Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 28 (12.7.1895)
- Date
- 1895-07-12
- Page
- Seite 447 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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‘Jir. 28 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 447. Männer" übersetzt. Diese amoritische (arische) Bevölkerung Palästinas, die mit den dortigen semitischen Stämmen häufig Ehen eingegangen ist, stellt selb)! nur einen Zweig jener blonden Völkersamilie dar, welche in mehr oder weniger beutlichen ältesten und auch durch ihre megalithischen Denkmäler für den ganzen Nordrad von Afrika uachgeiviesen ist und von den Ältegvplerii als Damehn t„Bolk der Nordländer") bezeichnet wurde. Für die Beurteilung der Nafsenmischung im Judentum kommen ferner in Betracht die Ehetiter oder Kheta, die von englischen Forschern als ein semitisch mongolisches Mischuvlk, dagegen von Luschau als eine den Armeniern nahe verwandte larmenoide) Urbevölkerung, die zugleich hinsichtlich ihrer Sprachzugehörigkeit der von Hominel und Pauli als „alarodische Sprachfamilie" bezeichneten Bölkergruppe zuzurechneu sei, ausgesaßt werden. Es sind demnach nach Lnschan in den Juden im Wesentlichen drei verschiedene Bolkselemente enthalten, nämlich 1. der ursprüngliche semitische Stamm, dem aber viele jener Eigentümlichkeiten, die inan heutzutage als spezifisch jüdische betrachtet, noch vollständig gefehlt haben; 2. die arabischen Amoriter; B. die den Armeniern nahe verwandten Ehetiter. Während die l 1 pZt. blonder Judeukiuder, welche die Virchow'sche Schnlkinderstatistik für das Deutsche Reich ergeben hat, zweifelsohne auf das im Judentum enthaltene arische Blut zurüerzuführeu sind, verdanken die Juden die gekrümmten Aasen und die unter ihnen vorherrschende Kurzköpsigkeit dem in der jüdischen Mischrasse enthaltenen armeuoiden (chetitischeu, Element. Neben jenen drei Haupkkontpoueu haben noch gewisse andere Beimischungen zum Judentum, wenn auch nur in geringerem Maste, stattgefundeu. Ebenso wie sich ans der Bibel eriveisen lästt, dast die Juden in .Umuimi mit beu dortigen uichtisraelitischeu Stämmen häufig Eben eingegangen sind, zogen nach Wiederaufbau des Tempels aus Syrien, (Griechenland, Palmyra w'. Angehörige fremder Völker nach Palästina und nahmen dort, um Jüdinnen heiraten zu können, das israelitische Bekenntnis an. Auch zur Zeit der Aömerherrschaft war nach Josephus der Uebertritt zum Judentum und die Ehe zwischen Juden und den Aeuübergetrelenen ein gewöhnliches Vorkommnis. Mischungen zwischen Juden und nichtjüdischen VolkSelemenken haben noch im B. Jahrhundert u d. E. Z. in der Provinz Ehusistan und in der Stadl Machuza (am Tigris), ferner im 8. Jahrhundert in der ftrim, wo aus der Vermischung der Juden mit dem tatarischen Stamme der Ehazaren die Karaim hervorgegangen tind, stattgesunden. Noch im 1B. Jahrhundert war in Ungarn die Zahl der zwischen Juden und Magyaren abgeschlossenen Ehen sehr beträchtlich. Auch die Judenverfolgungen in Spanien und Portugal haben, tnbcm sie den zeitweiligen scheinbaren Uebertritt zahlreicher Juden zum Ehristeutum bewirkten, der Vermischnug der spanisch-portugiesischen Juden mit fremden Aastenelementeu Vorschub geleistet. Geivisse außerhalb Europas lebende Juden, wie z. B. die Falaschas Abessiniens, die schwarzen Juden oder Hesodia au der Malabarküste Vorderindiens, die Daggatouus (schwarze Juden der Sahara) nud die Maramha (schwarze Juden der Loaugoküste), sind mit Wahrscheinlichkeit nur den Namen und der Neligion, nicht aber der Abstammung nach zum Judentum zu rechnen. Nicht der Neligion, aber ihrer Abstammung nach gehören zu den Juden noch die Ehetas oder Anustim der Balearen, die Maiminen