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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-12 · 28 (12.7.1895) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 443 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 443. Die Kirchhosverwaltung unserer Gemeinde geht ja, was Korrektheit, Takt und jüdisches Gefühl betrifft, den Beamten mit dem besten Beispiel voran, und wir, die wir uns bekanntlich nicht scheuen, eine gerechte Kritik an den übrigen Berwaltuugszweigen zu üben, wir erkennen bedingungslos an, daß in der ganzen Diaspora keine Gemeinde existiert, die das Beerdigungsivesen so musterhaft ausübt, wie die Berliner. Die rituelle Behandlung der Leichen, Sterbekleider und Sarg eines Bettlers unterscheiden sich kaum von denen eines Millionärs. Selbst in Paris kennt man eine dreiklassige Bestattung, in Berlin aber nicht. Die Rechnung über die Beerdigung und über die Grabstätte wird freilich den Hinterbliebenen nach Ablauf der sieben Trauertagen präsentiert, aber es wird nienrand gezwungen sie zu bezahlen, höchstens wird verlangt, daß die Hinterbliebenen schriftlich erklären, daß sie dazu außer stände seien. Wollen die Hinterbliebenen einen Denkstein setzen lassen, so wird zwar mit Recht verlangt, daß vorher die Rechnung geordnet werde, aber auch in diesem Falle wird Rücksicht genommen und die kleinsten Ratenzahlungen acceptiert. ^Vielleicht nimmt ein antisemitisches Echo auch die vorstehende Schilderung in ihre Spalten auf. Auch diese „jüdische Geschäftspraxis" verdient von ihr festgenagelt zu werden. Solches Material können wir, trotz unserer fortgesetzten Kritik, noch viel mehr liefern.) — Von diesen Toten kehren wir zu unserm Oni choschuw kemes, zu dem „Armen, der einem Verstorbenen gleicht" — zu uuserm Helden zurück, denn ein Held ist er in der That, größer als ein Städtebezwinger. Er hat nun im Rahmen feines Amtes und seiner Fähigkeiten alles versucht, uud wie wir gesehen, ist ihm alles mißlungen! Wir kannten einen fähigen Privatbeamten, der so ins Unglück geraten war, daß er schließlich, um seine große Familie vor Hunger zu schützen. Tag und Rächt Adressen für Bureaux — pro Tausend Mk. 1,i)0 — schrieb. Ein anderer bat eines Abends flehentlich einen Leidensgenossen, der selbst nichts besaß, um zwanzig Pfennige, um dafür feinem einjährigen Kinde — Milch zu kaufen, das au dem Tage noch nichts genossen hatte. Wenn die Herren Gemeinde-Rabbiner, die wöchentlich außer ihreur Gehalt öfters Hunderte von Mark einnehmen, die Adresse dieses jgtzt noch notleidenden Amtsgenossen wünschen, so wird der Autor den Flamen der Redaktion mitteilen. - Wir schildern weiter, getreu nach der Natur. Nachdem alles Entbehrliche veräußert war und keiner kam, der Beschäftigung brachte, ging unser Held, (lies immer im Plural) — aus Zeitvertreib natürlich --- täglich nach den verschiedenen Leihämtern und brachte von dort auch meistens einige Groschen heim. (Es nützt nichts mein Leser, wenn auch beim Lesen die Augen feucht werden, es müssen hier einige Illustrationen beigefügt werden, wenn sich auch die Feder sträubt. Diese Artikel haben einen bestimmten Zweck, und soll dieser erreicht werden, so muß ein geringer Teil der Wahrheit enthüllt werden!) Einem dieser Beamten, Prediger an einer großen Privatgemeinde, erkrankten zwei Kinder am Typhus. Rach 6 Wochen erlaubte der Arzt, daß die kleinen Patienten ein halbes Brötchen mit Schabefleisch essen dursten. Die Kinder jauchzten vor Freude, die glückliche Mutter nahm ihnen das letzte vorhandene Bett, versetzte es