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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-19 · 29 (19.7.1895) · p. Seite 461

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
29 (19.7.1895)
Date
1895-07-19
Page
Seite 461 (sequence 5)
Language
German
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Ta. 29. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 401. Jahrelang vorher waren die Juden durch das schändliche Treiben und die furchtbaren Erpressungen vou^seiten der röinischen Statthalter, besonders eines Felir. FeltuS und FlornS, erbittert ansgebracht worden; jahrelang gührte es schon, besonders in den jüngeren (Gemütern; Rachedurst strebte nach Ansständen, welche letzteren sich auch hie und da schon gezeigt hatten; und vielleicht wurden die Inden, wenigstens ans eine Zeitlang, siegreich ans dem Kampfe hervorgegangen sein, wenn sie nicht in ihrer eigenen Hauptstadt durch das Unheil und den betrübenden Eifer der Parteien sich selbst geschwächt und zerfleischt hätten. Es bestanden nämlich damals zu Jerusalem zwei Hauptparteien, welche wieder in sich zerklüftet waren; ans der einen Seite standen die Reichen und Vornehmen, die, weil es so der „Ton" war, und sie allenfalls auch materiellen Vorteil zu erzielen hofften, größtenteils römisch gesinnt waren; auf der anderen Seite stand das jüngere Geschlecht, vorzüglich die Angehörigen der ärmeren Klasse, welche, von fanatischen .Lehrern begeistert, sich an ihrem guten Rechte nichts wollten schmälern lassen, und durchaus drängten, zu den Waffen zu greisen. Diese (Revolntions-> Partei, welche auch die der Eiferer (Parizirn) Zeloten genannt wurde, hatte entschieden die größere Macht, besonders da sie im Volke Wurzel faßte; die Stifter derselben, Juda aus Galiläa und Zabok, hatten schon in früheren Zeiten, von Römerhaß erfüllt, stets das Volk aufgeregt uud zum Aufruhr gestachelt; ihr bewegender Gedanke war, die alte republikanische Theokratie wieder zu schaffen; da Gott allein der Herrscher Judäas sein könne, so sei es gegen die göttlichen Gesetze gesrevelt, den römischen Herrschern Gehorsam zu leisten. Jetzt nun, kurz vor dein eigentlichen Ausbruche des Empörungskrieges, wo die Anarchie zu Jerusalem ihren Gipfelpunkt erreicht hatte, standen die Zeloten - unter sich wiederum in zwei Faktionen geteilt, die „jerusalemitische" unter Eleasar ben Simon unt> Simon ben Jair, und die „galiläische" unter Johannes v. Gischala, den (Gemäßigten schroff gegenüber. Da fehlte es natürlich nicht an Streit und Wortwechsel, der bald in blutige Kämpfe ausartete. Die Zeloten, unter sich uneinig und um den Oberbefehl kämpfend, hatten noch gegen die andere sehr mächtige Partei, die der Vornehmen und Priester, sich zu wehren. Diese Gemäßigten ordneten sich zu förmlichen Treffen in der Stadt gegen die Zeloten, welche wohl gegen diesen gemeinsauren Feind oft sich vereinigten, die Einigkeit jedoch bald ivieder fahren ließen. Es kam zu beständigen wütenden Straßenkämpfeu; Blut war in Strömen selbst an der Schwelle beS Tempels geflossen. Alle Bande d.s gesellschaftlichen Lebens, der Freundschaft und Familie waren gelöst; Bruder kämpfte gegen Bruder, Freund gegen Freund. Man belagerte sich gegenseitig von den verschiedenen Hügeln und Erhöhungen der Stadt aus, welche durch ihr unebenes Terrain, durch die Teilung in Thäler und Berge, erhöhte und niedere Lage, gleichsanr einen Kompler von Festungen ausmachte. - Diese Kämpfe wiederholten sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche heftig und immer heftiger. ‘ Solche innere Zerrissenheit in der Hauptstadt, auf welche sich das übrige Land stützte, war das sicherste Vorzeichen zum baldigen gänzlichen Untergänge des Staates. Rero aber, jener schreckliche Wüterich, der damals Rom regierte, zitterte bei der Rachricht von dem Ausstande der