Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 452 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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eite 452. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. Antisemiten waren aus Anlaß dieses .Konkurses auct) einmütig über a l l e Juden hergefallen und machten diese verantwortlich für die Schuld und die Schulden ihres großherzigen russischen Bruders. A'un melden aber ruh'. Blätter, daß die Firma Günzburg, wieder zu Kräften gekommen, mit ihren Gläubigern nachträglich abgerechnet, und zwar so, daß letztere nicht nur ihr Guthaben, sondern auch noech 4 % Zinsen für rie ganze Zeit seit der Zahlungseinstellung der Firma erhalten haben. Die Kosten der Administration, die eine sehr beträchtliche Summe ausmachen, hat Baron Günzburg aus eigenem beltritten. Wie gefällt nuferen geehrten Gegnern diese „jüdische GeschäftSpraris?" — Bekanntlich haben die im Kaukasus lebenden Juden, deren Ausweisung verfügt wurde, an das Ministerium des Innern ein Gesuch um Aufschub der Ausweisungstermine gerichtet. Diesem Gesuche wurde auch stattgegebcn. Der Chef des kaukasischen Gebietes, General»! ajor Scheremetjew, hat inzwischen an das Ministerium des Innern ein Mentorandum gerichtet, in welchem die Belassung der Juden in ihren bisherigen Wohnorten im Interesse'der christlichen Bevölkerung des Kaukasus dringend empfohlen wurde. Das Memorandum beruft sich aus zahlreiche Bittschriften und Petitionen angesehener christlicher Kaufleute aus allen Teilen des Kaukasus, welche für die Zurückziehung der Ausweisungsordre warm eintreten mit der Begründung, daß die Ausweisung der Juden aus dem Kaukasus eine wirtschaftliche und finanzielle Krise herbeiführen würde. Auch bestätigt General Scheremetjew selbst, daß die Ausweisung unerwünschte Berwicklungen nach sich ziehen müßte. Infolge dessen hat nun das Ministerium des Innern den Beschluß gefaßt, die gegen die Juden im Kaukasus erlassene Austv e i s u u g S o r d r e z u r ü ck z u z i e h c n. * Die amerikanische Jüdin (The American Jewess). Es giebt drei Menschheitstypen, die sich besonders durch eine große Liebe zum Fortschritt auszeichneu: die moderne Frau, der Amerikaner und der Jude; und wenn diese drei Typen in einem Individuum vereinigt sind, wie in der modernen amerikanischen Jüdin, müßten sie den unternehmendsten Pionier aus Gottes weiter Erde Hervorbringen. Und augenblicklich thun sie es auch. „Die amerikanische Jüdin" hat jetzt ihren Namen einer in Chicago erscheinenden neuen Monatsschrift geliehen, die nach unserer Ueberzeugung bestimmt ist, das künftige litterarische Organ des Judentums in den Bereinigten Staaten zu werden, des Judentums, wie es von Frauen und - vielleicht auch von Männern verstanden und gedeutet wird. Die uns vorliegende erste Nummer dieses Organs verspricht in der einleitenden Ankündigung, mehr Wunderdinge zu vollsühren, als die Schulweisheit eines europäischen Zeitungs- Nedakteurs sich träumen läßt. Der Herausgeber erklärt, daß sein Blatt ein Bindeglied zwischen den zerstreut lebenden Juden Amerikas sein will, daß es ein Mittel sein will zur Konzentration der Arbeiten ihrer Wohlthätigkeitüinstitute, daß es alle auch von nicht jüdischen Frauen der ganzen Welt gethanen Großthaten besprechen, wirtschaftliche Probleme lösen, die Ansprüche des Judentums auf religiöse Gleichstellung mit anderen Glaubensgenossenschasten und die der jüdischen Frauen aus politische Gleichstellung mit jüdischen Männern fördert» will; und schließlich tvill dnS Blatt auch noch zur Abschaffung der Kastenuttd Klassenunterschiede