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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-12 · 28 (12.7.1895) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 450 (sequence 10)
Language
German
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Seite 450 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Rr. 28. keuutnis besessen, wenn ich damals gewußt hatte, daß nur die Gleißuerei und die Gewandtheit Geltung haben, daß das Vorurteil von ewiger Dauer und nur die blinde Macht und das Geld herrschen; hatte ich damals die Triebfedern gekannt, welche die Welt, seine Verhältnisse und Anforderungen regieren, — ich würde ohne Zweifel eine solche Dummheit nicht begangen haben! Wenn auch mit Mühe, immerhin konnte ich mich dock von der Krankheit heilen, die ich aus dem Konflikt und der Lektüre davongetragen habe — früher oder später würde ich meine Schwärmerei und Uebertreibung abgestreift, das Leben nüchtern aufgefaßt haben, — ich würde es anfgefaßt haben, wie es ist, und nicht wie es laut dem Rezepte einiger braver Exzentrischer fein sollte, und mir der Zeit hätte ich wieder den norinalen Weg betreten. Aber jetzt ist es zu spät -- zu spät! UebrigeuS habe ich noch nicht alles versucht, noch nicht alles erschöpft . . . Was mit mir weiter geschehen wird'( Ich will nicht daran denken. . . ich fürchte . . . (Fortsetzung folgt.) Wochen-Shronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Tpäte Erkenntnis. Daß im Greife Kolberg-Köslin der der Gruppe Rickert zugehörige freisinnige Kandidat gegen seinen konservativen Mitbewerber mit Hilfe der Sozialisten und —- Antisemiten gewählt wurde, wifseu unsere Leser; daß die Partei Ahlwardt dem Siege zujubelt — „aus Haß gegen Haman mehr denn aus Liebe für Mordechai" — wissen unsere Leser nicht, und darunt sei hier von der Thatsache Notiz genommen. In hochkonservativen und verwandten Kreisen hat dieser Ausgang besonderen Eindruck gemacht. Das Stöcker'sche „Volk" läßt sich in einer Betrachtung über die Wahl zu dem Geständnisse herbei, daß die Bedeutung der Aufnahme der Judenfrage in das Parteiprogramm vielfach überschätzt wurde, und der „Reichsbote" äußert sich in einem „Memento!" überfchriebenen Artikel: „Wenn c* io wrtgehl, wie jetzt, dann gebt alles ans dem Leim: die Agitation zersetzt alles, namentlich alles, woraus die konservative Partei gebaut ist. lind wenn die konservative Partei sich ans den Wettlans in demagogischer Agitation mit den radikalen Parteien einlasscn tvolltc, so wäre sie erst recht verloren. Nichts ist deshalb siir die konservative Partei schlimmer, als wenn sie sich ans nnersiillbare Forderungen einließe." — Mit dem seligen Freiherrn von Hammerslein inöchte man jetzt fragen: Woßu war der ganze Tivoli-Rummel nötigt * Fritz Ncuter und die Juden. Unter diesem Titel ist in einem antisemitischen Verlage in Dresden ein Schristchen erschienen, das in der gegnerischen Leipziger Zeitung wie folgt angezeigt wird: „Tie Schrift reklamiert Fritz Renter nicht als praktischen Antisemiten — dazu sei sein Leben lang zuviel Liberalismus in dem allen Burschenschafter gewesen —, aber sic vernicht nachzuweisen, daß das Auge des großen plattdeutschen Dichters die Eigenart des Inden, die Gegensätzlichkeit und llnverschmelzbarkeit deutschen und jüdischen Wesens scharf beobachtet und klar erkannt habe. Für Nenter hatte der Jude offenbar großes künstlerisches Interesse. Bon den etwa 50 „Läuschcn" haben nicht weniger als IN jüdische Ehnrakterköpse zum Mittelpunkt der Erzählung, lind aus dem bekanntesten seiner Werke, der „Stromtid", bleiben die ^Figuren des alten Mv'es und seines hoffnungsvollen Sproffeit David jedem Leser in der Erinnerung." Der Kritiker des Leipziger Blattes