Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 449 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 28. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 449. und Schmach. Ich glaube nicht an die Moralität, welche man den Bindern einredet, um für die eigenen Thaten eine Schntzwand und für die Leichtgläubigen ein Netz zn Hatzen. Da6 ist eine Lüge. Tie Erde verschlingt nicht die Missettzäter, der Himmel bestraft tu' nicht und die Elemente vernichten sie nicht, jeder ist sein freier Herr, läßt sich vom Gutdünken und freien Willen leiten, ohne Rücksicht ans die Schreckbilder, von deren Einfluß ich mich emanzipiere. . . . 27. September. Wenn der dumpfe Zorn, ivelcher heute in mir wütete, sich nach außen äußern könnte, dann hätte er die niederträchtige Marschallin zermalmt nnd vernichtet. Ich sah sie heute bei der Iesuitenkirche nnd näherte mich ihr mit Widerwillen, aber ich mußte es thnn; sie hat die Pflicht mich zn retten, sie hat mich in den höllischen Abgrund gestoßen, in welchen! ich innner tiefer sinke . . Ich ging auf sie zn, hinter ihr ging ein Lakai, ein kleines Miffcn und ein Gebetbuch nachtragend. Ich muß schrecklich anssehen, wie könnte sie mir sonst ein Almosen anbieten, mir, die ich meine zehn gesunden Finger nnd eine Menschenwürde habe, ein Almosen . . . Als ich mich ihr in Erinnerung brachte, ihr meine Lage schilderte, lächelte sie nnd erwiderte: ,,Es muß aus Dir schon ein sehr verdorbenes Mädchen geworden fein, wenn Tn so schamlos bist, solche Geschichten zu erdichten, um mir ekn reicheres Almosen abzufoppen." Ich habe alles genau behalten — sie sprach langsam — und jedes Wort durchbohrte mich, wie ein Spieß. Gott, Gott, daß ich es aus der Straße aushallen konnte, daß ich nicht meinem Schmerze, der mich sticht nnd brennt, die Zügel schießen ließ. Ach, warum bin ich so elend, warum konnnen alle Stürme über mich, bin ich denn die schlechteste auf der Welt? 'Niederträchtige, Infame! Schmach ihr, dieser personifizierten „Moralität"! 28. September. Ich sah sie heute zum zweiten Male — jn der Bank. Ich versetzte das Kreuz, welches ich am Tage meines „zivilen" Todes bekommen hatte; das Armband hat schon längst der Pfandleiher verschlungen. Ich stand im Bureau, wartend bis ich an die Reihe kommen werde! — da blicke ich um mich — sie spricht mit dem, vor ihr bis zur Erde sich verbeugenden Kassierer. Sie blickte mich mit den Augen einer Natter an nnd zischte: „Ich habe es erwartet, daß der heilige Glaube Tein jüdisches Herz nicht treffen werde, Tu schacherst schon mit Heiligtümern, wie Deine Vorfahren." So sprach ne, augenscheinlich hat sie mich heute schon erkannt, und ich hob nicht meine Augen zu ihr empor. Was sollte ich beginnen? Weiß sie denn, was Elend, Hunger, was ein Vegetieren in den Tag hinein sei! Tiefe Viper, diese niederträchtige Evangelisiin! 29. September. Seisi einer Woche hat sich meiner solch eine Unlust und Unbeholsenheit bemächtigt, daß ich manchmal ganze Tage aus dein ausgeriebenen -Lopha leblos, gedankenlos hinstarrend daliege, keiner Bewegung, keiner Ueberlegung fähig. Ich hin wie zerschlagen, entkräftet, vorn Leben entkräftet/ Ich zähle liebzehn ^atzre wann bin ich jung gewesen? Wann war ich ein naives, gliickliches .Lind? Wann' habe ich des Lebens Süßigkeit, Tust, Ruhe und Zufriedenheit gekostet . . .? Bernucht^sei die Person, verflucht der Gegenstand, der mich zuerst zum Teukeu erweckte, meinen Frieden trübte nnd die Grundlage meiner Zukunft zerstörte. Man zeigte mir in der Ferne ein Lichten, welches man ein Ideal, die Verkörperung der Wahrheit,, des