Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 30 (26.7.1895)
- Date
- 1895-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Do. 30. Jatirgang iv. Herausgeber: A. Levin, ZSerkin. llgemerne Yertin, 26. Juki 1805. Hefchurrur. Bezugspreis: vierletjährr. 2 Mir. für das Erscheint an jedem Arcitag. Bezugspreis Anstand: Mir. 2,50. Zn beziehen durch die Post unsere Expeditionen und den Buchhandel Redaktion und Verlag: vir *Kamburgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 2» Sf,, nehmen alle^Annoneen-Lrpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Julialt: Gl den Traiierwoche». Der nennte Aw. Von L. A. Frankl. Zum Hcnntcn Aw. Von Di. A. Klausner. Tic Privatgenieinden in Berlin. Xl. Bon Bar Minan. Konferenz amerikanischer Ncsorinrabbiner. Tie Urgermanen nnd das Alke Testament. Eroiisch-jüdiiche Eochzeirsgebränche. l. Entgleist! Bon Wilhelm Jeldinann. Wochenchronik. Üalender. — Brief- »■ ivragekasten. --- Anzeigen. In tmi Traiitmachr». Cro ist eines der trübsten Lose, die einem Sterblichen werden können, wenn er in jungen Jahren in Glanz und Glück gelebt bat und wenn dann am Abend seines Lebens sein Stern erbleicht nnd Sorge und Kummer sein Dasein umschattet. Es erregt unser tiefstes Mitleid, wenn wir von einem Fürsten lesen, der Reich und Krone eingebüßt hat nnd beklagen diesen Mann, auch wenn er nach dem Verlust der Krone viel Schätze seiii eigen nennt; denn Millionen Geldes können ihn nicht trösten über die verlorene Macht und Ehre. Leichter erträgt der Mensch Mangel nnd Entbehrung in den Dagen der Jugend, und wenn in späteren Jahren ihm. kein besseres Schicksal zuteil nnrd, so ist das zwar schmerzlich, aber die gewohnte Last drückt kaum die Schulter wund; jedoch bitterweh thut der Mangel, wenn jemand von Kindheit an an allen seinen Genüssen sich laben durste, wenn einer alles gute gekannt und sich daran gewöhnt hat, und nun plötzlich entsagen soll. ^olch einem vom Throne gestürzten Fürsten, solch einem Manne, dem nach fröhlicher Jugendzeit im Alter bitteres Herzeleid zngesügt wird, gleicht das Israel der Gegenwart, und wenn wir in diesen Wochen an Israels thränenreiche Geschichte erinnert werden, so erscheinen uns die Prüfungen, mit denen unser Zeitalter uns heimsucht oder uns bedroht, fast noch härter, als alle Rot der Väter, weil wir lange Zeit in dein Wahne uns wiegten, die Äera der Verfolgungen sei für Israel dauernd vorüber. Welchen Wandel haben wir erlebt! Die Gleichberechtigung der Inden im Leben des Staates war zwar vor mehreren Jahrzehnten noch, nicht gesetzlich anerkannt, aber das ganze Volk trat ein für unser Recht, ein Judenfeind war fast dein Gelächter und der Verachtung preisgegeben; wenn freisinnige Männer die Forderungen des Volkes ausfprachen, so. 'tand in oberster Reihe das Recht der Inden; als zum ersttn Male in unserem engern Vaterlande eine Volksvertretung berufen wurde, , da wurden die herrlichsten Reden, Reden von wahrhaft klassischem Gepräge zu Gunsten der Juden gehalten; der israelitische Jüngling, der als Student in die Hörfüle der Wissenschaft trat, wurde mit offenen Armen von seinen Kameraden empfangen, seine Schwächen wurden geschont, seine Vorzüge wurden anerkannt, seine Religion wurde mit keiner unpassenden Redewendung angelastet; die studierende deutsche Jugend setzte eine Ehre daran, das alte Vorurteil zu überwinden. Nicht, daß wir damals ganz das alte Ghettoelend los geworden wären, aber wie der Genesene sich der wiederkehrenden Gesundheit um so inniger freut, weil er noch ein schwaches Nachweh von der Krankheit verspürt, so genossen wir Juden mit um so klarerem Bewußtsein den Segen des Anschlusses an das deutsche Bürgertum, weil einige Spuren der früheren Barbarei zurückgeblieben waren. Dann kam die Zeit, wo die Forderung des Volkes von der Regierung ausgenommen wurde und die Gleichberechtigung der Juden wie ein Selbstverständliches ohne Kamps Gesetz wuroe. Und nun ist heute alles anders worden. Mit dem Augenblick, wo das jüdische Kind aus dem Elternhaus in die Schule, auf die Straße geschickt wird, beginnt an vielen deutschen Orten die Erniedrigung; das Kind wird erzogen, jedem Menschen die Bruderhand zu reichen, aber diese Hand wird schon von den Schulkindern zurückgestoßen, und vollends die studierende Jugend schließt unsere Glaubensgenossen aus, empfindet eine Luft darin, Inden und Judentum zu verletzen. Diese Feindseligkeit hat sich von deutschem Boden über einen großen Teil der zivilisierten Welt ausgebreitet, dieses unheimliche Feuer wächst von' Tag zu Tage, und bisher haben alle Versuche, es zu löschen, die Flammen nur heftiger entfacht. Die drei Trauerwochen vom 17. Tammus bis znm 9. Aw, welche Israel feit vielen Jahrhunderten ernsten Erwägungen über die Leiden unserer Gemeinschaft gewidmet hat, sind mehr als je zeitgemäß geworden. Wie tief ist das Wort des Dichters: „Nichts ist zarter als Vergangenheit, Rühre sie an wie glühend Eisen, Und sie wird dir sogleich beweisen. Du lebest auch in heißer Zeit/' Wir haben glühende Feinde und laue Freunde, und sind selbst schwach, lärmhast, führerlos und bieten tausend Blößen. Mose betete, als er sein Ende nahe fühlte: „Es entbiete der Ewige, der Gott der Geister in allem Sterblichen, einen Mann über die Gemeinde, der vor ihr ein- und ansziehe, und der sie heraus- und wieder heimsührt und die Gemeine Gottes soll nicht wie eine Herde sein ohne den Hüter, der ihr ziemt."