Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 475 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 475. Zu in Ilniittrn A ix. Von M- A. »lausiier. Am kommenden Dienstag begeht die Jndenheit fastend und unter Klageliedern die Erinnerung an den Tag, da der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. In den Synagogen ertönen die wehmütigen Weisen, die Jeremias gedichtet, und die Gesänge, die in späterer Zeit mit Blut und Thränen von einem Märtyrergeschlecht ausgezeichnet worden, das selbst in den eigenen beiden nur des Reiches Untergang beweinte. Ist wirtlich die Erinnerung an ihre Geschichte in der Jndenheit lebendig genug geblieben, um sie in Mitgefühl erzittern zu lassen bei dem Gecenken dessen, was vor langen Jahrhunderten geschehen? Ach, daß diese Frage verneint werden muß! Nur ein Nest weiß von jener Erinnerung, nur ein Nest hat an ihr teil, nur ein "liest iß es, dessen Herz ergriffen wird durch den Tag und seine Weihe. Das Gebet, das in den drei voraufgehenden Wochen, die Andacht abschließend, in besonders beweglicher Melodie gesungen wird und den „Hüter Israels", den „Hüter des Nestes Israels" anruft, enthält in seinem Doppelsinn eine Klage und eine-Anklage zugleich: eine Klage vor dem Hüter Israels und eine Anklage gegen die, deren Abfall oder Gleichgiltigkeit aus Israel einen „Nest Israels" gemacht hat. Ach, daß diese Frage verneint werden muß! An dem Trauertage Israels, da Zion in Schutt siel und in Flammen eines Reiches Symbol aufging, das noch im Sturze sogar den ergrimmten Sieger mit Schauern der Ehrfurcht erfüllte, versammelt sich an den Gebetsstätten nur ein schmaler Rest der großen Gemeinschaft. Die Mehrzahl verharrt draußen, stumm und teilnahmlos gegenüber den Weherufen, die um eine versunkene Herrlichkeit klagen, als wäre sie heute verloren gegangen, als hätten wir ihren Glanz und ihr Erlöschen mit eigenen Angen geschaut, als wäre unser Glück mit ihr dahingegangen. Verständnislos und beinahe unwirsch hört ein neues Geschleckt das Schluchzen, das seit Jahrhunderten ans zerrissener Seele dringt, ein vor Alter schier versteinter Zeuge eines Schmerzes, der nicht versteinen, der nicht sterben kann. Hüter Israels, hüte den Rest Israels! Wie es soweit hat kommen können, ist eines der traurigsten Kapitel in dem tranerreichen Buche unftrer Geschichte: Aus der Befreiung ist uns Unheil erwachsen, durch unsere Schuld ist uns aus dem Fortschritt Verderben entstanden. Das Ghetto hatte uns kräftigenden Geimiusinn eingeimpft. Tie Verfolgung, die niemals aussetzte, die tagtäglich aus engen Raum uns zusammendrängte, hielt uns vor Augen und prägte uns ins Herz, was unseren Sonderbesitz ausmachte, unser Erbteil aus ruhmvoller Vergangenheit, das die trübe Gegenwart zu erhellen und zu erwärmen wußte. Von Ort zu Ort reichte das unsichtbare Band, ein reges, geistiges Leben durchpulste die gauze^ (Gemeinschaft auch in der Zerstreuung. Der äußere Druck stählte uus. Die Widersacherschaft, die wir immer und überall fanden, ließ uns desto höher das Kleinod halten und schätzen, das wir durch aller Zeiten Drang bewahrt hatten. Die Rot hatte uns anspruchslos gemacht, doch die kümmerlichsten Verhältnisse hinderten uns nicht, auf dem verengten Boden unserer Interessen die Früchte aller Kulturarbeit zu häufen. Lichtere Tage brachen an. Die Lehre, deren Apostel wir von je gewesen, die Lehre von den Menschenrechten, die in den Staaten ft'ine Trennung des Bürgers vom Bürger kennen und vor