Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 451 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 451. bieterisch verlangt. Seit 85 Jahren arbeitet bie^Alliance“ auf die rechtliche Gleichstellung der Jsrealiten hin; sie ruft für diese Sache die öffentliche Meinung an; sie interveniert bei den Regierungen, um Ungerechtigkeiten und Gewaltakte anzuzeigen, deren Opfer Juden sind. Ueberhaupt allerorten, wo ein Jsrealit wegen seiner Eigenschaft als solcher leidet, bemüht sie sich, ihm zu Hilfe zu kommen. Ganz besonders läßt sie sich es aber angelegen sein, die ruch- und bodenlose, dumme Ritualmordsanklage gründlich zu widerlegen, und die ungarischen Israeliten haben gewiff die Umstände in Andenken behalten, da die „Avance4' die größten Opfer nicht gescheut hat, um die Wahrheit cm den Tag zn bringen und die gehässigen Anklagen verstummen zu machen." Zu diesem Zwecke fordert schließlich das Zirkular die Judengemeinden aus, einen jährlichen Beitrag von 12 fl. an die Zentrale zu entrichten, desgleichen zu veranlassen, daß „jeder der Wohlthätigkeitsvereine, die in Ihrer Gemeinde bestehen, zum gemeinnützigen Wirken der „Alliauce“ durch eine jährliche Gabe beisteuern möchte", und endlich, daß ein Lokalkomite gegründet werde, das sich zum Ziel steckt, Propaganda zu machen und Vereinsmitglieder zu fanuneln. *i-. Aus Frankreich. Der Präsident der französischen Republik erteilte kürzlich dem Grand-Rabbin und dem jüd. Konsistorium zu Bordeaux eine Audienz. In seiner Ansprache an Mr. Faure betonte der Grand-Rabbin bie ungerechten Beschuldigungen, die gegen die Juden erhoben wurden, fügte jedoch hinzu, daß dieselben keine große Unruhe darüber empfänden, da sie der treuen Wahrung der Prinzipien der Revolution von 1790 von seiten der Volks¬ und Landesvertreter sicher wären. Wenn auch für kurze Zeit Erbitterung über diese Ungerechtigkeit bei den Juden Platz gegriffen hätte, mußten doch die alt-loyalen Anschauungen sofort zurückkehren im Gedanken an die Unparteilichkeit und Güte, mit welcher sich Air Faure über die Juden Odessa's und der Krim gelegentlich seiner Reisen dort ausdrückte. Präsident Faure erwiderte: „Ich danke Ihnen, Herr Grand- Rabbin, für die Versicherungen und Wünsche, die' Sie mir überbrachten. Sie haben allen Grund beruhigt zu sein; die Regierung wird immer von Gleichheitsgesühl und Gerechtigkeit für alle ihre Bürger beseelt sein. In angenehmer Weise erinnerten Sie mich an meine Reisen. Während meiner Anwesenheit in der Krim hatte ich Gelegenheit die karaitischen Juden kennen zu lernen, und ich kann ihren Fleiß, ihre Intelligenz und Uneigennützigkeit jedermann bezeugen." — Etwa 800 antisemitische Studenten in Paris zogen am -l>- Juni zur Straßburg-Stalue, bewarfen sie mit Bouquets und machten daun einen Gänsemarsch über die Boulevards. Sie manifestierten dann vor der Redaktion der „Libre Parole.*4 Drumont erschien aus dem Balkon und versuchte eine Ansprache^ zu halten, aber die Polizei machte einen heftigen Vorstoß und zerstreute die Manifestanten, die sich im Laufschritt unter dem Ruse: „Rieder mit den Juden!" ins Quartier latin zurückzogen. — Die Pariser antisemitischen Studentenkrawalle, bie vor kurzer Zeit dort stattsanden, haben nunmehr vor dem Zuchtpolizeigericht ihre Sühne gesunden. Unter andern wurde ein Studierender der Rechtswissenschaft namens Eampan als Haupträdelsführer wegen thätlicher Widersetzlichkeit mit acht Tagen Gefängnis bestraft, allerdings unter Anwendung der lex Berenger, die vorläufig die Vollziehung der Strafe