Guten und des Schönen nannte, und ich'sollte es erhaschen, für inich erobern und auch andere mit den Strahlen beteilen; mit Hirngespinsten, Jugend und Dummheit ausgerüstet, jagte ich Gespenstern nach, schlug mich durch Dornen und Disteln, gab alle Annehmlichkeiten und Verbindungen, die mir das Leben sichern könnten und welche ich als Ballast betrachtete, aus und verbrannte hinter mir die Brücke, uni einer tsika morgana nachzujagen. Und ich litt und zerstörte selbst des Lebens Samen und Blüten — für die Ideale! Wozu und wofür? Ideale! Ideale! ich dummes, leichtgläubiges Mädchen! Ich lebe — um zu leben; das Leben hat seine Basis, seine Zukunft in meinem Organismus; die Entwicklung des Organismus ist von den materiellen Existenzbedingungen abhängig; die letzteren beherrschen also das Leben, man darf sie darum nie außer Acht lassen, man muß sich ihrer mit allen Mitteln versichern, insofern sie uns keinen uninittelbaren Schaden zusügen . . Da man sonst der Gefahr ausgesetzt ist, den Grund unter den Füßen zu verlieren. Das ist eine Lebenswahrheit, durch verschiedene Theorien und sentimental-theologische Tendenzen getrübt und gefälscht, — ich habe an sie nicht gedacht, und darum muß ich jetzt schwer büßen. Meine physischen Kräfte find ganz normal, ich bin geschwächt und ansgeregt, ein Nebel verschleiert mir die Augen, das Gehirn ist mir versteinert, und in der Brust fühle ich einen unaussprechlichen Schmerz. Wozu lebe ich auf der Welt? Was wird mir der morgige Tag bringen? Ich sehe nichts vor mir. Im Herzen ist's leer, in der Tasche ebenfalls — ein wahres Elend. Wenn mir doch jemand ein neues Ideal: — einen guten Posten aufsteigen lassen möchte! 1. Oktober. Was für Bewegung jetzt in der Stadt herrscht! Ein neues Leben ist erblüht! Das ehrliche Leinberg ist für gewöhnlich ein schläfriges Städtchen; in den Straßen hört man nur die Fiaker und Straßenverkäuferinnen; in den Zeitungen sind Marktschreier und Schaukelbänke für erwachsene Kinder, und jetzt herrscht plötzlich in den Zeitungsblättern und in den Straßen ein heftiges Drängen. Das sind die Wahlen! Ich lese täglich die Zeitung, denn was habe ich sonst zu thun? Ich beschäftige mich damit, um wenigstens auf diese Weise das Gefühl und die brennenden Gedanken zu betäuben. Also es finden Wahlen fürs Parlament statt. In: Namen Gottes und des Vaterlandes fordern die Zeitungen aus, für irgend einen Grafen zu stimmen, der ein zukünftiger Erlöser des Landes und der Menschheit sein soll. Was für Zusammenhang existiert zwischen dem Lande und der Menschheit? Heute ist jeder fiir sich selbst; an sich zu denken und für sich alles zn erstreben, das ist praktisch und bequem . . . Meine Fonds verduften aus der Tasche und im Kopse wird's wüst. 'Wenn ich jetzt zu irgend einer Handarbeit fähig wäre, möchte ich sie ergreifen, um mir so meine Existenz einigermaßen zu sichern; aber meine Eltern haben mich zu einem gelehrten Fräulein, zn einer großen Dame erzogen.. . Ich werde zu den Eltern nicht znrückkehren, nein, aus keinen Fall, sie — sie waren vielleicht keine schlechten Menschen, sie haben in ihrem Kreise dasselbe gethan, wie alle anderen; sie äußere Form ist nur anders, die der Sache an sich ist dieselbe; aber ich selbst habe unlängst all die Bande, die uns vereinten, gewaltsam durchschnitten. Dem Vater habe ich ohne Zweifel einen großen Schmerz bereitet; vielleicht ist er von demselben schon geheilt, — desto schlimmer für mich; ich iveiß ja sehr gut, daß ich in den Augen der Eltern unwiderruflich verloren bin. Wenn ich vor einem Jahre tneine gegenwärtige Welta-