dein Gesetz keinen Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden bestehen lassen, fand Jünger außerhalb Israels, und die Sonne der Gerechtigkeit, die vom Sinai zuerst geschienen, sandte ihre Strahlen allmählich auch in unsere Verbannung. In mächtigen Fluten wogte das Licht der Freiheit zu uns herein, und mit begreiflichein Entzücken badeten wir uns darin, voller Dankbarkeit dafür, daß man uns einen Anteil gönnte an der köstlichen Gabe, die durch uns — wenn auch ohne all unser Verdienst und Würdigkeit — in die Welt gekommen war. Wir durften ohne Zagen um uns blicken, und in der neu erschlossenen Welt fehlte es nicht an Dingen, die unserer Betrachtung würdig waren. Das Gebiet unserer Interessen erweiterte sich, unsere alte Kultur nahm von der jüngeren manchen befruchtenden Keim in sich auf. Zunächst war dies ohne Schaden. Der Zusammenhang blieb bestehen, eine ungeschriebene heilige uud heiligende Ueberlieserung. Ohne Gesetz, doch unter dem unwiderstehlichen Zwang der Sitte hatten wir im Ghetto Einrichtungen geschaffen und erhalten, deren "Nachahmung Jahrhunderte später den Ruhm Preußens ausmachte und zu seiner mächtigen Entfaltung den Grund legte. Wir hatten obligatorischen Unterricht, lange bevor außerhalb der Judenheit dieser Name oder sein Begriff existierte. Bei uns vertrugen sich Kirche, Schule und Haus vortrefflich, denn die Kirche erkannte an, daß die Schule die Hauptsache sei als die Grundlage der Erziehung für das Haus. Wir hatten Hochschulen, zahlreicher als die ganze übrige Weltbund wir erhielten sie ohne Steuern. Unsere Mäzene sorgten dafür. Wem der Erwerb geglückt war, der hielt sich dafür, daß er selbst dem Studium sich nicht hatte widmen können, schadlos, indem er anderen die Möglichkeit des Studiums gewährte. Sehr prächtig waren unsere Müzene nicht, auch durften sie sich nicht kaiserlicher Gunst rühmen, aber in aller "Not und Drangsal schufen sie ein nigustisch Alter für die Wissenschaft im Judentum. Sogar unser „Cheder", das dem lebenden Geschlecht nur in dem Zustande der Verkommenheit noch erinnerlich ist, war eine großartige Leistung, sobald man den richtigen Maßstab bei der Beurteilung anlegt. Der „Melamed" war kein Pestalozzi, sein „Behelfer" war kein Diestermcg; aber besser als die zu Schulmeistern umgewandelten Unteroffiziere Frieddrichs des Großen unterrichteten sie noch immer, und ohne geläuterte pädagogische Kunst und ohne Staatshilfe brachte es das „Cheder" dahin, daß es in Israel keinen Analphabeten gab. Schule und Haus blieben auch in der Zeit der freieren Regsamkeit der Mittelpunkt des geistigen und gemütlichen Lebens. Allmählich jedoch wurden in der Freiheit die alten Formen untauglich. Das war nicht schlimm. Schlimm aber mar, daß die alten Formen nicht ersetzt wurden. Mit den unersetzten Formen ging mehr, weit mehr als etwas Aeußerliches verloren. Die Erinnerung an ihre Bedeutung blieb eine Zeit lang, Pietät bekleidete sie eine fernere Frist mit einem Schimmer, der ihnen Wert verlieh ohne Rücksicht auf den Inhalt; doch das Verständnis für diesen Inhalt schwand, und der unverstandene war bald genugverachtet und verleugnet. Was bedurfte es auch noch des Mittelpunktes Zion, und was sagte einem nach neuen Ziel«: ausschauenden, neuer Ziele sich erfreuenden Geschlecht der Tempel, den erst Nebukadnezar und dann Titus zerstört! Der Tempel in Jerusalem ivar nicht viel mehr als eine Synagoge, und mancher mochte glauben, daß Salomos Prunk und der Kunstgeschmack