aushebt. Der Verurteilte verdankte diese Milde einein Einpsehlungsschreihen der Gattin des Generals Dodds, das vor Gericht verlesen wurde und interessante Mitteilungen über die Familie des jungen Radauhelden enthielt. Derselbe ist der Sohn eines früheren französischen Konsuls auf Madagaskar, der eine Schwester der Königin geheiratet hatte und, wie es scheint, später aus Betreiben der regierenden Schwägerin ermordet wurde. — Allerdings eine feine Familie! Aus Rußland. In einem Jnterfilet haben wir neulich nachgewiesen, daß die aus der Fleischtaxe (sogenannten „Krobka") erzielten Beträge, entgegen der ausdrücklichen Bestimntung, nicht für spezifisch-jüdische, sondern für allgemeine Zwecke verwendet werden. Der „Woschod" liefert nun einige neue Beispiele für dieses ungesetzliche Verfahren. Rach dem Berichte dieses Blattes werden aus dem Ertrage der Fleischtaxe auf Verfügung des Gouverneurs in Wolhynien die Feuerlöschanstalten unterhalten resp. begründet, in anderen Provinzen, die mit "Namen ausgeführt sind, Abzugskanäle angelegt, Pflasterungen vorgenommen, Schulen errichtet, die nur 50/0 Juden aufnehmen re. — Aus dem Rechenschaftsbericht der Odessa er Stadtverwaltung über die Einnahmen und Ausgaben der dortigen jüdischen Gemeinde im Jahre 1894 ersehen wir, daß die Fleischsteuer dort 220.600 Rubel einbringt. Diese Summe wird auch, bis aus einen kleinen Rest verausgabt. Unter den Ausgaben für speziell „jüdische Zwecke" finden wir folgende kuriose Posten: 19.312 Rubel zur Verstärkung der dortigen Polizei (die damit beschäftigt ist, die ausländischen Juden auszuweisen!!) und 2400 Rubel für die Kanzlei des Stadthauptmanns! — Das offiziöse Organ „Warschawskij Dnjewnik" hat seit dem Tode seines Herausgebers aufgehört, die Juden im Weichselgebiete um jeden Preis zu verleumden. Es finden sich jetzt in demselben sogar Artikel zur Abwehr antisemitischer Angriffe. In einer der letzten Nununern trat dieses halbamtliche Blatt sehr entschieden der antisemitischen Behauptung entgegen, als ob die jüdischen Kaufleute nicht gewissenhaft wären: „Die Juden hätten den ganzen Handel im Gebiete an sich gerissen, man müsse also die christlichen Kaufleute unterstützen, denn die Ehristen wären gewissenhafter als die Juden — dieses Liedchen stimmen die hiesigen Antisemitenblütter und Judenfeinde seit Jahren an. Aber leider wäre es, wenn der Handel in den Händen der hiesigen Christen läge, für den Käufer unmöglich, zu existieren. Die Thatsachen liegen aus der Hand. An jedem Sonnabend, an jedem jüdischen Feiertage steigen die Preise auf alle Produkte in sehr fühlbarer Weise. Sogar der Brotpreis erfährt eine Erhöhung uni eine Kopeke per Pfund . . . und je länger die jüdischen Feiertage währen, desto teuerer werden alle Lebensmittel. Was würde also geschehen, wenn die Ehristen ohne jüdische Konkurrenz dastünden? Dann . . . . dann würden Christen beit Käufern die Haut abschinden. Rein, die Juden sind im Handel viel gewissenhafter." — Wird irgend ein Antisemitenblatt so ehrlich sein, diese Aeußerungen des „Warschawskij Dnjewnik" zur Kenntnis seiner Leser zu bringen? Das Gouvernement Minsk zählt ca. 2 Millionen Einwohner, darunter rund 362.000 (18,8 Proz.) Juden.' — Außerordentliches Aufsehen erregte vor etwa drei Jahren der Konkurs der Weltfirma Günzburg in Petersburg. Baron G. ist der russische Bleichröder, nun mit dem einzigen Unterschiede, daß er ein tieferes Empfinden zeigt für das Wohl und Weh seiner Glaubensgemeinschaft als feine deutschen und französischen Brüder in Merkur. Die