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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-19 · 29 (19.7.1895) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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Seite 462. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 29. hatten, zerstörten dort die großen Vorräte an Getreide und Lebensmitteln, steckten die Arsenale in Brand und mordeten und plünderten, wo sie nur konnten. Vespasian, der von allen diesen Vorgängen die genaueste Kunde hatte, blieb trotz des Drängens seiner Unterseldherrn ruhig in Galiläa; die gegenseitige blinde Vernichtnngswnt der Inden mar die beste Vorarbeit für seine beabsichtigte Thätigkeit zum rechten Zeitpunkte. Dazu kam noch, daß zu Rom selbst gewaltige Unruhen ausgebrochen waren und das ganze Regierungssystem sich geändert hatte. Der blutgierige Nero war gestürzt worden, und ihm waren in kurzer Zeit drei neue Kaiser, Galba, Otho und Vitelius gefolgt, welche sämtlich, so wie sie schnell durch ihre Legionen -erwählt worden waren, schnell nacheinander durch das Schwert fielen. Die Häupter des syrischen und ägyptischen Heeres erhoben nun ihren Oberfeldherrn, Vespasian, und somit das flavische Haus auf den damaligen Weltthron. Der neugewählte Kaiser reiste daher nach Rom, und fein Sohn Titus erhielt den Oberbefehl in Judäa. Titus, raschen Gemütes, weniger besonnen und ruhig als sein Vater, führte alsbald, in Begleitung des Tiberius Alexander aus Aegypten, eines Abkömmlings von Juden, feine wohlgerüstete Macht dicht vor die Thore Jerusalems. Die Stadt befand sich in einer schrecklichen Lage, ähnlich derjenigen, welche Jeremias bei der ersten Zerstörung Jerusalems in seinen Klageliedern so herzzerreißend schildert. Zur Zerrüttung durch die inneren Streitigkeiten kam nämlich der schrecklichste Mangel an Lebensmitteln, bereit ungeheurer Vorrat durch die fteteit Kämpfe ein Raub der Flammen geworden war. Die heldenmütig sich verteidigenden Juden sollten nun gegen zwei unerbittliche Feinde zu kämpfen haben, nach außen gegen das Schwert, nach innen gegen den Hunger, welcher entsetzliche Zustand dadurch ins Unendliche noch gesteigert wurde, daß gerade Titus zur Zeit des Peßachfestes vor Jerusalem gezogen war, wo, des Opferns halber, eine ungeheure Maste von Landvolk sich in der Stadt aufhielt, dessen Zahl vom Geschichtschreiber Taeitus auf ungefähr 600 000 Seelen angegeben wird. Unt uns nun einen Begriff von der ungeheuren Aufgabe zu machen, welche Titus gestellt war, wollen wir eine kurze Schilderung der Befestigung Jerusalems zur damaligen Zeit hier folgen lasten. Die ilrgmiinnni uiib das Alte Waiiieut. Unter den in verschiedener Gewandung sich zeigenden antisemitischen Parteien ist die widerlichste Spielart jene des sogenannten ivissenschastlichen Antisemitismus, wie ihn ein Dühring und Wahrmud geschaffen. In der Pose eines unparteiischen Gelehrten versuchten es jene großen Apostel des Racenhasses, ebenso ivie die dii minorum gentium das semitische Wesen als ein dem germanischen (leiste ganz fremdes, zersetzendes Element darzustellen. Da wird das ganze Alte Testament mit feinen ehrwürdigen Patriarchen in den Kot gezerrt und in scheinbar logischer Konsequenz auch gegen das aus dieses aufgebaute Reue Testament losgezogen. Die Erbpächter des Germanentums führen mit angeblich sachlichen, wissenschaftlichen Waffen einen erbitterten