beitragen. Selbst eine amerikanische Jüdin kann kaum mehr versprechen, und da sie das ist, was sie ist, darf sie kaum weniger versprechen. Aber was bat sie geleistete Obschon es unbillig ist, ein Blatt nach seiner ersten Nummer zu beurteilen, sind wir in diesem Falle doch genötigt, unbillig zu handeln, da uns eben nur die eine Nummer zur Beurteilung vorliegt; und wir müssen bekennen: das Blatt hält nicht das, was es verspricht und bereitete uns deshalb einen leichten Verdruß. Der Herausgeber hat Gutes geleistet, aber nicht Außerordentliches. Die Seiten sind voll von guten Ideen, doch die Ideen sind schlecht ausgedrückt. Aber obwohl wir von den litterarischen Verdiensten des Verfassers nicht viel halten, obwohl mir viele der ausgesprochenen Ansichten nicht teilen - fo die schrullenhafte Ansicht, daß die Amerikanerinnen auch Rabbiner werden müßten, wie sie Aerzte, Rechtsanwälte oder Bürgermeister werden —, müssen wir doch zugeben, daß das bloße Erscheinen des Blattes beweist, wie eifrig die zerstreut lebenden Juden der Vereinigten Staaten nach Zusammenhang streben. Ein Artikel besonders, der die Nationalversammlung jüdischer Frauen bespricht, könnte uns noch viel lehren über die Organisation milder Stiftungen und könnte gar viele gute Antriebe zur Lösung philanthropischer Ausgaben in anderen Gemeinden liefern. Obwohl die hohen Ausgaben des Blattes schwerlich verwirklicht werden dürften, wird es doch wahrscheinlich unter seinen Lesern eine gewisse Einheit der Zwecke und Vorsätze befördern und vielleicht auch indirekt unter den Jüdinnen Europas Gemeinsinu wecken. I. C. * In Argentinen sind während des Jahres 1894 folgende russisch-jüdische Ansiedelungen neu entstanden: Bielio (mit 50 Familien», Sonnenseld (50 Familien», Reu Satz Chava und San-Vineenta (zusammen 120 Fatnilien) Primern de Macha <50 Fatnilien» Baron Ginzburg <40 Familien», Basobilbaso <50 Familien» und Feinberg (50 Familien». Die von den Kolonisten selbst den Ansiedelungen beigelegten Namen, wie Feinberg, Baron Ginzburg te. haben jedoch noch keine behördliche Bestätigung erhalten, so daß sie offiziell noch die alten Namen (San Gregorio ’c.l, führen. Diese neuen Ansiedelungen sind sämtlich in der Provinz Entre-Rios gelegen und umfassen gegenwärtig insgesamt 410 Familien mit 8250 Seelen. Vor kurzem sind in der älteren Kolonie MoseSville weitere 41 Familien aus Rushani (Gouv. Grodno» angesiedelt worden. In der 'Nähe der obengenannten neuen Kolonien besitzt die Adininiftration noch beöeutende Bodenkon.plere und ist gegenwärtig damit beschäftigt, für die im Juni zu erwartenden 180 Familien atts dein Gouv. Grodno (der größere Teil derselben hat sich, wie berichtet wurde, vor kurzem in Libau eingeschiist» Wohnhäuser zu erbauen. Geplant ist die Gründung von folgenden Ansiedlungen: Alt- Klara (57 Familien», Ren-Klara (40 Familien», Ehrongo (20 Familien», Clturado ,22 Fatnilien», Sogastume «88 Familien». Die Gesamtzahl der jüdischen Ackerbauer in Argentinien wird sodann 1210 Familien mit 7700 Seelen betragen, von denen 700 Familien in den Jahren 1891 2 auf eigene Kosten nach Argeittittien eingewandert, der Rest in den Jahren 1894 von der Baroic Hirsch-Stiftung dorthin befördert und angesiedelt tvorden sind. Innere Angelegenheiten. * Berliner Nachrichten. Unsere Gemeindevertretung ist in die Ferien gegangen, und Ruhe und Frieden breiten ihre Fittige über den Sitzungssaal des^ Repräsentantenkollegiums, als tvürde dort gerade eine Sitzung abgehalten. Der Vorstand hat sich in seinem Moniteur mit einer guten Zensur in die Ferien entlassen, indem er einige