Inden. Er sah die Tragweite der Ereignisse zu Jerusalem wohl voraus, daß, wenn die Juden sich befreiten, auch andere asiatische Völker mit in den Kreis der Freiheitsbegeisterung gerissen iverdeir rvürden. Darum schickte er seinen besten Feldherrn, mit einem Truppenkörper von über ^0 000 Mann, nach Judäa, den Titus Flavins Vespasiauus, den nachmaligen Kaiser von Rom. Vespasian war sich seiner ungeheuren Ausgabe bewußt; er hatte gegen ein Volk ins Feld zu ziehen, welches durch das Rachegefühl aufgestachelt, für die Erhaltung seiner Landesfreiheit, als notwendigen Mittels zur Aufrechterhaltung seiner Religion auf Tod und Leben kämpfte. Die Zwistigkeiten zu Jerusalem kamen daher dem erfahrenen Feldherrn sehr zu statten. Vespasian verhielt sich ruhig in seinen Winterquartieren, sich hütend, die erhitzten, rache- und blutgierigen Freiheitsschwärmer plötzlich in ihrer Hauptstadt anzugreifen; lieber wartete er die Zeit ab, wo die Parteien in Jerusalem sich selbst aufgerieben uud das ganze Staatswesen zu Grunde gerichtet hätten. Als nun das Frühjahr herangenaht war, wo die römischen Soldaten aus den Winterquartieren ins Feld zu ziehen pflegten, begann wohl Vespasian seinen Feldzug in Judäa, auf Jerusalem jedoch loszugehen, hielt er immer noch für nicht geeignet, indem er einerseits die Parteien sich selbst noch weiter nufreiben lassen wollte, anderseits auch für seinen Feldherrnruhm fürchtete, wenn er jene festeste der asiatischen Städte nicht bald würde einnehmen können. Auch waren in den übrigen kleineren Städten Judäas vereinzelte Aufstände entstanden, die der tüchtige Kriegsmann nach und nach zu Boden schlagen wollte, uru alsdann mit erhöhter moralischer Kraft, seiner selbst und seiner Krieger, auf die isolierte Gottesstadt losziehen zu können. — Leider hatten die Juden keinen kriegstüchtigen Feldherrn, welcher ihre zerstreuten Haufen gesaurmelt hätte, um, alle Kräfte auf einen Punkt sammelnd, die Römer mit einem zahlreichen todesmutigen Heere anzugreifen. Wie auch konnte bei solcher Zersplitterung, bei solcher traurigen Parteisucht, selbst bei dem größten aufopferndsten Akute Einigkeit und Sieg erlangt werden V Vespasian eroberte Festung um Festung. Tausende fielen unter den Streichen der blutgierigen, rohen römischen Soldaten. Zuerst wurde Galiläa unterworfen; die heldenmütig sich verteidigende Festung Jotapat, wohin sich der berühmte Geschichtschreiber Josephus, der nachmals zu den Römern überging, mit seinem 'tapferen Häuflein zurückgezogen hatte, fiel unter der Macht der römischen Belngerungsgeschoffe, deren unwiderstehliche Gewalt bald auch vor den Akaueru der Hauptstadt erprobt werden sollte. Bald fiel auch die Seestadt Joppe in die Hand der Feinde, und nicht lauge dauerte es, so folgten auch Gamala, der Berg Tabor, Gischala, Hebron, Jannia, Gadara und Gerafa. Die Einwohner wurden getötet oder in schmähliche Sklaverei abgeführt. Obgleich durch zahllose Flüchtlinge, welche Jerusalem überschwemmten, genugsam bekannt war, daß Vespasian ganz Galiläa und Peräa in Besitz genommen hatte und die siegestrunkenen römischen Legionen sich immer mehr der Hauptstadt näherten, so geschah doch gar nichts, um solche Gefahr abzuhalten; denn nicht einmal in so kritischer Lage versöhnten sich die Parteien. Eine wahre Schreckensherrschaft, wie sie einst Rom unter Sulla gesehen hatte, war jetzt zu Jerusalem an der Tagesordnung; die um das Volk verdientesten Männer wurden durch die Wut der siegreichen Zeloten getötet, die sich auf dem Tempelberge mit Türmen und Mauerwerk gegen die anderen Parteien verschanzt batten. Ein ungeheurer Schwarm von Diebs- und Akordgeflndel, Leute, die nicht aus Liebe zuur Vaterlande, sondern aus reiner Raubsucht, um sich die Verwirrung zu Rutzen zu machen, in die Stadt sich gezogen

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