scheint die „StromtitJ u: r vom Hörensagen zu kennen, es inüßte ihm sonst bekannt sein, daß Reuter den Händler Moses als edelmütigen, hilfsbereiten Mann gezeichnet hat. Seinem „hoffnungsvollen Sprossen David" hat der Dichter einen echten Arier, Pomnchelskopp, gegenübergestellt, aus dem man zwei Dutzend „Davids" schneiden könnte. Endlich ist auch der „Held" der Erzählung, Arel von Rambow, kein Heiliger; hochmütig und leichtsinnig, erst zum Wechselfornmlar und dann zur Pistole greifen, bis ein zurückgesetzter treuer Diener ihm in den Arm fällt und ein oft benutzter gutmütiger Jude, der fein Leben lang mit e i n ein Hosenträger sich beholfen, für „Herrn Lieutenant" aber Tausende übrig hat, ihm unter die Arme greift, — das mag schneidig-junkerlich sein, mustergiltig und nachahmenswert ist dies nicht. Es ist wahr, Reuter kannte die Eigenart der Juden, er kannte aber auch die der Junker. Ob wohl diese mit den Schilderungen Reuters so zufrieden sein dürfen, wie jene? Rur einen: krankhaften antisemitischen Hirn konnte der Versuch, Reuter zum Halbanti zu stempeln, entspringen. * „Ein Vorurteilsfreier". Im Frankfurter „(Generalanzeiger" fand sich dieser Tage folgendes niedliche Inserat: „Ein Edelmann ans altem, vornehmen Geschlecht, 82 Jahre alt, Offizier, doch ohne Vermögen, sucht sich mit einer vermögenden Dame im Alter von 20 80 Jahren, die beabsichtigt, eine gesellschaftliche Position zn erhallen, zu verheiraten. I ü d i s ch e Damen, da meist geistig bedeutend, welche bereit sind, sich taufen zu lassen, bevorzugt! Diskretion ans Ehrenwort! Vermittelung verbeten. (Gefällige Nachricht nebst Bild vertrauensvoll möglichst bald unter Baron 5t. n. s. w." Hierzu bemerkt die „Volkszeituug": „Dergleichen für die „edelsten" Kämpfer für Religion, Sitte und Ordnung so außerordentlich charakteristische Heiratsgesuche sind so zahlreich wie der Saud am Meer. Auf einige der ordinärsten von ihnen haben wir bereits früher aufmerksam gemacht. Reu an dem oben mitgeteilten ist die feine Schmeichelei, die der ehe- und geldbedürftige Junker den jüdischen Damen macht. Freilich, sein Heiratsgesuch ist anonym. Im Kasino spielt er sich ohne Zweifel als wütenden Antisemiten auf. Das ist eben echt antisemitisch!" — Daß durch dieses schamlose Inserat den Kreisen, an die es sich wendet, eine Schmach angethan wird, wollen wir gar nicht erst betonen, da uns sonst das nämliche demokratische Blatt als „verbohrte Talmudorthodoxe" die sich nicht „assimilieren" wollen, an den „Pranger stellen" würde. * Die Ä. I. U. wendet sich an unsere Glaubensgenossen in Ungarn mit einem Allfruf, den wir im Auszuge wiedergeben: „Das ungarische Judentum steht im Begriffe, völlige Rechtsgleichbeit mit den anderen Konfessionen zu erhalten. Eine erleuchtete Regierung, gestützt auf die öffentliche Meinung des Landes, wird die jüdische Religion durch den Staat anerkennen lassen und so der jahrhundertelangen Periode von Ausnahmegesetzen, die unserer Rechtsungleichheit die rechte Weihe gaben, ein Ende machen. Die ungarischen Israeliten dürfen darüber aber nicht vergessen, daß ihre Brüder in vielen Ländern sich noch unter einem niederdrückenden Regiement finden, das ihrer geistigen Entwicklung Fesseln an legt, ihren Thätigkeitstrieb und ihren Sinn für Initiative gewaltsam erstickt. Aber selbst in zivilisierten Ländern erfordert der Kampf gegen den Antisemitismus energische Anstrengungen und gemeinsames Zusammenwirken. Unter dem Banner'der Menschlichkeit ist man auf verschiedenen Seiten in rührigster Thütigkeit, um den Juden die Ausübung der Schechita zu verbieten. Das ist eine Frage, die ebenfalls die Aufmerksamkeit des Judentums ge-

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