Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 448 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 448. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. ruugszüge des Islam, daß die unter Muhammedanern bezw. muhammedanischem Einfluß zerstreut lebenden Juden die arabische Sprache sich aneigneten, während sie un christlichen Abland, wo die Litteratur damals darniederlag. Hebräisch weiterschrieben, für den Umgang aber sich der Landessprache bedienten. Bei den Sephardim (so benannt nach Obadja 20, wo eine Gegend, nach welcher die Exilierten gebracht wurden, Sepharad genannt ist, worunter die Rabbiner im Mittelalter konventionell die Pyrenäische Halbinsel verstanden) ist vorzugsweise die spanische, bei den Aschkenasim (so benannt nach Aschkenas [1. Moses 10, 3], welcher Ausdruck nach der jüdischen Ueberlieserung die Germanen, bei späteren Rabbinen die Deutschen im heutigen Sinne bezeichnet) die deutsche Sprache zur Geltung gekommen. Aus der bunten Zusammenwürfelung hebräischer Ausdrücke für Gegenstände des religiösen, bürgerlichen und häuslichen Lebens mit deutschen Worten und Flexionssormen ist jener eigentümliche Jargon hervorgegangen, den man als „Judendeutsch" bezeichnet. Als eine besondere Eigentümlichkeit der Juden werden auch die Namen derselben ausgefaßt. Dieselben sind zum Teil altjüdischen, bezw. alttestamentlichen Ursprungs, zum Teil von den Völkern, unter denen die Juden zerstreut leben, entlehnt, zum Teil auch durch Regierungsmaßregeln denselben aufgezwungen. In Frankreich wurde durch Dekret Napoleons vom 1808 den Juden die Annahme beständiger Familiennamen bei Strafe der Landesverweisung anbefohlen. In Preußen wurde durch Edikt vom 11. März 1812 die Staatsbürgergualität der Juden von der Annahme fester Familiennamen abhängig gemacht. In Galizien wurden unter Joses 11. durch Militürkommissionen den Juden Familiennamen ausgezwungen, die zum Teil sehr grotesker oder unsauberer Art sind; doch bedienen sich dort die orthodoxen Juden derselben im Verkehr untereinander noch heute nicht, sondern halten (wie im Trient noch immer) an dem alten Brauche fest, uach welchem jedes Individuum sich blos mit dem eigenen Vornamen und dem des Vaters benennt. Feuilleton. Entgleist! Nachdruck verboten. Eine galizische Erzählung von Wilhelm Feld mann. Zweites Buch. Aus Klara'S Tagebuch. Lemberg, den 24. September. Ich bin ganz allein, einsam und arm aus der weiten, uferlosen Steppe. Tede, weite Räume und eine bestürzende Stille umgeben und erfüllen mich mit Angst; soweit das Auge reicht, kein einziger Baum, wohin ich mich flüchten könnte, um im Schatten auszuruhen; kein einziger Duell, der mich erfrischte und erquickte; weder Pflanze noch Leitstern; eine Steppe, eine furchtbare, unermeßliche Steppe. Ein trockener, scharfer Sand bettet sich unter meinen nackten Füßen; steife Disteln und stachliges Gestrüpp vertreten mir immer mehr den Weg, reichen bis znm Halse und verwunden schmerzlich. In der Ferne hörte ich manchmal das entsetzliche Heulen der Raubtiere der Steppe; manchmal duscht hart an mir ein .gedankenloses Tierchen scheu vorüber; im Innern müssen ohne Zweifel viel raubgierige Wesen hausen — und ich, ohne Führer einsam Irrende, gehe vielleicht nach dieser Seite! Und unterdessen ist die Sonne mit ihrem weißen Lichte und ihrer wonnigen Wärme schon lange entschwunden Jetzt verliert sich auch der Nebel, der mir doch einigermaßen gestattete, den Raum zu durchdringen und mich zu orientieren; bald wird die schwarze, undurchdringliche Nacht allmählich ihre Herrschaft antreten, die Finsternis wird mich rings, wie die Wellen eines Flusses, umgeben — was werde ich beginnen, mein Gott, was werde ich beginnen! 25. September. Wie drückt sich doch der Hotelkellner aus: „zu hunderttausend! ja richtig, zu hunderttausend'Teufeln", was ich doch für eine romantische Jdealistin bin! Es ist mir so schwer, so traurig zu Mute; und gestern hat es mir so arg zugesetzt, daß ich so ins Schreiben geriet. Jetzt möchte ich darüber gar lachen, aber das Lachen erstarrt aus den Lippeu, denn das Herz ist fchmerzerfüllt. Gestern sah ich in der Stadt von der Ferne Paulinchen, ein stattliches, blühendes Fräulein. Mein liebes Kousinchen trug eine moderne Garderobe und der Herr Moses begleitete sie mit Ehie. Ein eleganter Kavalier — ohne Zweifel, nur ich Duinmkopf wußte ihn nicht zu würdigen - - mit einem Operngucker bewaffnet, begleitete er seine Dame ins Theater und sie standen so hart nebeneinander, sprachen so vertraut und laut, daß mich dies sonderbar berührte. Was für ein Verhältnis -kann sie doch nur vereinen? -- Ich ging ihnen aus dem Wege — aber unnötig. Das Kousinchen Hütte sich wahrscheinlich einem arm gekleideten Mädchen, mit magerein Gesichte und von solch einem schlechten Ruse — wie ich, nicht genähert. Ich kehrte in mein Zimmerchen zurück und der Kellner überreichte mir die Wochenrechnung — für einen Monat bereits habe ich nicht bezahlt. Ich sitze hier also schon 5 Wochen, fünf lange schmerzliche Wochen — wieviel schwarze Lebensbilder habe ich während dieser Zeit gesehen und was habe ich Einsame, hoffnungslos in die Zukunft Schauende, gelitten und nachgedacht! Ich hatte schon nicht womit den Kellner zu bezahlerr — zu hunderttausend . . .! 20. September. Vielleicht zum zwanzigsten Male war ich heute im Bureau, aber es ist gar kein vakanter Posten da. Wie ein Automat bewege ich mich hier von meinem Quartier ins Bureau und zurück; ich gehe sonst nirgends hin, ich sehe nicht die Welt und verachte sie. Es umgeben >nich da widerwärtige Leute, Händler und noch schlimmere Individuen, und ich weile mit ihnen allein unter einem Dache, da ich nicht ausziehen kann. Ich spare bis zur Knauserei — wo ich nur das gelent haben mag? — und dennoch habe ich gestern die mir vorgelegte Rechnung tiicht bezahlt, und der Kellner schaute mich mit einem Blicke au, in welchem außer Hohn irgend ein schreckliches Gefühl leuchtete . . . Wie bitter ist es der Frau, wenn das Schicksal sie dem Elende zur Beute wirst! Schrecklich, gräßlich, was aus dieser Welt vorgeht! Alles entsetzt mich; nicht durch die Natur der Sache, sondern durch das Plötzliche mir unverhofft vor den Augen stehend und mich mit der Grellfarbigkeit blendend; ich habe bisher das Leben nicht gekannt, und jetzt rächt es sich an mir. Und wie ist's mit der Religion, mit dein Glauben an eine Belohnung und Bestrafung jenseits des Grabes? Kennen sie das Laster und das Schlechte? Sie. . sie herrschen in den Büchern, aus den Lippen, aus den Lippen solch einer Marschallin und solch eines^ Vikars, aki^tuif der Welt ist Falschheit, Gleißnerei