und kaufte für das Darlehn den kleinen Patienten für einige Tage Stärkungsmittel. Derselbe Prediger bereitete sich regelmäßig für eine Trauung auf folgende Weise vor: er borgte an verschiedenen Stellen bis zu 5 Stark, um dafür — seinen Talar einzulösen, und da er keinen Schrank mehr hatte, um das Requisit seiner Amtswürde auszuheben, brachte er es sofort nach der Trauring wieder zum Pfandleiher. Genügen diese Beispiele? Sonst dienen wir, wenn auch mit Widerstreben, mit der zehnfachen Anzahl. Die wenigen Freunde und Bekannten zogen sich, nach den: Beispiele der Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, zurück. Doch der Alaun blieb deswegen nicht vereinsaint. Es kanren andere Besucher, die in höflicher Weise ihre Visitenkarten mit einem preußischen Adler zurückließen und diese, damit sie nicht verloren gingen, an Tisch und Spiegel klebten. Darauf wurde in der Wohnung, auch nach Peßach — aufgeräumt. Wozu ein Spiegel und ein Kanaps? — Der Geplagte fand selbst in der 'Nacht keine Ruhe. War dann alles überflüssige fort — nur der, welcher entbehren kann, ist wahrhaft glücklich! — dann erkundigte sich das Amtsgericht nach dem Wohlbefinden des Herrn. Man wollte wissen, was in seiner Wohnung noch vorhanden war und ob er außer einein Rock, außer Hose, Strümpfen und Wüsche noch sonst etwas besitze. Diese Habe wurden ausgeschrieben — man nennt das offiziell: Vermögens-Verzeichnis — und die Richtigkeit mußte darauf durch einen Eid bekräftigt werden. . . Der Unglückliche, der soweit gekommen, — und es sind nicht wenige, die diesen: Schicksal verfallen, — ist längst abgestumpft, aber auch für die Hauptgemeinde und ihre Vertreter ist es eine Schmach, wem: der Herr Doktor, Rabbiner, Prediger oder Kantor zum Offenbarungseide aufgerufen wird. . . Genug davon! Wir wollten nur zeigen, wohin das gewissenlose Verfahren vieler Privatgemeinden führt, wenn sie Beamte aus der Provinz engagieren, um sie dem Elende preiszugeben, und wie gefährlich es ist, wenn diese Brausten, auch wenn sie in einer kleinen Gemeinde nur ein bescheidenes Einkommen besitzen, von der Ehrsucht getrieben, „Großstadtluft" atnren wollen. Wäre in jüdischen Kreisen die Scheu vor dem Selbstmorde nicht so groß, wahrlich die Statistik würde aus diesem Stande manche Namen zu verzeichnen haben! Das lialgarilchk Krandrabbinat. Udier das so unerwartet vakant gewordene Grandrabbinat von Bulgarien erhält die „Neuzeit" in Wien eine Zuschrift aus Sofia, die der Wiedergabe wert ist, weil sie einen Einblick gewährt in die eigenartigen jüdisch-gemeindlichen Verhältnisse Bulgariens, die durch den enschlasenen Dr. Grünwald unbestritten eine gewisse Bedeutung erlangt, ein nicht geringes Interesse wachgerusen haben. Der Korrespondent des genannten Blattes schreibt: Noch wölben sich die frischen, feuchten Erdschollen über die sterblichen Ueberreste des in so jugendlichen Jahren dahingeschiedenen Großrabbiners Dr. Grünwald, noch sind die Thränen an den Wangen seiner Verwandten und Freunde nicht getrocknet, als schon zarte Kandidatenwinke für die erledigte Vakanz eingelaufen und bedeutsame innige Kondolenzen von berufener Stelle, die beredter sprechen, als effektive Bewerbungsgesuche. Weshalb denn nicht? Der unerbittliche Tod vernichtet ja die ganze Persönlichkeit mit allen ihren Rechten und Vorrechten und macht die Bahn frei. Auch in jüdischen Kreisen Sofias wird die Frage ventiliert: wer soll uns nun vorangehend Bereits bestellte ein provisorisches Verwaltungskomitb,

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