von Salouichi und die E)did al Islam von Ehoramm. Die zwei grasten Abteilungen, iit die inan die Juden zu zerlegen pflegt, nämlich die Sephardim (spanisch-portugiesische Juden) und die Aschkenasim (deutsch-polnische Juden), unterscheiden sich von einander durch die verschiedene Aussprache des Hebräischen; dagegen ist ein durchgreifender Unterschied in der körperlichen Bildung der spanisch - portugiesischen Juden einerseits und der deutschpolnischen Juden andererseits nicht mit Sicherheit festzustellen. Daß die anthropologischen Untersuchungen bezüglich vieler körperlicher Eigentümlichkeiten der Juden erhebliche Schwankungen ergeben haben, findet seine Erklärung in jener Vermischung des ursprünglichen seinitischen Typus mit fremden Nast'enelententen. Die verhältnismäßig rasche Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und Defterreich-Ungarn gegenüber den Bekeunern anderer Neligionen beruht auf dem relativ frühen Abschluß der Ehen, der geringen Anzahl der unehelichen und totgeborenen Kinder und geringen Kindersterblichkeit während der ersten Lebensjahre, Umstände, die in ihrem Zusammenwirken ein beträchtliches Ueberwiegen der (Geburten über die Todesfälle bedingen. Ferner fällt auch ius Gewicht die durchschnittlich bedeutende Wohlhabenheit der Juden in diesen Ländern, die hierdurch mögliche und geübte Sorge für Nahrung und Wohnung, für rationelle Behandlung der Schwängern und Kinder und die geringere oder fast ganz fehlende Beteiligung der Juden an schweren körperlichen, das Individuum aufreibenden Arbeiten. Da, wo die Juden dicht beisammen wohnen, wie in Galizien, Polen und Westrustland, und nachteilige soziale oder moralische Einwirkungen zur Geltung kommen, sind auch die angeführten Verhältnisse weniger günstig. Die strenge Regelung der geschlechtlichen Beziehungen, welche das jüdische Gesetz vorschreibt, trägt wesentlich dazu bei, die jüdischen Frauen in guter Gesundheit zu erhalten. Gewisse körperliche Eigeutümlichleiten sind mit Wahrscheinlichkeit zurückzuführen auf ehemalige ungünstige Existenzbedingungen. So ist z. B. die niedrige Statur, der geringe Brustumfang der meisten Juden aufzufassen als eine durch die gesundheitlichen Nachteile des Ghettolebeus bedingte Wachstumsverkümmeruug, die selbst bei den unter günstigeren Verhältnissen lebenden Enkeln und Urenkeln der solchen Einflüssen ausgesetzten Juden noch zur Geltung kommt. Gewisse andere körperliche Mängel der Juden, wie z. B. das relativ häufige Vorkommen von Taubstummheit und Farbenblindheit, beruhen wohl im wesentlichen aus VerwandtschaftSheirateu. Unerwiefeu ist, daß der Jude sich iu tropischen Ländern leichter akklimatisiert als der Arier; doch mag die dem Juden eigentümliche Mäßigkeit im Genuß von geistigen Getränken demselben eine größere Widerstandsfähigkeit gegenüber den klimatischen Einflüssen verleihen. Ein der jüdischen Rasse eigentümlicher Geruch (foetor judaieus) ist nicht vorhanden. Die Anpassungsfähigkeit, die dem Judentum feine kosmopolitischen Eigenschaften verleiht, zeigt sich ganz besonders in der Sprache. Unter teilweiser Beibehaltung des Hebräischen haben die Juden im allgemeinen die Sprache des iu ihren Wohnsitzen herrschenden Volkes angenommen. Das Hebräische, welches noch zur Zeit der Makkabäer von den Juden gesprochen und geschrieben wurde, war seit den, babylonischen Eril bis zu gewissem Grade vom Chaldäischen (Dst-Aramäischen) verdrängt worden. Zugleich fand aber seit Alexander dein Großen die griechische Sprache und griechische Bildung unter den Juden ausgedehnte Verbreitung, und durch die Uebersetzuug der Bibel in das Griechische wurde das Judeittum in die Weltlitteratur eingeführt. Später bewirkten die Erobe-