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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-12 · 28 (12.7.1895) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 444 (sequence 4)
Language
German
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Seite 444 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. das letzte, welches der gottselige Dr. Grünwald vor seiner Neise in den Tod znr Uebernahme der Gemeindeangelegenheiten, (die sehr versahren und zerfahren sind) eingerichtet, und zwar für die Dauer von sechs Wochen den provisorischen Stellvertreter in der Person des Chacham Preeiado Bakisch, eines der herrorragendsten Talwndisten in Sofia, ja aus der ganzen Balkanhalbinsel, ivelcher bis znr Neubesetzung dieser obersten Würde im Amte und Staatsgebalte bleibt. Zur Charakteristik dieses Mannes sei erwähnt, daß derselbe schon während dreier Rabbinate der eigentliche Rabbiner der Gemeinde Sofia ist. Cr allein besitzt die nötige talmudische und rabbinische Gelehrsamkeit, um vorkommende Fragen zu erledigen. Cr allein prüft in wenigen Minuten jeden der Doktorrabbiner und füllt über dieselben sein Urteil. Die noch wenigen Talmudisten hier ragen an ihn nicht heran und geben sich mit der Autorität des Grandrabbiners zufrieden im Bewußtsein, daß alle rituellen Entscheidungen in guten Händen ruhen. Ich habe schon früher einmal darauf hingewiesen, wie schwierig hier eine Rabbinatssnnktioir sich gestaltet, wenn man nicht die nötige Vorbereitung besitzt. Der hiesige Grandrabbin muß äußerst tüchtig sein in der jüdischen (talmudisch-rabbinischen) Wissenschaft, sehr tüchtig in der Beherrschung von Sprachen, sehr weise im Rate als Diplomat und Politiker, als Schulmann sehr erfahren, und endlich von übermenschlicher Güte. Inbezug aus das jüdische Wissen nruß es als nufer sehnlichster Wunsch gelten, daß nur ein äußerst tüchtiger Talmudist und Hebraist diesen Posten übernehme, damit diesem die Führer- und Titelrolle zusalle und es nicht heiße: ja die deutsch-mährischen Rabbiner mögen wohl Doktoren sein, ihnen aber die Entscheidung in rituellen Dingen überlassen, heißt das Judentum der Unwissenheit anSliesern. Das jüdische Schulwesen liegt trotz der Oberaufsicht der Allianee hier sehr darnieder und erheischt eine kundige pädagogische Hand. Nimmt man nun an, daß beiderlei Gebiete ihren Mann bereits gefunden haben, und daß der Betreffende eine Aeguisition für eine europäisch-jüdische Gemeinde abgiebt, so kann derselbe kaum inbetracht gezogen werden für Sofia. Denn hier werden die Juden von dem Rabbiner repräsentiert, er hat unzählige Male am Hofe, zu Gratulationen und sonstigen Festivitäten zu erscheinen, wo die französische Sprache vorgeschrieben, obschon unser Fürst gern Deutsch spricht. Diese Sprache ersetzt für die ersten Jahre das Bulgarische. Sehr, ja dringend nötig erscheint die Kenntnis der fephardifchen Sprache, die unser sel. Dr. Grünwald in kurzer Zeit meisterhaft zu handhaben verstand. Diese Sprache scheint sich in die Seelen unserer Brüder so tief eingeprägt zu haben, wie das Feuer des Autodafe in deren Leiber. Dieses kafiilifche Kauderwälfch von heute gilt ihnen als „Indesmo", als heilige Sprache, und nur jenem Zauberklange erschließen die Inden ihre Ohren und Herzen. Eine inhallreiche sympathische Predigt wirkt oft elementar, suggestiv. Wer vollends schön Hebräisch spricht, verschafft sich Eingang in die Herzen der Jüdischnationalen und flößt Respekt ein den Unwissenden und Fortschrittlern. Ich sprach von „weise im Rate". Das ist sehr nötig. Ta der Rabbiner die Führerrolle in allen großen und kleinen jüdischen Angelegenheiten zu behaupten