Messias und von Jerusalem, nichts von: Tempel, und sogar die Rasse stellen sie, die eigenen Züge verleugnend und beschämend, in Abrede! Kein Stein werde aus sie geworfen, denn sie wissen nicht, was sie thun. Sie sagen sich los von Jerusalem, weil sie es nicht kennen! Wir würden kaun: ein Recht haben, ihr Verfahren zu tadeln, wenn sie damit nicht unseren Feinden Waffen in die Hände lieferten. Das dürfen sie nicht und das wollen sie auch nicht. Wie aber sind die Zersprengten wieder zu sammeln? Es giebt kann: ein Mittel, sie den: Judentun: neu zu gewinnen. Das Heranwachsende Geschlecht jedoch muß erhalten, an ihm darf die Sünde nicht erneuert werden, die sich jetzt an uns rächt. Hier thut Unterricht not, der die Augen öffnet für die reichen Schätze Zions, für die unvergängliche Pracht seines Tempels, der uns gehört auch nach seiner Zerstörung, damit nicht blos die Alten, sondern mit gleicher Begeisterung die Jungen rufen: „Vergesse mich meine Rechte, wenn ich dein je vergesse, Jeruschalajim!"