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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-07-12 · 28 (12.7.1895) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
28 (12.7.1895)
Date
1895-07-12
Page
Seite 442 (sequence 2)
Language
German
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Seite 442 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 28. stimmte Beschaffenheit und Richtung, welcher sich selbst entschiedene Gegner nicht ganz entziehen können, so daß auch diese von jener unbewußt beeinflußt werden. Schrift und Rede sind daher durchaus nicht blos Gespräch des Schriftstellers oder Redners mit jedem einzelnen 2eser und Zuhörer, sondern wie der Ausspruch eines großen Ganzen ans einen einzelnen Teil oder ein Glied desselben, und ihre Wirkungen daher nicht bloS ertensiv, sondern auch intensiv unwägbar größer. — Laßt mich daher nur noch eine Bemerkung hinzusügen, die in Privatwie öffentlichen Händeln viel zu wenig beachtet wird. Tie entschiedene Ueberzengung eines Menschen ist viel weniger das Erzeugnis seiner eigenen geistigen Thätigkeit, seines Nachdenkens und Erwägens, als man gemeinhin annimmt. Vielmehr reilt sie als Produkt aus der natürlichen Anlage, der Erziehung, den Lebenssckickfalen hervor, sie ist das Ergebnis eines gangen Lebens, der Znsammenwirknng aller Momente. Hieraus geht hervor, daß das Individuum viel weniger verantwortlich ist für seine Ueberzengung, als rnan es zu machen pflegt, daß aber auch der einzelne viel weniger bildungsfähig, viel weniger einer entgegengesetzten oder nur sehr verschiedenen Meinung zugänglich ist, als man annimmt. Wo die Vernunftgründe aushören, da sangen die Interessen an, und wo diese zu Ende gehen, da ist noch das eingewurzelte Gefühl vorhanden, und dies ist noch der hartnäckigste Gegner, da es gar keine Handhabe hat, wo es anzufassen, und immer wieder hervorschießt,, wenn es abgeschnitten ist. — Ans diese Weise sprechen Sie also dem Menschen die Bildungssähigkeit und die Verantwortlichkeit betreffs seiner Ueberzengung ganz ab — Dies glaube ich nicht gesagt zu haben. Im Gegenteil tritt ja die Bildungssähigkeit des Menschen um so bedeutsamer hervor, je weniger wir sein Wesen und seinen geistigen Gehalt als das Produkt seiner eigenen Geistesthätigkeit, seines bewußten und absichtlichen Nachdenkens anerkennen, sondern die Einivirknng vielfacher anderer Momente betonen. Wir setzen dann nur eine geringere Bildungsfühigkeit vermittelst Vernunstgründe und logischer Einwünde fest, erkennen aber den Menschen als vielseitig und ganz anderen Einflüssen zugänglich an. Fragen Sie aber, wo die Verantwortlichkeit des Menschen für seine Ueberzengung anfange? so antworte ich: nach innen da, wo er sich einer in ihm selbst schon obsiegenden besseren Ueberzengung eigenwillig und gewaltsam entzieht und sie aus sich selbst verdrängt; nach außen, wo er seiner Ueberzengung mit Eingriffen ans die Freiheit, das Leben und das Eigentum anderer die Dbherrfchaft erzwingen will. Hiermit ist aber auch die wahrhafte Humanität und Duldung begründet und dem gewaltthütigen Tunatismns die Grenze gefetzt. Die pmatzeinkiii-cit in örrlin. Von Bar Minair- IX. Eigentlich gehören die Beerdigungen nicht mehr zu den Funktionen der Privatbeamten, die nur noch selten dafür verlangt werden. Es gab eine Zeit, wo jeder Ehewra-Rabbi sich im Talar auch bei dieser ernsten Feier produzierte und manche peinliche Situation entstand ans den jüd. Kirchhöfen durch die Reden dieser Herren, bis der Vorstand vor etwa 18 Jahren dekretierte, daß er sich Vorbehalte, für