hat, da gar vieles seiner Initiative harret, anderes und vieles wieder erst unter dem Vorsitze des Großrabbiners zu erledigen ist, darum kann der Rabbiner eine starke Dosis geistiger Ueberlegenheit und parlamentarischer Geschicklichkeit nicht entbehren, Unser Rabbiner hat aber auch in politicis viel mitzusprechen und mitzuberaten, und obschon das politische Programm der Inden in dem lakonischen Satze gipfelt: „die Juden für die Regiernngspolitik und deren Kandidaten", hängt doch viel von der Art ab, wie diese Politik geführt wird. Auch scheint nicht unwichtig hervorznheben, welch eine große Rolle die Rabbinerin mitznspielen berufen ist, indem diese durch ihre Intelligenz, ihr jüdisch-gutmütiges Wesen diejenigen Kreise der intelligenten Damen an sich zu fesseln haben wird, welche mit beiden Füßen im Lager der Extremen sich befinden. Eine geistig hochstehende Rabbinerin kann durch ihr Beispiel den Heranwachsenden jüdischen Jungfrauen den Weg zur Bereinigung des Fortschrittes mit religiöser Hingabe an das angestammte Volk zeigen. Somit würde ein solch edles Ehepaar eine Kulturmission im wahren Sinne des Wortes ans der Balkanhalbinsel erfüllen und ruhig und lange Jahre seines Priesteramtes ivalten. Was die eigentliche RabbinatSwahl anbelangt, so sind die Stinnnen geteilt. Die einen behaupten, man müsse eine neue Assemblee berufen und einen Konkurs ausschreiben, was natürlich nur mit vielen Kosten und Blühen zu bewerkstelligen ist. Anderseits hat Rieses viel für sich, da gewisse Wolken am südöstlichen Himmel anssteigen, die auch für die Juden nicht gleichgiltig erscheinen und die Notwendigkeit einer gemeinschaftlichen Besprechung dringend machen. Eine andere Stimme läßt sich vernehmen nach der Richtung hin, daß die vorige Assemblee generale noch zwei andere Kandidaten normiert hatte, und zwar die Herreit Rabbiner Dr. Kisch und Dr. Kantinka, beide in Prag, ivelche nunmehr als Kandidaten iitbetracht zu zieheit ivüren. Letzterer wurde nur seinerzeit zu spät angemeldet und besitzt neben seiner anerkannten Tüchtigkeit in judaicis uoclt den Vorzug der Beherrschung der russischen Sprache. Also stehen die Verhältnisse bis zur Stunde. Pt fflMkmifcrkiiW. (>. Am 4. Juni er. fand zu K önig s b e r g die 7. Konferenz der jüdischen Religionslehrer des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens statt. Jin Anschlüsse daran und derselben vorausgehend hielt die Schulinspektion des Verbandes ihre ordentliche Sitzung im Waisenhanse daselbst ab. Der Vorsitzende der Schulinspektion, Herr Rabb. Dr. Bamberger- KönigSberg begrüßte die Versammelten und gab zunächst einen kurzen Bericht über die Thütigkeit der Schulinspektion im verflossenen Jahre, aus dem hervorgeht, daß dieselbe durch persönliche Hindernisse der Mitglieder und zahlreicher Vakanzen verhindert war, Inspektionen vorzunehmen; doch ist für das neue Verwaltungsjahr die Ausnahme der Inspektionsreisen wieder zu erhoffen. Rach Festsetzitng der Tagesordnung für die Konferenz- Verhandlung und Vorbesprechung einiger Gegenstände derselben schließt die Sitzung um Uhr Abends. Dienstag, den 4. Juni. Vormittags 0 Uhr begann die Konferenz im Saale des Artushofes. Zn derselben waren 40 Lehrer und 20 Gäste erschienen. Der Vorsitzende der Schulinspektion eröffnete die Sitzung und begrüßte die Erschienenen, insbesondere die anwesenden Vertreter der Königsberger Synagogengemeinde, die Herren Rechtsanwalt Holz, Kommissionsrnt Laser, Kommerzienrat Cohm vom Vorstand und Herrn Laser Eichelbaum von der Repräsentanten- Versammlung. Ersterer gab den Wünschen der Synagogen-

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