Krieg gegen den eingedrungenen semitischen Geist. Doch nur wollen einmal sehen, ob nicht die erhabenen Gestalten des Alten TestameneS das Erbbürgerrecht unter den Germanen erlangt, ob sie nicht schon den alten Germanen als Fleisch von ihrem Fleische erschienen. Wir wollen einmal die alttestamentlichen (Gestalten betrachten, wie sie uns in den angelsächsischen, 100 Jahre vor der christlichen Zeit entstandenen Epen des Eaedmon (geftim I. 690) entgegentreten, der die Genesis, den Exodus und das Buch Daniel episch bearbeitet hat und dies in so kraftvoller, volkstümlicher, heldengeistig germanischer Art, daß diesen einfachen und gewaltigen Zeugnissen von der Aneignung der Thatsachen biblischer Geschichte andere schwerlich zur Seite gesetzt werden können. Im folgenden feien jene rein gerinanischen Gestalten Abrahams und Mosis auszugsweise vorgeführt, wie sie in den genannten Epen erscheinen: I. Abraham 1. Abraham's Herkunft. ES wuchs weithin jedcrhand die Magschaft*) Sem's, bis in dieser Kiemagschaft auskam ein finneskluger Held, auf Sitte haltend. Zwei freie Kinder wurden dein Edeling in der Verwandtschaft nach dem Bilde des menschlichen Organismus. Babylonia geboren, herztüchtige Helden, Abraham und Haran. Diesen Edeldiugeu war Freund und Führer der Fürst der Engel. Deni Haran war ein Abköntmling geboren, lieblich in dein Leben, Loth war sein Raine. Die Helden waren dem Herren wert, Abraham und Loth, unverwerflich gemäß dem Adel der Aelteren, weshalb sie weithin noch verherrlichen der Heldeit Kinder. Da war der Zeitpunkt nun gekommen, daß Abraham sich eine Ehefrau brachte, ein Weib zur Heimat, ivo er Wohnung hatte, freigeboren und lieblich, Sarah geheißen. Abraham und Sarah walteten der Winter viele, den Schatz zusammen in Sippe haltend durch der Jahre Menge. Doch brachte ihm das wonnigschöne Weib keinen Erbwart an diese Welt, weder Sohn noch Tochter. Der Vater Abraham's ging daraus mit seiner Freundschaft über's Volk der Ehaldäer, zu suchen der Kanaanäer Land. Seine nächsten Magsrennde, die Erkorenen Gottes, folgten nach dorthin von ihres Erbsitzes Boden, Abraham und Loth. Doch in Haran wählten Heimat sich die adelguten Edelingskinder samt ihren Weibern. An diesem Wohnsitze gab auf sein Leben der Vater Abraham's; der wahrseste Held hatte 205 Winter gezählt. 2. Abraham's Berufung. Da sprach der eivigliche König zu Abraham: Mach ans die Fahrt Dich nun mit Deiner fahrenden Habe und Deinen Heerden allen! Haran gieb ans des Vaters Erlyitzstnhl! Du, der Männer liebster, höre meinen Worten und suche das Land, das ich Dir allgrün zeigen werde zu Deinem Gebrauch, die breiten Fluren. Du sollst in meinem Schutz gesegnet leben, jedem der Dich befehdet, will ich den Fluch ansetzen und Gemütes Haß, lang dauernden Zorn; Gnade aber verleihe ich, Wunschgüter und Wohlstand allen, die Dich wert halte,:. Durch Dich, den einen, sollen alle Erdbewohner haben, die Volkskinder Fried und Freundschaft und ineinen Segen und Gnade in dieser Welt Wachsend soll Die Mannzahl Deiner Magschaft werden, bis daß die Erbe mit Deinen Abkömmlingen gefüllt , verde. 9. Erneuerte Verheißung. Dem Abraham erschien darauf vor Augen wieder ber Himmel Hochkönig, der mit heiliger Stimme lröiteuff sprach: „Gar groß ist Tein Lohn, laß Dein Gemüt, bas fromme, *) Verwandtschaft; die Germanen benannten die einzelnen Grade

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