Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- Seite 474 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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<£ciU 474 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 80. Mannigfaches fordert hier Mose; er verlangt zum künftigen Führer einen Mann, der über der Gemeinde steht. Glicht die Gelehrsamkeit, nicht die Klugheit und am allerwenigsten der Reichtum sind Kennzeichen rechter Männlichkeit; der Mann bekundet sich in der Thatkraft, in dein festen Willen, in dem Zielbewußtsein; jenes nervöse Hasten und Tasten, jenes lärmhaste Weltgepolter ist ein Zeichen der Unmännlichkeit. Mose begehrt sodann von dem Führer, daß er selbst dem Volke durch gutes Beispiel vorangehe, daß er,etwa nicht die Religion, die er dem Volke als Heilmittel anpreist, für sich für entbehrlich achtet. Das Wort ist ohnmächtig, wenn es nicht voir der That unterstützt wird, die Lehre fördert wenig ohne das Beispiel. Aber der tugendhafte Mann ist noch nicht immer zum Führer berufen; es gicbt eine stille, in sich befriedigte Tugend und Tüchtigkeit, die hoher Ehren wert ist, aber es fehlt die Kraft, die anderen mit sortzureißen, aus die Rebeumenschen bestinnnend zu wirken. Mose erbittet einen Führer, der nicht nur vorangeht, sondern der durch einen energischen Willen die Widerwilligen treibt, die Trägen belebt, die Feigen ernmtigt, der zu befehlen versteht, der Gehorsam verlangt und erzwingt. Indes noch fehlt das wichtigste, damit der Führer dem Volke zum Segen werde; es muß ein Hirt sein, wie Mose sagt: nyn cr6, der zur Herde paßt, dem das Volk willig folgt. Der Herrscher darf kein Tyrann, die Gehorchenden keine Sklaven sein. Mose nennt Gott den „Gott der Geister in allem Sterblichen". Ter Midrasch sagt: „Wie die Blätter im Walde jedes eigenartig geformt ist, keines dem andern völlig gleicht, wie jedes Menschenantlitz ein besonderes Gepräge hat, so sind auch die Seelen verschieden", so hat jeder eine besondere Geistesrichtung und Gemütsstimmung; wie kann es der Befehlende allen recht machen, wie kann er die anderen, wie können sie ihn ertragen, da er doch nicht allen gemäß sein kann? Dies ist das Geheimnis der Volkstümlichkeit. Es gicbt in engen und weiten Kreisen Persönlichkeiten, die rasch die Herzen gewinnen, deren Befehlen die Menge sich willig und freudig beugt, trotz der Mannigfaltigkeit der Ueberzeugungen und Neigungen. Hat das Israel der Gegenwart solche anerkannte Führer, denen unser Lerz gehört? Wir wüßten in allen zivilisierten Ländern kaum einen Juden zu nennen, der, mit Mose zu reden, ein “T;n bv „ein Mann über der Gemeinde" ist. Wir haben keine überragenden Talente und Charaktere; so nmncher ausgezeichnete Mann ist in den letzten Jahren aus unferer Mitte geschieden, und die Lücke, die der Tod gerissen hat, ist nicht ausgefüllt worden. Denken wir an das Nächste: Seitdem den Juden der Eintritt in die deutsche Volksvertretung eröffnet ist, waren Männer jüdischen Stammes und jüdischen Glaubens Zierden dieser Körperschaften; nur der gegenwärtige Reichstag enthält keinen hervorragenden Israeliten. Die Aussicht in die Zukunft ist trüb und wolkenschwer, doppelt trüb, weil sie noch vor wenig Jahren so hell und klar gewesen ist. Der Einzelne kann diese Wolken nicht bannen; aber wir sollen des Wortes eingedenk sein: „Nicht dir liegt es ob, die Arbeit zu vollenden, aber du darfst dich nicht völlig von ihr lossagen." Thue jeder von uns an seiner Stelle seine Pflicht, indem er die Hoffnung hegt und pflegt aus bessere Zeiten und doch auch sich und die Seinen aus schlimme Zeiten vorbereitet, indem er Treue übt gegen das Vaterland, gegen die Glaubensgemeinschaft und gegen jeden einzelnen, mit dem er in Verkehr tritt. Die Liebe entwaffnet und überwindet den Haß. So soll der unverdiente Haß unser Herz nicht verhärten. Diese drei Trauerwochen erinnern an Israels Leiden, aber sie mahnen auch an Israels Siege und Triumphe, an jenen Hüter unseres Volkes, der nicht schläft noch schlummert. Jw neunte Jflw unter Ferdinand und Isabella von Spanien Wieder ist der SchreckenSmond erschienen, Ter zweimal Jerusalems Rninen Und der Inden gramdnrchfnrchte Mienen Oft gesehen hat, der Monat Aw?) Der verhängnisvolle Tag ist's wieder, Von Granadas gold'nen -bügeln nieder Wallt der Gram und weinen Trauerlieder, Wandern Inden wieder ins Exil. Aus dem Land, „wo schön die Ströme klingen, Mhrrlstndüfte selbst den Staub dnrchdringeu, lind die Lüfte kühn den Geist beschwingen", Wie der Dichter Ton Iehnda sang. Zieh'n vom Boden, wo den Pflug sie führten, Wenn Gefahr gedroht, die Schwerter rührten, Knnstgeübt, des Wissens Ilammcn schürten, Mit dem Brudervolk von Ismacl. Von Ludwig August Krankl. Als die Väter ins Exil einst zogen Wie auf Blumen Than vom HimmelSbogcn, Gottgesendet kam der Trost geflogen, Leichter atmete des Volkes Herz. Wo ertönen jetzt Prophetenznngen? Wo die Helden, die das Schwert geschwungen, Stimmen, die einst himmelher geklungen? Alle Offenbarung ist verstummt. Ach sie zieh'u, den I-luch nur zum Gefährten, Männern funkeln Thränen in den Bärten, Und mit Blninen der verlass'ncn Gärten Ist geschmückt der Iranen dunkles Haar, Blumen, daß sie welk noch mahnen sollen An der Heimat liebgeword'ne Schollen; tyreise ziehen mit den Thorarollen, Pergament'ner I-ahncu stumm voran. „Sonne, leuchte uns'rem Pfad nicht nieder, O verstummt, verstummt nicht, Trauerlieder' Welches Land nimmt die Vertrieb'nen wieder, Die von Gott Verlass'nen, Müoen auf? Ach, wo ist die Ruh' für dein gejagtes, Armes Volk, selbst um ein Grab verzagt es, Wo ist Gott?" So singt cs, und so klagt eS Durchs Gebirge, bis an das blaue Meer. Könntet ihr im Buch der Zukunft lesen, Von dem Grame wärst ihr bald genesen: Seht, es zieh'n des kühnen Genuesen Schiffe eben in das fremde M,eer. Ueberkommt die Herzen nicht ein Ahnen? Jenseits über allen Oceanen Glänzt ein Land, entrollt der Freiheit Jahne», Gold'ne Pforten thut es gastlich auf! Und den Schiffen, die die Enkel tragen, Wird voran die Fcuerfäule ragen -- Laßt das Weinen, laßt das lange Zagen, Ihnen wird ein neues Kanaan! Entspricht dem 2. August .1492, an welchem Kolombo eine neue Welt zu entdecken auszog.