jeden derartigen Fall die Erlaubnis zu erteilen und daß nur die I Rabbiner der Hauptgemeinde und die Prediger der Reform- Gemeinde im Talar erscheinen dursten. Dieser Beschluß wurde anfangs der achtziger Jahre öffentlich diskutiert und der Autor dieser Briefe, der damals noch öfters Grabreden zu halten hatte, stimmte diesem Beschluß bedingungslos zu. Man kann es in Privatkreisen, bei Trauungen und an den hohen Feiertagen leider nicht hindern, daß dieses geistliche Attribut oft mißbraucht werde, denn der Talar gilt doch nun einmal (bei uns mit Unrecht) als solches. Wir kennen einen biederen Handelsmann, der täglich in der Markthalle — Hühner verkauft, aber an den hohen Feiertagen stolz im Talar einhergeht und, was noch schlimmer ist, auch predigt was man so „predigen" nennt. Da die Gemeinde in Gefahr geriet, daß solchen Funktionären von Nichtjnden eine offizielle Bedeutung beigelegt werde, so mußte diesem Unfug notwendigerweise gesteuert werden. Heute sind wir sicher, daß der Vorstand nur bekannten Predigern diese Erlaubnis erteilt, die übrigens nur selten noch als Grabredner fungieren. Gewissenhafte Rabbiner werden zudem mit uns darin übereinstimmen, daß diese Kasualien wenig dankbar sind, trotzdem sie — Geld eintragen, und wir glauben zur Ehre des ganzen Standes, daß der Rabbiner den Erwerb nicht als Hauptaufgabe betrachtet, trotzdem es witzig im Volksmunde heißt: Rabbo-n i m m! Daß man hervorragenden Männern und edlen Frauen nach dem Tode unbeschränktes Lob in der Grabrede erteilt, ist ganz in der Drdnung. Nicht aber sollte sich ein Rabbiner dazu bestimmen lassen, jedem Verstorbenen, dessen Hintervliebene für die Grabrede 80-100 Mark bewilligen, eine warme Lobrede zu halten, und zwar lediglich nach den Notizen des Sohnes oder eines anderen Verwandten. Und das geschieht und hat schon öfters durch böse Nachreden die ganze schöne Grabrede illusorisch gemacht. Die amtierenden Rabbiner handeln bona fiele, aber derartige Reden haben oft selbst bei den Angehörigen gerechtes — Erstaunen hervorgernfen. 'Möchten nufere vielbeschäftigten Rabbiner einmal a la Harun a Raschild mit der Pferdebahn nngekannt von Weißensee nach der Stadt zurückfahren, sie würden von der „andächtigen Tranerversammlung" Rezensionen über ihre Rede hören, daß ihnen die Ohren gellen und die sie vorsichtig machen würden. Die Herren Rabbiner, die doch weder ans diese Einnahme angewiesen, noch sie herbeisehnen, sollten die Einrichtung treffen, gemeinschaftlich einige bekannte Berliner Israeliten zu bc- . folden, die für jeden Fall schleunige und sichere Er- ,/ kundignngen einziehen; es würde ihnen mancher bittere Vorwnrf "erspart bleiben und es würden keine Kritiken laut, wie .. wir beispielweise vor hunderten eine hier festnageln, die wir selbst mit angehört. Vor einiger Zeit starb ein reicher Mann; der Rabbiner hielt eine rührende Totenklage, wobei kein Auge — naß wurde. Er schilderte die hohen Tugenden, den Edelmut, die Wohlthütigkeit des selig Entschlafenen und einer der Angehörigen sagte nach der Feier: „Die Rede war in der That ganz angemessen: das Leben des Entschlafenen war eine große Lüge, — die Grabrede war es auch!" In der Provinz können die Beamten in allen Fällen bei solchen Gelegenheiten sprechen; sie werden keinen Faurpas machen, da sie alle ihre Gemeindemitglieder kennen. Hier aber heißt zur Ehre des Rabbineritandes: Vorsicht! Das gilt für alle Theologen, für die im Tallis, wie für die-- mit der Stola. Hier christelt es sich, wie es sich jüdelt.

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